Schick: Afrikas Kirche wird selbstbewusster

  • Deutsche Bischofskonferenz - 29.05.2018

Die Europäer sind oft sehr verkopft und verlieren das Spirituelle aus den Augen. Demgegenüber steht eine afrikanische Kirche, die immer selbstbewusster wird – darunter auch die Frauen, betont der Weltkirche-Bischof Dr. Ludwig Schick. Auf Madagaskar nahm er beim VIII. Deutsch-Afrikanischen Bischofstreffen teil. Das Thema: „Ganzheitliche Entwicklung.“

Frage: Herr Erzbischof, Sie haben an dem VIII. Deutsch-Afrikanischen Bischofstreffen auf Madagaskar teilgenommen. Welchen Eindruck nehmen Sie aus Madagaskar mit?

Erzbischof Schick: In Madagaskar war ich zum ersten Mal. In der Hauptstadt Antananarivo und der Umgebung ist eine hohe Konzentration von Menschen feststellbar. Landflucht und Verstädterung mit allen negativen Folgen zeigen sich. Madagaskar ist ein sehr bevölkerungsreiches und zugleich junges Land. Weit über die Hälfte der Madagassen sind unter 18 Jahre alt. Man spürt, dass diese Menschen Perspektiven und Zukunft suchen. Die Armut ist groß. Es fehlen Schulen und Bildungseinrichtungen, medizinische und soziale Versorgung ist kaum vorhanden. Es gibt auch viel zu viel Verkehr auf den Straßen. Alle Probleme, die man so aus Entwicklungsländern kennt, konzentrieren sich besonders in der Hauptstadt Madagaskars.

Frage: Stichwort Entwicklung: Das Thema des Treffens war die „ganzheitliche Entwicklung des Menschen“, ein Begriff, der erstmals von Papst Paul VI. in seiner Enzyklika Populorum Progressio vor 50 Jahren geprägt wurde. Inwiefern unterscheidet sich der Begriff vom rein wirtschaftlichen Verständnis von Entwicklung im Sinne des Wachstums, wie wir es in den Industrienationen kennen?

Schick: In den letzten Jahren ist zunehmend das Wirtschaftswachstum in den Vordergrund gerückt. Aber wir spüren im Moment, dass das wirtschaftliche Wachstum an Grenzen stößt. Wenn wir so weiter machen, dann beuten wir unsere Natur aus, aber auch die Menschen. So wird es in Zukunft kein gutes Leben für die Menschheit geben. Das hat uns als Kirche wachgerüttelt und wir haben die ganzheitliche Entwicklung deutlich in den Fokus gerückt. Wir sind überzeugt, dass, wenn die ganzheitliche Entwicklung nicht weltweit erfolgt für die Menschen, mit Leib, Seele und Geist, aber auch in familiären Beziehungen oder im Umgang mit der Natur, dann können wir keine ganzheitliche Entwicklung für die Gesellschaften und die ganze Welt erreichen. Dann steht es schlecht um unsere Zukunft. Wir als Kirche sind keine Pessimisten, sehen aber die Realitäten. Darüber haben wir diskutiert und geschaut, wo wir ansetzen können, damit eine gute Zukunft für alle erreicht wird.

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Frage: Eine Forderung der Bischöfe in der Abschlusserklärung waren gerechtere Handelsbeziehungen. Diese richtet sich wohl besonders an Europa. Was wurde Ihnen da von Seiten der afrikanischen Bischöfe gespiegelt?

Schick: Es ist deutlich, dass ungerechte Handelsbeziehungen zwischen Europa und afrikanischen Staaten bestehen. Deutschland kauft zu niedrigen Preisen Naturressourcen wie z. B. Cobalt und andere Edelmetalle, aber auch das Erdöl und Erdgas in Afrika ein und die fertigen Produkte kommen wieder mit sehr hohen Preisen zurück. Das ist protektionistisch und ungerecht. Aber auch innerhalb Afrikas gibt es unausgewogene Handelsbeziehungen.

Frage: Beim vergangenen deutsch-afrikanischen Treffen in Deutschland im Jahr 2011 war das Thema „Afrikanische Migration nach Europa“. Welchen Wiederhall fand das Thema beim jüngsten Treffen? Schließlich fliehen nach wie vor jedes Jahr Tausende Menschen von Afrika nach Europa.

