Spur des Terrors

  • Philippinen - 16.07.2018

Nahezu unbeachtet von der Weltöffentlichkeit herrschte im vergangenen Jahr Krieg auf der philippinischen Insel Mindanao. Kämpfer des Islamischen Staats hatten am 23. Mai 2017 die Stadt Marawi belagert und in ihre Gewalt gebracht – das Militär schlug zurück. Fünf Monate dauerten die Luftangriffe und Straßenschlachten. Hunderte Christen wurden als Geiseln genommen, viele von ihnen getötet. Die Überlebenden können das Grauen nicht vergessen.

Zunächst waren die Schüsse des 23. Mai 2017 nichts Ungewöhnliches für die Maranaos, die mehrheitlich muslimischen Bewohner von Marawi und der Region um den Lanao-See. Zwischen den befeindeten Clans und Drogenbossen in der 200 000-Einwohner-Stadt auf der philippinischen Insel Mindanao ging es oft hart zur Sache. Schießereien gehörten für die Bewohner zum Alltag. Auch Jaylord Montesa und seine Kollegen, die aus der benachbarten Stadt Illigan kamen und gemeinsam seit mehreren Wochen auf einer Baustelle im Zentrum von Marawi aushalfen, arbeiteten zunächst weiter. „Erst als am Mittag die Schüsse kein Ende nahmen, Militärhubschrauber über uns kreisten und die Explosionen um uns herum immer lauter wurden, wunderten wir uns, warum das so lange dauert“, erzählt der 23-Jährige. Wenn er sich heute an den Tag zurückerinnert, als der Schrecken in Marawi seinen Anfang nahm, knetet er angespannt seine Hände, seine Stimme zittert. Er sieht sie noch immer vor sich, die schwarz gekleideten Männer mit erhobenen Maschinengewehren, die wie aus dem Nichts durch die Straßen patrouillierten. Er hört noch immer die Stimmen der bärtigen Männer, die mit Megaphonen Anweisungen auf Arabisch in die Gassen brüllten.

Nur wenige Stunden zuvor hatten philippinische Militärs den früheren Anführer der Terrorgruppe Abu Sajaf, Isnilon Hapilon, in einem angemieteten Appartement ausfindig gemacht. Er war heimlich in die Stadt gekommen. Doch die geplante Festnahme des weltweit gesuchten Terroristen missglückte. Das Militär sah sich plötzlich unzähligen IS-Anhängern unter anderem auch aus Malaysia, Indonesien und dem arabischen Raum gegenüber, die offenbar bereits Tage und Wochen zuvor von der örtlichen Maute-Terrorgruppe in die Stadt geschleust worden waren. Aus der auf wenige Stunden angesetzten Militäraktion wurde ein Krieg, der fünf Monate dauern sollte.

Jaylord Montesa (23) war wochenlang Geisel der islamistischen Kämpfer in Marawi.

Fritz Stark/Missio München

In der Gewalt der Islamisten

In nur wenigen Stunden gelang es den IS-Kämpfern, die Innenstadt Marawis in ihre Gewalt zu bringen, öffentliche Gebäude wie das Krankenhaus und Polizeireviere zu besetzen. Sie steckten die katholische Kathedrale in Brand, köpften die Heiligenstatuen und begannen, alle Wege in und aus der Stadt zu kontrollieren. Schnell sprach sich herum, dass die Besetzer nur Muslime passieren lassen. Obwohl viele Maranaos ihren christlichen Nachbarn bei der Flucht halfen, indem sie ihnen in Windeseile beibrachten „La ilaha illa allah“ – „Es gibt keinen Gott außer Allah“ – richtig auszusprechen und ihnen muslimische Kleidung und Kopftücher ausliehen, gelang nur einem Bruchteil der Christen die Flucht. Viele, die in Panik davonrannten, wurden erschossen. Die, die sich versteckt hielten, wurden als Geisel genommen. Etwa 600 Kinder, Frauen und Männer waren wochen-, manche sogar monatelang in der Gewalt der Islamisten. So auch Jaylord Montesa und seine christlichen Kollegen. In Todesangst harrten sie mehrere Tage und Nächte auf ihrer Baustelle, während wenige Meter von ihnen entfernt die Besatzer wüteten. Sie ernährten sich von herumliegendem Karton, den sie in Stücke rissen und in Regenwasser aufweichten. Schließlich wurden sie von IS-Männern aufgespürt und als Geiseln verschiedenen Kämpfern im besetzten Zentrum zugeteilt.

