Sorge um die Zukunft des Heiligen Landes

  • Bildung - 15.06.2018

Im Jahr 2009 übernahm Schwester Heidrun Raabe vom Orden der Congregatio Jesu die Leitung des Paulushauses am Rande der Jerusalemer Altstadt. Nach 30 Jahren an der Maria-Ward-Schule in Mainz – darunter 13 als Schulleiterin – kam die Lehrerin für Geschichte, Geografie und Deutsch „in eine Dauerbaustelle“. Inzwischen hat sich das Pilgerhaus des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL) zu einem „weitgehend gut funktionierenden Haus“ entwickelt, sagt die 74-Jährige im Interview. Die politischen Entwicklungen im Heiligen Land erfüllen die Ordensfrau mit Sorge.

Frage: Schwester Heidrun, was hat Sie 2009 nach Jerusalem verschlagen?

Heidrun Raabe: Die Schmidtschule in Jerusalem ist seit 1989 in der Trägerschaft der Schwestern der Congregatio Jesu, und ich war in Mainz aus der Schulleitung ausgeschieden. Als Ordensfrau wird man nicht pensioniert, sondern man bekommt eine neue Aufgabe. In meinem Fall war es ein Anruf der Generaloberin aus Rom, die mir angeboten hat, Oberin der Schwesterngemeinschaft im Paulushaus zu werden.

Frage: Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Raabe: Eigentlich wusste ich so gut wie nichts von hier und wenig Konkretes über die Arbeit meiner Mitschwestern im Paulushaus, nicht einmal, dass wir Träger der Schmidtschule sind und ich auch Trägeraufgaben wahrnehmen muss. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Das habe ich mir nach und nach erarbeitet – eine gewaltige Herausforderung.

Frage: Hätten Sie ja gesagt, wenn Sie das gewusst hätten?

Raabe: Ich bin mir nicht sicher. Ich wusste nicht, wie schwierig das Leben in diesem Land ist, nicht wie schwer es ist, den deutschen Standard im Haus mit arabischen Mitarbeitern und auch mit Volontären zu erhalten. Ich wusste nicht, wie schwierig die Situation der Schule ist. Der Übergang der Schulleitung von Schwestern zu einem weltlichen Schulleiter war nicht einfach.

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Frage: Auch das Paulushaus hat unter Ihrer Leitung große Umbrüche erlebt ...

Raabe: Ich habe das Haus immer nur im Umbruch erlebt. Jedes Jahr mit Ausnahme des ersten Winters gab es Renovierungen, zum Teil bei laufendem Betrieb. 2014/15 haben wir faktisch grundsaniert. Statt wie geplant zwei Monate blieb das Haus neun Monate geschlossen. Zu den größten Herausforderungen gehörte die unzureichende Stromversorgung. Mitunter hatten wir Stromausfälle von 24 Stunden. Können Sie sich das vorstellen? Ich hatte immer einen Vorrat von mindestens 50 Kerzen, die wir in den Zimmern verteilt haben. Mehr als zwei Jahre Kampf um mehr Elektrizität endeten wie das Hornberger Schießen.

Frage: Wann kam die Wende?

Raabe: Erst, als ein Filmteam bei uns war und einer aus dem Filmteam Kontakte zu den Elektrizitätswerken hatte. Mit seiner Hilfe haben wir einen leistungsstärkeren Anschluss bekommen. Inzwischen haben wir allerdings einen Generator und elektrisch aufzuladende Notfall-Lampen. Auch die neue und hochmoderne umweltfreundliche Heizungsanlage stellt uns seit dem Einbau 2013 bis heute noch vor ungelöste Probleme.

Frage: Das heißt, Sie übergeben auch Ihrem Nachfolger eine Baustelle?

Raabe: Wenn ich es mit dem Anfangszustand vergleiche, übergebe ihm ein weitgehend gut funktionierendes Haus, das aber noch einige Baustellen hat.

Frage: Wohin geht die Zukunft des Hauses?

Raabe: Es wird sich sicher verändern. Der Verein möchte das Haus mehr öffnen, vielleicht eine größere Cafeteria für Laufkundschaft einrichten. Ich weiß nicht, wie realisierbar das ist und ob es eine Klientel dafür gibt. Auch scheint mir eine Cafeteria wie etwa im Österreichischen Hospiz schwer vereinbar mit dem bisherigen Charakter des Hauses als Ort der Ruhe.

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Frage: Bereuen Sie Ihre Entscheidung für Jerusalem?

Raabe: Auf keinen Fall! Ich bin dankbar, dass ich diese Chance hatte, auch wenn ich kein Wochenende, keinen freien Tag kannte und selbst nachts auf Abruf hier war. Mein Horizont hat sich erweitert, was die gesellschaftliche Realität hier im Land betrifft. Auch die Kontakte zu den verschiedenen anderen Religionen und christlichen Konfessionen sind eine unheimliche Bereicherung. Als Schwesterngemeinschaft haben wir die Stätten Jerusalems für uns erobert: Wir feiern nur zweimal in der Woche die Heilige Messe im Haus, sonst gehen wir in andere Kirchen in Jerusalem. Die Auswahl ist groß genug. Spirituell haben wir für uns wahrgenommen, was das Land an heiligen Stätten bietet, aber auch an 3.000-jähriger Geschichte und an Naturschönheit.

Frage: Alles in allem also eine positive Bilanz?

Raabe: Ich habe dieses Land, vor allem die Menschen lieben und schätzen gelernt, auch wenn es mich manchmal sehr zornig macht.

Frage: Warum?

Raabe: Wenn man hier lebt, bekommt man Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, auch wenn wir hier in Ost-Jerusalem in unserem Fall durch unsere palästinensischen Mitarbeiter etwas einseitig informiert sind und mit Israelis nur vereinzelt Kontakt haben. Von dem vielen, was wir mitbekommen, sehe ich die Zukunft des Landes mit großer Sorge. Das war anders, als wir 2009 kamen, da hatten die Leute noch mehr Hoffnung. Im Moment scheint die Situation sich eher zuzuspitzen auf Konfrontation statt auf Dialog. Ich habe nicht viel Hoffnung auf eine positive Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts.