„Der ägyptische Präsident ist ein Verbündeter“

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  • Ägypten - 12.07.2018

Wenn es um die Frage nach Sicherheit im Nahen Osten geht, dann hat der „Westen“, und damit besonders Europa und die USA, einen Aspekt lange Zeit unterschätzt: Für viele Gruppen in arabischen und nordafrikanischen Ländern ist das Recht, ihren Glauben frei zu leben, wichtiger, als eine demokratisch gewählte Regierung zu haben.

Während des „arabischen Frühlings“ ab dem Jahr 2011 gab es eine kurze Zeit der Hoffnung, dass autokratische Herrscher auf friedliche Weise durch demokratische Regierungen ersetzt werden könnten. Doch aus dem „Arab Spring“, dem „arabischen Frühling“, wurde ein „Arab Storm“, ein arabischer Sturm. So erging es auch den Menschen in Ägypten.

2011 hatten sie den langjährigen Machthaber Hosni Mubarak ab gesetzt – doch dann kam mit Mohammed Mursi ein Mann der berüchtigten Muslimbruderschaft an die Macht. Die Vertreter der christlichen Religionen im Land sind sich weitgehend einig: Die Muslimbrüder streben letzten Endes einen islamisch geprägten Staat an, in dem das Scharia-Recht dominiert und das Recht auf Religionsfreiheit eingeschränkt ist. „Aber ich bin immer noch zuversichtlich“, betont Patriarch Ibrahim Sidrak, das Oberhaupt der koptisch-katholischen Kirche in Ägypten. Sie ist neben der koptisch-orthodoxen Kirche die deutlich kleinere christliche Gruppe. „Die Mehrheit der Ägypter will keinen Gottesstaat,“ sagt Sidrak. So wurde auch Muslimbruder Mursi wieder abgesetzt, ihm folgte der nunmehr amtierende Präsident Abdel Fattah al-Sisi nach. Er wird international oft kritisch gesehen, da er als Militäroffizier nicht als „lupenreiner“ Demokrat durchgeht.

Friedensarbeit - 09.07.2018

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Aber die Christen sehen in al-Sisi einen Verbündeten gegen die Islamisten: „Er hat zum Beispiel als erster Präsident in der Geschichte an einem Weihnachtsgottesdienst teilgenommen ,“ erläutert Patriarch Sidrak. Für die Christen war der Besuch des Präsidenten ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung, ein Zeichen gegen Terror und Hass.

In der ägyptischen Verfassung sei das Recht auf Glaubensfreiheit und der Schutz religiöser Minderheiten festgeschrieben, betont Patriarch Sidrak. „Aber es sind Terroristen und Extremisten, die die Umsetzung dieser Grundrechte verhindern.“ Das betrifft zum Beispiel das Thema Kirchenbau.

Eigentlich dürfen christliche Kirchen errichtet werden. Derzeit läuft auch der Neubau einer großen koptisch-orthodoxen Kathedrale, die 45 Kilometer von Kairo entfernt liegen wird. Mit Platz für 8 000 Gläubige soll sie die größte Kirche im Nahen Osten werden. Aber gerade in ländlichen Gebieten gibt es oft Schwierigkeiten. Die Muslimbruderschaft hat das Recht auf Kirchenbauten deutlich eingeschränkt: So dürfen etwa dort, wo sich gerade eine neue muslimische Gemeinde etabliert hat, keine christlichen Kirchen entstehen.

Auch Kirchen, die leerstehen, weil die Christengemeinde weggezogen ist, dürfen nicht wieder neu errichtet werden. Doch Patriarch Sidrak bleibt hoffnungsvoll und pragmatisch. Es führe einfach kein Weg am Dialog der Religionen vorbei, schon allein deshalb, weil sich Christen und Muslime regelmäßig im Alltag begegnen. „In unserem Land finden Sie keine einzige Region, in der nicht die verschiedenen Gruppen miteinander am selben Ort leben“.

Wichtig sei, dass die Freiheit des Glaubens einhergeht mit einer guten Entwicklung. Das eine bedingt das andere. Wo es Schulen, Krankenhäuser und Arbeitsplätze gibt, da wächst die Toleranz zwischen den einzelnen Religionen. Aber auch andersherum: Wenn sich die unterschiedlichen Gruppen friedlich verständigen, dann fördert das die Entwicklung des Landes.

Von Christian Selbherr

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 3/2018 im Missio Magazin.

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