Von da an wurde Jaylord Montesa auf Plünderungszüge durch die besetzte Stadt geschickt. Er musste mitansehen, wie Mitgefangene exekutiert wurden, musste Gräber für die toten Kameraden schaufeln und wurde gezwungen, bei Straßenschlachten an vorderster Front gegen das philippinische Militär zu kämpfen. „Wenn ich mich geweigert hätte, sie hätten mich sofort getötet“, ist sich der junge Mann sicher. Doch Jaylord wollte nicht sterben. Er wollte seine kleine Tochter wiedersehen, seine Frau, seinen Bruder, seine Eltern. Daher fügte er sich den Geiselnehmern, tat, was sie ihm befahlen und schoss um sein Leben. Beim geringsten Widerstand drohten sie ihm mit dem Tod. „Einmal haben sie so getan, als würden sie mir in den Kopf schießen. Aber sie zielten an meinem Ohr vorbei auf die Mauer hinter mir“, sagt er und lacht kurz verzweifelt auf. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich das alles überlebt habe.“

58 Tage dauerte für Jaylord das Martyrium. Am 20. Juli gelang ihm die Flucht. Einer seiner Bewacher erlaubte ihm heimlich, sich per Handy bei seiner Frau zu melden. Da die Angehörigen der Geisel in ständigem Kontakt mit dem Militär standen, gab sie ihm eine genaue Anleitung, wie er sich bei seiner Flucht zu verhalten habe, um nicht für einen IS-Kämpfer gehalten und erschossen zu werden. „Gemeinsam mit drei anderen Geiseln haben wir uns nachts davongeschlichen. Wir haben unsere T-Shirts zerrissen und daraus weiße Flaggen gebastelt. Irgendwann sind wir an den See gekommen, sind reingesprungen und geschwommen. Über uns kreisten die Hubschrauber des Militärs. Ich wäre fast ertrunken, weil ich immer versucht habe, die durchnässte Flagge hochzuhalten. Wir haben die roten Laserpunkte der Maschinengewehre auf unseren Körpern gesehen. Ich dachte, jeden Moment schießen sie uns tot.“ Doch Jaylord und seine drei Begleiter kamen mit dem Leben davon. Der Großteil der anderen 600 Christen schaffte es nicht.

Auch Monate nach Ende des Krieges leben noch Zehntausende Menschen in Flüchtlingscamps.

Fritz Stark/Missio München

Frieden in die Region zurückbringen

Während der fünfmonatigen Gefechte wurden nach Angaben des Militärs mehr als 1.200 Menschen getötet. Darunter 168 Soldaten und 78 Zivilisten. 947 Tote werden unter „Pro-IS“ gelistet, zu ihnen zählen auch die meisten der toten Geiseln. „Sobald sie auf Seiten des IS gekämpft haben, rechnet sie die Regierung zu den Feinden“, erzählt der Laienbruder Reynaldo „Rey“ Barnido. Auf Initiative von Marawis Bischof Edwin de la Peña haben Barnido und die beiden philippinischen Patres Gary Alvarado und Eleodoro „Nono“ Reteracion noch während der Belagerung im August vergangenen Jahres die Hilfsorgansiation Duyog Marawi gegründet, ein interreligiöses Dialogprojekt, das den Frieden in die Region zurückbringen soll. Ziel von Duyog Marawi, was so viel wie „Gemeinsam für Marawi“ bedeutet, ist es, Christen und Muslime zu versöhnen, Vorurteile abzubauen, die Folgen des Krieges Hand in Hand aufzuarbeiten und vor allem den Menschen zu helfen, die im Krieg alles verloren haben.

