Zum Tod von Kurienkardinal Jean-Louis Tauran

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  • Vatikan - 06.07.2018

Er galt als eine Graue Eminenz unter den Kurienkardinälen. Bekannt war sein „Habemus Papam“ nach der Wahl von Franziskus, legendär seine diplomatische Erfahrung. In der Nacht zu Freitag ist Jean-Louis Tauran gestorben.

An sich blieb er, als quasi geborener Diplomat, lieber im Hintergrund. Doch an jenem 13. März 2013 kam Jean-Louis Tauran nicht umhin, vor einer aufgeregten Menge und TV-Kameras aus aller Welt der Stadt Rom und dem ganzen Erdkreis „eine große Freude“ zu verkünden: „Habemus Papam“, wir haben einen neuen Papst – Jorge Mario Bergoglio. Franziskus. Es wurden die berühmtesten fünf Minuten von Taurans langer Laufbahn. In der Nacht zu Freitag starb der langjährige Vatikandiplomat mit 75 Jahren an den Folgen der Parkinson-Krankheit.

Der französische Kurienkardinal, der seit 1975 im diplomatischen Dienst des Vatikan stand, hat auf vielfältigen verantwortungsvollen Posten eine Menge geleistet. Trotz seiner langjährigen Krankheit war er als einer der letzten Kurienkardinäle aus dem Pontifikat von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) noch immer in Amt und Würden geblieben. Als Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog mahnte er eindringlich für Religionsfreiheit. In Saudi-Arabien tat er dies im Frühjahr als einer der ersten Ausländer dort überhaupt: „Religion kann jemandem angeboten werden, so dass er sie annehmen oder ablehnen kann; sie darf aber nie aufgezwungen werden.“

Unvergessliche Szene mit Kardinal Tauran am 13. März 2013 bei der Verkündung des „Habemus Papam“.

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Am 5. April 1943 in Bordeaux geboren, – er feierte vor Kurzem seinen 75. Geburtstag – studierte Tauran in Toulouse und Rom und wurde 1969 zum Priester geweiht. Seine Doktorarbeit in Kirchenrecht legte er 1973 an der Päpstlichen Universität Gregoriana vor; zwei Jahre später trat er in den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls. Erste Außenstationen waren die Dominikanische Republik und der Libanon. Später nahm er an Sondermissionen teil: 1984 nach Haiti, 1986 nach Beirut und Damaskus. Zudem saß Tauran in Vatikan-Delegationen bei der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) und der UN-Konferenz für Abrüstung.

Ende 1990 berief ihn Johannes Paul II. an die Spitze des vatikanischen Außenministeriums – für insgesamt 13 Jahre. Anfang und Ende dieser Amtszeit prägte der Irak: erst der Golfkrieg 1991, der dem Einmarsch Saddam Husseins in Kuwait folgte, schließlich 2003 der als Terrorbekämpfung verbrämte US-Feldzug zum Sturz des Diktators.

Wo Wahrhaftigkeit und diplomatische Zurückhaltung in Konflikt traten, entschied sich Tauran oft für Klarheit: Beim Vorgehen gegen den Irak warnte er vor einem „einseitigen Aggressionskrieg“, der auf „ein Verbrechen gegen den Frieden“ hinauslaufen würde. Später bemerkte er, Christen im Irak hätten unter Saddam sicherer gelebt als danach. Ebenso ungeschminkt warf Tauran arabischen Staaten vor, Christen als Bürger zweiter Klasse zu behandeln.

Unprätentiös, geduldig und sachorientiert. Kardinal Tauran im Interreligiösen Dialog.

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Seine Erkrankung nötigte ihn zum Kürzertreten. Ende 2003 wechselte er in das ruhigere Amt des päpstlichen Archivars und Bibliothekars; Johannes Paul II. nahm ihn im Oktober 2003 ins Kardinalskollegium auf. Nachdem sich Taurans Gesundheitszustand stabilisiert hatte, berief ihn Benedikt XVI. 2007 zum Präsidenten des Rates für den Interreligiösen Dialog, zu dem auch eine eigene Kommission für Beziehungen mit Muslimen gehört.

Diese schwierige Aufgabe bekleidete er bis zuletzt. Wie heikel sie ist, erfuhr Tauran unmittelbar, als er nach den Irritationen um die „Regensburger Rede“ Benedikts XVI. vom September 2006 – er hatte mit einem akademischen historischen Zitat Muslime weltweit erzürnt – das Verhältnis zum Islam beruhigen musste. Tauran erledigte den Job im Stil eines Spitzendiplomaten: unprätentiös, geduldig und sachorientiert.

Im März 2015 erhielt Tauran sein bislang letztes und ehrenvollstes Amt: als „Camerlengo der Heiligen Römischen Kirche“. Diesem „Kardinalkämmerer“ kommt nach dem Ausscheiden des Papstes durch Tod oder Amtsverzicht bis zur Wahl eines Nachfolgers eine maßgebliche Rolle im Vatikan zu.

Der Camerlengo ist etwa für die Vorbereitung der Papstwahl und die Verwaltung der päpstlichen Güter während der sogenannten Sedisvakanz zuständig. Zudem versiegelt der Kämmerer nach dem Tod eines Papstes dessen Gemächer und veranlasst das Zerbrechen des päpstlichen Fischerrings. Nun findet der Mann, auf den für einen Moment die ganze Welt blickte, selbst seine letzte Ruhe.

Von Burkhard Jürgens und Alexander Brüggemann (KNA)

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