Erzbischof: Täter in Nigeria zur Rechenschaft ziehen

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  • Nigeria - 28.06.2018

Mehr als 200 Menschen sind Ende Juni im nigerianischen Bundesstaat Plateau getötet worden – ein weiterer blutiger Höhepunkt im Konflikt zwischen Farmern und Viehhirten. Augustine Obiora Akubeze (61), Erzbischof von Benin City und Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz Nigerias, fordert die Regierung im Interview zum Handeln auf.

Frage: Herr Erzbischof, Ihr Heimatland Nigeria steht aktuell vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen. Welche sind aus Ihrer Sicht die größten?

Akubeze: Da ist zum einen der Konflikt zwischen Farmern und Viehhirten. Bisher ist in dieser Frage keine Lösung in Sicht. An zweiter Stelle steht der Menschenhandel.

Frage: Der Konflikt zwischen Bauern und Hirten wird mit großer Brutalität ausgetragen. Allein vergangenes Wochenende wurden rund 200 Menschen getötet. Warum bekommt niemand diese Krise in den Griff?

Akubeze: Die Menschen, die für das Böse verantwortlich sind, werden schlicht nicht zur Rechenschaft gezogen. Egal wie schwierig die Lage sein mag: Wird ein Verbrechen begangen, muss gehandelt werden. Aber das geschieht nicht. Deshalb können viele Menschen einfach tun, was sie wollen. Das war auch bei dem Vorfall im Bundesstaat Plateau so. Es heißt, die Fulani-Hirten hätten nach Kühen gesucht. Aber ist das ein Grund, Menschen zu ermorden? Sie konnten das tun, weil Verbrechen schlicht nicht geahndet werden.

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Frage: Die katholische Bischofskonferenz Nigerias hat Präsident Muhammadu Buhari bereits im April zum Rücktritt aufgefordert. Gilt diese Forderung noch?

Akubeze: [lacht] Das war keine echte Rücktrittsforderung. Es war die Aufforderung, etwas zu unternehmen. Wenn ihm das nicht gelingt, soll er zur Seite treten und anderen, die dazu in der Lage sind, die Verantwortung übertragen. Es ist doch die Regierung, die alle Mittel hat, die alles unternehmen und auch unterbinden kann. Ein Beispiel: Im ebenfalls von der Krise betroffenen Bundesstaat Benue hat eine Gruppe gesagt, weil Kühe getötet worden seien, habe man Vergeltung geübt. Und die Regierung hat dazu nichts gesagt. Damit gibt man ihnen doch nur zu verstehen: Macht, was ihr wollt, wir unterstützen euch. Das können wir nicht akzeptieren.

Frage: Seit Ende April hat sich die Lage allerdings nicht gebessert.

Akubeze: Das stimmt. Dennoch gibt es sehr viel mehr Bewusstsein für das Problem. Menschen wissen, was passiert und sprechen darüber. Das war vorher nicht so. Man will heute wissen, was geschieht. Das haben wir erreicht.

Frage: Zahlreiche Christen in Zentralnigeria halten die Entwicklung für einen neuen Dschihad. Ihrer Meinung nach dringen die überwiegend muslimischen Hirten in Richtung Süden vor, um diesen zu erobern. Teilen Sie diese Auffassung?

Akubeze: Nein, ich teile sie nicht. Allerdings unternimmt die Regierung viel zu wenig, weshalb solche Spekulationen entstehen. Wären Verantwortliche verhaftet und verurteilt worden, wäre die Situation heute eine andere. In den Bundesstaaten Plateau und Benue leben überwiegend Christen. Wenn nichts unternommen wird, ist klar, wie und weshalb diese Ansichten entstehen. Die Frustration ist sehr groß.

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Frage: Auch Migration und Menschenhandel sind entscheidende Themen für Nigeria. Welche Aufgabe hat dabei die Kirche?

Akubeze: Anfangs wurde hierzulande über diese Dinge weniger diskutiert. Doch seit es die Rückkehrer aus Libyen gibt, hat sich das geändert. Die Regierung musste sich kümmern. Auch die Kirche trägt ihren Teil bei. Es gibt Aufklärungskampagnen in Schulen und Dörfern sowie auf Märkten. Damit, so denken wir, können wir dafür sorgen, dass Menschen nicht in die Hände dieser Menschenhändler geraten. Zumindest wissen sie, worauf sie sich einlassen. Wir versuchen auch, mithilfe von Projekten Arbeit zu schaffen, etwa im Landwirtschaftsbereich. Doch es sind so viele Menschen betroffen, daher ist der Effekt nicht besonders groß.

Frage: Europa versucht indes, seine Grenzen zu sichern und Fluchtrouten zu schließen. Rettungsschiffe im Mittelmeer dürfen in mehreren Ländern nicht mehr anlegen. Wie fühlen Sie sich dabei?

Akubeze: Sehr schlecht. Wenn auf den Booten Nigerianer sind, dann nicht selten auch aus Benin City. Hier in dieser Stadt leben viele Eltern von Betroffenen. Oft wissen sie nicht einmal, wo ihre Kinder wirklich sind. Manchmal erfahren sie von Rückkehrern, dass die Kinder nicht mehr leben. Das Trauma hier ist riesengroß.

Frage: Was ist Ihr größter Wunsch für Nigeria?

Akubeze: Frieden. Wir haben lange zusammen in Frieden gelebt. Heute ist dieser durch aktuelle Entwicklungen gestört. Diesen Frieden wünsche ich mir zurück.