Als die Belagerung begann, wurde die 200.000-Einwohner-Stadt komplett evakuiert, alle Bewohner mussten ihre Häuser verlassen. Wer nicht bei Verwandten oder Freunden in der Region unterkam, wurde in notdürftig aufgebauten Zeltstädten untergebracht. Auch Monate nach Ende des Krieges im vergangenen Oktober leben noch Zehntausende Menschen in den Flüchtlingslagern. Die Häuser um das Stadtzentrum sind niedergebrannt, die komplette Innenstadt gleicht einem Trümmerfeld. „Ground Zero“ nennen sie das heute. Wer mit Begleitschutz des Militärs vorgelassen wird, findet sich zwischen Ruinen wieder. Der Schutt türmt sich meterhoch, die Mauern der einstigen Wohnhäuser sind von Einschüssen durchlöchert, die Bomben der Luftangriffe haben viele Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Die Türme der zerstörten Moscheen ragen wie Mahnmale in den Himmel, die katholische Kathedrale gleicht einer ausgebombten Lagerhalle. Alles Leben in der Stadt: ausgelöscht.

„Die Menschen brauchen schnell wieder Arbeit, sie fühlen sich im Stich gelassen!“

— Sultan von Marawi, Abdul Hamidullah Atar.

Allein ein halbes Jahr dauerte es, bis das Militär das Zentrum, in dem einst etwa 20.000 Menschen lebten, von Bomben und Blindgängern gereinigt hatte. In diesen Wochen werden die Bewohner erstmals für ein paar Stunden zu den Ruinen ihrer Häuser vorgelassen. Sie schleppen das heraus, was vom einstigen Leben übrigblieb: Ein paar Matratzen, Sofas, Kühlschränke oder Baumaterialien für ein neues Zuhause. Was mit Marawi passieren wird? Die Menschen zucken mit den Schultern: Verwaltung und Regierung äußern sich nicht. Mit ihrem Zuhause haben die Maranaos auch ihr Einkommen verloren. Die meisten Menschen in der Stadt lebten vom Handel, hatten kleine Marktstände oder Handwerksbetriebe.

Angst vor einem zweiten Marawi

Bereits während des Krieges hat Duyog Marawi geflüchteten Muslimen und Christen geholfen. „Wir verstehen uns als interreligiöses Instrument des Friedens“, sagt Gründungsmitglied Rey Barnido. Mit seinem Kollegen Pater Gary Alvarado sitzt er im Garten der provisorischen Zentrale der Hilfsorganisation im Konvent des Redemptoristen-Ordens in der etwa 30 Kilometer von Marawi entfernten Stadt Iligan zur täglichen Lagebesprechung zusammen. Pater Nono Reteracion hat als Superior mehrere Räume seines Konvents für die neu gegründete Hilfsorganisation zur Verfügung gestellt. Der kleine Innenhof dient seitdem als Parkplatz für die angemieteten Kleinbusse, mit denen gespendete Nahrungsmittel und Medikamente in die Lager der Binnenflüchtlinge gebracht werden. Rey Barnido und Gary Alvarado koordinieren den Einsatz der ehrenamtlichen Ärzte, Sozialarbeiter und Anwälte. 140 Freiwillige arbeiten inzwischen für die Hilfsorganisation, 100 von ihnen sind junge Muslime. Zudem betreut ein Team an Psychologen die ehemaligen Geiseln und deren Angehörige. Auch Jaylord Montesa kommt regelmäßig ins Konvent, um in Therapiestunden das Grauen der Geiselhaft aufzuarbeiten und mit den schrecklichen Erinnerungen leben zu lernen.

„Wir müssen verhindern, dass es zu einem zweiten Marawi kommt. Die jungen Menschen sind die Zukunft. Sie müssen es gemeinsam schaffen und ihr Leben in Frieden gestalten“, erklärt Rey Barnido. Für ihn ist der Dialog zwischen den Religionen der wichtigste Weg zum dauerhaften Frieden. Er steht in engem Kontakt zu führenden Muslimen der Stadt wie dem Sultan von Marawi, Abdul Hamidullah Atar. Auch er hat in der Zeit der Belagerung alles verloren. Statt in seinem einst prächtigen Haus empfängt er heute seine Gesprächspartner in einem kleinen Café am Rande Marawis. Mit lauter Stimme verurteilt er die Gräueltaten des Islamischen Staates und die Radikalisierung vieler seiner Landsleute auf Mindanao in Gruppen wie der der Brüder Omar und Abdullah Maute aufs schärfste. „Es ist aber mit der Wahrheit gesprochen kein Wunder, wenn sich so viele junge Muslime hier radikalisieren“, versucht er zu erklären. „Viele von uns fühlen sich als Muslime auf Mindanao ungerecht behandelt.“

Philippinen - 20.11.2017

Auf den Philippinen will kein junger Mensch noch Bauer werden, denn die Bauern gelten als „Loser“. Sie sind  die Verlierer einer aggressiven Agrarindustrie, die die Rechte der Bauern mit Füßen tritt, berichtet der Jesuit Pedro Walpole. Er lebt seit über 20 Jahren auf Mindanao.


