Erzbischof zur Gewaltwelle in Nigeria

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  • Nigeria - 30.05.2018

In Zentralnigeria kommt es fast täglich zu neuen Morden. Die Opfer sind sowohl Bauern als auch Hirten, die mit ihrem Vieh durch die Region ziehen und der ethnischen Gruppe der Fulani angehören. Ignatius Kaigama, katholischer Erzbischof von Jos und früherer Vorsitzender der Nigerianischen Bischofskonferenz, fordert die Regierung auf, die wirklichen Hintergründe der Gewaltwelle zu ermitteln. Sie beeinflusse schließlich auch das Zusammenleben von Christen und Muslimen negativ.

Frage: Herr Erzbischof, in Nigeria ist die Krise zwischen Farmern und Viehhirten das beherrschende Thema. Wie ist es dazu gekommen?

Kaigama: Schon seit einer ganzen Weile werden wir Zeuge von Angriffen, über die man sagt, sie seien von Viehhirten verübt worden. Sie sind Nomaden und ziehen auf der Suche nach Gras für die Tiere umher. Manchmal zerstören sie Farmland. Die Farmer arbeiten noch mit ihren Händen. Das ist eine sehr fordernde Arbeit. Wird sie zerstört, ist das sehr frustrierend.

Frage: Erklärt das aber die massive Gewalt? Seit Jahresbeginn sind Hunderte Menschen ermordet worden.

Kaigama: Zusätzlich gehen viele Menschen von einem versteckten Plan aus. Ziel sei es, bestimmte Regionen zu kolonialisieren. Sie gehen davon aus, dass der Plan für einen Dschihad aus dem Jahr 1804 weiter gültig ist [Anmerkung: Dschihad unter Usman dan Fodio; ein Fulani, der das Kalifat von Sokoto gründete]. Nimmt man dazu den Versuch, die Scharia einzuführen, werden viele Nicht-Muslime sehr misstrauisch. Und sieht man dann auch noch die Angriffe der Viehhirten, besteht die Angst, dass ein politisches Motiv dahinter steckt. Es geht um Gegenden, die während des Dschihad nicht eingenommen werden konnten. Diese Faktoren sorgen für Spannung. Das müssen wir analysieren und ansprechen.

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Frage: Gibt es denn tatsächlich einen heimlichen Plan?

Kaigama: Das sagen viele Menschen. Das ist der Grund für die Wut. Sie sagen: Warum sollte das Eindämmen der Gewalt sonst so lange dauern? Früher hat man friedlich mit den Fulani zusammengelebt. Es gab zwar Unstimmigkeiten, aber nicht in diesem Ausmaß. Unter dieser Regierung, an deren Spitze mit Präsident Muhammadu Buhari ein Fulani steht, sind die Hirten sehr abscheulich geworden. Man sagt uns, dass sie nicht mehr nur Stöcke und Messer bei sich tragen. Sie sind bewaffnet. Wenn sie auf Farmer stoßen, schießen sie. Es heißt, dass ihre Waffen mitunter sogar besser als die der Polizei seien.

Frage: Es gibt allerdings genau so Belege für Fulani-Siedlungen, die brutal überfallen wurden, und Bilder von abgeschlachteten Kühen.

Kaigama: Ja, die Fulani sind nicht immer die Angreifer. Auch Farmer provozieren bewusst, indem sie Kühe stehlen oder umbringen. Einem Fulani bedeutet sein Vieh alles. Es ist sein Leben. Er verteidigt es. Angriffe finden gegenseitig statt; wir müssen objektiv sein. Häufig zieht das Vieh aber über Felder. Das wird immer wieder zu Auseinandersetzungen führen. Ohne Kontrollen bleibt die Gewaltspirale bestehen.

Frage: Die Viehhirten sind meist junge Männer, oft nicht mal volljährig. Woher sollen sie das Geld für Waffen haben?

Kaigama: Ihnen gehört das Vieh ja nicht. Es gibt aber Belege über diese Waffen. Übrigens haben sich auch Farmer bewaffnet. Die Frage ist, woher diese ganzen Waffen kommen und warum sie nicht kontrolliert werden. Wir haben ein Netzwerk aus Armee, Polizei, Einwanderungsbehörde, Zoll und Zivilschutz. Dennoch gehen die Angriffe weiter. Man fragt sich, wie effizient die Sicherheitskräfte sind. Wollen sie das Morden wirklich stoppen? Sind sie gleichgültig – oder kollaborieren sie sogar? Diese Fragen müssen dringend beantwortet werden.

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Frage: Häufig wird der Begriff „Fulani-Terroristen“ genutzt, auch von katholischen Kirchenvertretern. Viele Fulani kritisieren, dass so eine ganze ethnische Gruppe stigmatisiert werde.

Kaigama: Es ist falsch zu stigmatisieren. Nicht jeder Fulani ist ein Terrorist. Ich hatte Treffen mit Fulani und traditionellen Machthabern. Wir sind überein gekommen, dass man lange friedlich zusammengelebt habt. Ohnehin haben Fulani viele Kontakte zu anderen Bevölkerungsgruppen. Sie passen sich an. Deshalb wäre eine Verallgemeinerung falsch. Dennoch ist jemand für das Morden verantwortlich. Das müssen die Sicherheitskräfte untersuchen. Sind es kriminelle Banden? Eine Art Krieg? Gibt es finanzielle Unterstützer, die Spannungen aufrecht erhalten wollen? Unsere Sorge ist, dass es keinen ernsthaften Versuch gibt, all das zu beenden.

Frage: Sie treten seit vielen Jahren für den interreligiösen Dialog ein. Wie sehr wird er durch die aktuelle Lage beeinflusst?

Kaigama: Sehr. Christentum und Islam sind zwei große Religionen. Die Farmer sind überwiegend Christen, die Viehbesitzer vor allem Muslime. Auch wo es um wirtschaftliche Gründe geht, werden Konflikte als Krieg zwischen Christen und Muslimen bezeichnet. Das macht unsere Bemühungen, Christen und Muslime zusammenzubringen, sehr viel schwieriger. Es herrscht so viel Misstrauen. Aber wir dürfen nicht aufgeben.