Terror als Chance für den christlich-islamischen Dialog

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  • Mali - 27.07.2018

Angesichts des islamistischen Terrors im Norden Malis hat sich der christlich-islamische Dialog in dem westafrikanischen Land verstärkt. Das beobachtet der weiße Vater Pater Josef Stamer, der seit 52 Jahren in Mali lebt und in Bamako das Institut zur christlich-islamischen Ausbildung gründete. Doch Korruption, Arbeitslosigkeit und auch der Klimawandel werden zunehmend zum Problem. Ob die Präsidentschaftswahl am Sonntag Besserung bringt?

Frage: Pater Stamer, am Sonntag wird in Mali ein neuer Präsident gewählt. Armut und Arbeitslosigkeit sind wohl nur ein Teil vieler Probleme, die den Bürgern unter den Nägeln brennen ...

Stamer: Das große Problem ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Über die Hälfte der Malier ist unter 20 Jahre alt. Da gibt es Tausende von jungen Leuten mit Universitätsabschlüssen, die keine Stelle finden. Die Schulen und Universitäten sind auch nicht auf eine direkte Entwicklung des Landes ausgerichtet. Sie bilden Juristen und Kommunikatoren aus. Aber es gibt zu wenige Nachwuchskräfte, die wirklich die Probleme des Landes in die Hand nehmen könnten. Mittlerweile gibt es in Mali Korruption auf allen Ebenen, vom Polizisten am Straßenrand bis hin zu den höchsten Stellen. Die Gefahr besteht, dass die Malier sich damit abfinden.

Hinzu kommen neue Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen wie den sogenannten Dogon, also Ackerbauern und den Peulh, den Viehzüchtern. Hier spielt der Klimawandel eine zentrale Rolle, weil die Viehzüchter immer weiter nach Süden vordringen, da im Norden keine Weiden mehr sind. Die letzte Regenzeit war sehr schlecht. Die Dogon entwickeln auch neue Anbaumethoden mit Pflügen und Traktoren und bearbeiten immer größere Flächen. Da wird es eng für die Viehzüchter. In den vergangenen Monaten hat es mehrere bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen diesen Bevölkerungsgruppen gegeben. Das ist in Mali ganz neu. Diese Völker leben seit Jahrhunderten zusammen. Aber jetzt ist da ein Konflikt ausgebrochen, der sehr schwer wieder einzufangen ist.

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Frage: Dabei sorgen schon die islamistischen Terroristen für Instabilität.

Stamer: Ein Großteil der Terroristen kommt aus dem sogenannten Islamischen Staat in Syrien und dem Irak. Ein Teil ist über IS-Zellen in Libyen weitergezogen nach Mali. Auch Flüchtlinge, die es nicht über das Mittelmeer schaffen, werden von islamistischen Gruppen rekrutiert. Zum Teil kommen auch Islamisten aus Algerien. Die Beziehung zwischen Mali und Algerien ist sehr zweischneidig. Man geht davon aus, dass Algerien die Terroristen auf dem Staatsgebiet verfolgt, sie dann aber nach Mali schickt. In Mali mischen sie sich unter die Bevölkerung, da weiß man nie, wer Terrorist ist und wer zu welcher Seite gehört. Sie werben junge Malier an, bieten ihnen viel Geld an, unterziehen sie einer Gehirnwäsche und bilden sie zu Kämpfern aus.

Die Terroristen suchen sich Märkte und größere Versammlungen und schießen los. Die Folge der bewaffneten Auseinandersetzungen ist auch die Verbreitung von Schusswaffen. Ein großer Teil kommt aus Libyen. Ein Teil der Waffenreserven vom libyschen Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi wurde von den Unabhängigkeitskriegern, den Touareg, nach Mali gebracht. Auch der Drogenhandel floriert. Die Drogen kommen von Südamerika über Westafrika nach Europa. Von den Drogen kaufen sich die Kämpfer ihre Waffen.

Deutsche Bundeswehrsoldaten sind seit fünf Jahren Teil der UN-Friedensmission in Mali.

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Frage: Die UN-Friedensmission ist mit deutschen Truppen nun das fünfte Jahr in Mali. Glauben Sie, dass die Mission Erfolg bringen wird?

Stamer: Die Friedensmission hat das Ziel, die Umsetzung des Friedensvertrags von 2015 mit den Touareg-Rebellen, von denen bei Weitem nicht alle Islamisten sind, umzusetzen und zu begleiten. Islamisten haben sich am Friedensvertrag aber gar nicht erst beteiligt und sich in kleine Gruppen aufgespaltet. Der Terror geht also weiter. Die Sicherheit kann auch nicht nur mit Waffen garantiert werden. Da muss viel mehr geschehen im Norden Malis auch im sozialen Bereich, in den Schulen, der Verwaltung und es braucht Arbeitsplätze für die Jugendlichen, damit die Bevölkerung wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft hat. Das kann die UN-Friedensmission nicht garantieren. Dem jetzigen Präsidenten werfen die Malier vor, nicht genug getan zu haben, damit der Norden sich stabilisiert.

Frage: Zwei bis drei Prozent der Malier sind Christen, über 90 Prozent sind Muslime. Wie steht es um das Verhältnis von Christen und Muslimen in Zeiten des Terrors?

Stamer: Im Norden waren die Christen eine kleine Minderheit und mussten 2012 vor den Islamisten fliehen. Als die Islamisten dann auch noch das sogenannte Korangesetz für den Norden verabschiedeten und auf dessen Grundlage begannen, die Menschen zu geißeln mit drakonischen Strafen, öffnete das vielen Muslimen, die mit den Christen im Süden des Landes zusammenleben, die Augen. Die Muslime haben verstanden, dass man tolerant bleiben muss. Für die Christen war das ein Aufatmen. Die Regierung hat daraufhin verschiedene Strukturen für den christlich-islamischen Dialog geschaffen. Ein eigenes Ministerium für religiöse Angelegenheiten wurde gegründet und der zuständige Minister spricht laufend vom christlich-islamischen Dialog. Bei jeder größeren Feier von Priesterweihen, Jubliäen oder der nationalen Wallfahrt ist er dabei. Auch bei Streitfragen kommt immer ein Gremium der religiösen Führer von Katholiken, Protestanten und Muslimen zusammen und berät den Präsidenten.

Viele Malier sind von Präsident Ibrahim Boubacar Keïta enttäuscht.

KNA

Frage: Ist die Eskalation durch die Islamisten im Norden Malis also eine Chance für den christlich-islamischen Dialog?

Stamer: In Mali auf jeden Fall. Früher hat man nicht viel über das Zusammenleben von Christen und Muslimen nachgedacht. Das war normal. Jetzt, durch diesen Einfall der Islamisten, denken die Muslime viel stärker darüber nach, wie sie ihre Religion leben und wie sie mit anderen zusammenleben. Da gibt es viel mehr Initiativen zur Begegnung von muslimischer Seite als früher.

Frage: Viele Malier verlassen das Land und begeben sich auf die Flucht Richtung Europa.

Stamer: Die jungen Leute in Mali sehen keine Zukunft und der Drang, ins Ausland zu gehen, steckt bei vielen drin. Nur zieht es sie jetzt stärker als früher nach Europa. Früher gingen viele Malier in die Elfenbeinküste, den Senegal, arbeiteten dort auf Erdnussfeldern oder in Gabun während des Ölbooms. Diese Perspektiven in den Nachbarländern gibt es heute so nicht mehr.

Die Wanderungsbewegungen haben auch klimatische Gründe. Ein Großteil der Malier gehört der Landbevölkerung an. Es gibt nur eine Regenzeit von Juni bis Dezember. Wenn die Ernte eingebracht ist, sind die jungen Leute auf dem Land arbeitslos und gehen in die Stadt, um dort Geld zu verdienen. Viele gehen weiter ins Ausland. Und mit den modernen Medien kennen die Malier Europa besser als früher.

Jetzt fliehen sie über Niger nach Libyen und versuchen nach Europa zu gelangen. Von der libyschen Regierung aus werden Rückführungen gemacht. Alle zwei, drei Wochen kommt in Mali ein Flugzeug mit über 200 Flüchtlingen an.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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