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Der Sultan spielt auf die historischen Hintergründe auf der Insel an. Hier leben die meisten Muslime des mehrheitlich christlichen Landes. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten die Moro, wie sich die philippinischen Muslime selbst nennen, noch den größten Teil der Bevölkerung auf der Insel. Doch nach und nach zogen – von der Regierung forciert – immer mehr christliche Siedler aus dem Rest des Landes nach Mindanao, bis die Muslime schließlich nur noch eine Minderheit waren. Zwar gehört Lanao del Sur, die Region um Marawi, zur autonomen Region Bangsamoro, dem Zentrum des islamischen Glaubens auf den Philippinen.

Doch warten die Muslime bislang vergebens auf die offizielle Anerkennung ihrer Verfassung, des Bangsamoro Basic Law (BBL) durch die Philippinische Regierung. Neben einer zügigen Verabschiedung der Verfassung hofft Sultan Abdul auch auf Gerechtigkeit für die friedlichen Muslime nach dem Krieg in Marawi. „Wir wollen unsere Stadt zurück“, fordert er. „Die Menschen brauchen schnell wieder Arbeit, sie fühlen sich im Stich gelassen!“ Wütend reagiert er auf aufkeimende Gerüchte, Präsident Rodrigo Duterte wolle aus Marawi eine Wirtschaftsmetropole machen, die Stadt quasi christianisieren und die Muslime aus der Stadt vertreiben. „Je unklarer die Zukunft der Stadt und ihrer Bewohner ist, desto mehr junge Muslime werden in die Fänge des IS getrieben“, prophezeit er. Das Militär hat zwar am 23. Oktober 2017 die Schlacht um Marawi gewonnen, doch viele Islamisten konnten entkommen und sind weiter im Untergrund aktiv. 40.000 Peso heißt es, umgerechnet etwas mehr als 600 Euro, werden jungen Männern geboten, wenn sie sich den IS-nahen Gruppen anschließen und in Koranschulen ausbilden lassen.

Auch Pater Teresito „Chito“ Saganob, der seit 23 Jahren als Priester in Marawi arbeitet und während des Krieges wie auch Jaylord Montesa in der Gewalt der Islamisten war, ist sich sicher, dass nur der Dialog zwischen Christen und Muslimen den Frieden bringen kann. „Meine Rolle als Priester in dieser außergewöhnlichen Stadt ist es, natürlich die Christen, aber auch die Muslime zu verstehen, ihre Ängste, ihre Wünsche, ihre Sorgen. Ich wünschte, die Regierung würde das auch tun. Interreligiöser Dialog ist für uns alle extrem wichtig, um die Radikalisierung zu stoppen. Christen und Muslime müssen realisieren, dass es nur einen Gott gibt“, sagt er.

Pater Chito hatte am 23. Mai Bischof Edwin de la Peña, der gerade die Messe in einer Nachbargemeinde zelebrierte, per Mobiltelefon warnen können, nicht wie geplant nach Marawi zurückzukehren. Damit hatte er den Bischof vor den Gräueln bewahrt, die er schließlich in wochenlanger Geiselhaft erleben sollte. Wie Jaylord Montesa musste er mitansehen, wie Mithäftlinge in unmittelbarer Nähe hingerichtet wurden, war Zeuge von Massenvergewaltigungen und rechnete ständig mit dem eigenen Tod. Nur langsam erholt er sich von den Schrecken des Krieges – und fragt sich wie auch Jaylord Montesa immer wieder, wie er es geschafft hat, den Albtraum zu überstehen.

Von Antje Pöhner, Missio München.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 4/18 des Missio Magazins. Mit freundlicher Genehmigung zur Zweitveröffentlichung von Missio München. www.missiomagazin.de

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