Schick: Indirekt war das auch beim jüngsten Treffen in Madagaskar Thema. Es ist ganz klar, dass nur, wenn ganzheitliche Entwicklung geschieht, auch das Problem der unfreiwilligen Migration aufhört. Gesteuerte, gewollte, freiwillige Migration ist oft ein Vorteil für alle Seiten. Aber wir erleben zurzeit eine Migration, die zum großen Teil durch Kriege, Hunger und Verfolgungen ausgelöst wird. Die wollen wir nicht und die können wir eigentlich auch verhindern, wenn ganzheitliche Entwicklung stattfindet. Wenn Menschen auch in Afrika sich entwickeln können, Frieden und einen Beruf haben, medizinische Versorgung und Bildungschancen gewährleistet sind, wenn sie ihre Länder auch politisch gestalten können, d. h. Partizipationsrechte haben. Dann trägt ganzheitliche Entwicklung auch zur Behebung von Fluchtursachen bei.

Staatspräsident Hery Rajaonarimampianina (Mitte) begrüßt die Delegationen des Deutsch-Afrikanischen Bischofstreffens im Präsidentenpalast von Antananarivo.

Deutsche Bischofskonferenz/Kopp

Frage: Es waren auch Hilfswerke beim Treffen dabei. Wie war die Resonanz bei den afrikanischen Bischöfen? Wurden neue gemeinsame Konzepte, Strategien entwickelt?

Schick: Wir haben die Hilfswerke bei den Treffen immer mit dabei. Die afrikanischen Bischöfe haben etwa mit Misereor und Missio guten Kontakt. Für die Werke ist es wichtig zu hören, was die Menschen vor Ort brauchen und für zukunftsträchtig halten. Ein ganz wichtiges Thema ist immer wieder die Bildung. Die Bischöfe haben auch noch mal die Bedeutung von Frauenbildung und Emanzipation bekräftigt, dass Frauen von Unterdrückung und Diskriminierung befreit werden, damit sie ihre Rolle in der Gesellschaft spielen können. Frauen müssen sich ganzheitlich entwickeln können, denn sie sind für die Entwicklung der Länder sehr wichtig. Aber auch Gesundheit spielt eine wichtige Rolle und die Partizipation an den Bürgerrechten, die politische Teilhabe. Despotische und korrupte Regierungsstrukturen müssen aufhören. Das ist alles entscheidend für die ganzheitliche Entwicklung der Menschen.

Frage: Die afrikanische Kirche hat ja auch einen starken Zuwachs bei den Ordensfrauen. Inwiefern betreffen die Forderungen für eine Stärkung der Frauenrolle auch die Kirche?

Schick: Man spürt in Afrika, dass Frauen mehr mitwirken als früher –  meist ohne Emanzipationsdiskussionen. Ich erlebe immer öfter, dass mehr Ordensfrauen bei Zusammenkünften dabei sind und mitreden. Sie übernehmen auch verantwortungsvolle Aufgaben, etwa als Leiterin der ganzen Caritas oder auch für das Schulwesen einer ganzen Diözese. Da geschieht schon viel.

Auf dem Weg: In einem der Dörfer Madagaskars.

Deutsche Bischofskonferenz/Kopp

Frage: Kann sich die europäische Kirche da noch etwas abschauen?

Schick: Auch bei uns ist die Frage sehr präsent, wie Frauen – Ordensfrauen und Laien – stärker in Leitungsstrukturen der Diözesen mitwirken können. Das ist eine Aufgabe für uns. Wir diskutieren darüber schon lange. Es hat auch Fortschritte gegeben, aber wir sind noch nicht so weit, wie wir eigentlich sein wollen.

Frage: Die Bischöfe haben in ihrer Abschlusserklärung bekräftigt, dass sie für eine ganzheitliche Entwicklung des Menschen in allen Bereichen werben wollen: Schulen, Universitäten, Priesterseminaren. Gibt es hierbei eine gemeinsame Strategie?

Schick: Wir haben sehr klar erkannt, wo wir ansetzen müssen, damit ganzheitliche Entwicklung vorangeht. Jetzt müssen wir uns zusammentun, um Follow-up-Programme und Strategien zu entwickeln. Das wird in der nächsten Zeit geschehen. Wichtig ist, dass die Ausbildung in den Priesterseminaren und Ordensinstituten auf diesen Aspekt größeren Wert legt und Module entwickelt werden. Das gilt auch für uns in Europa und Deutschland. Wir sind manchmal sehr verkopft und spüren, dass die Seelen dabei leer werden. In unserem Bildungssystem setzen wir das sogenannte Verwertungswissen ganz hoch an, also etwa Mathematik und Sprachen. Aber das sogenannte Wertewissen und das spirituelle Wissen kommen zu kurz. Ganzheitliche Entwicklung ist keine Einbahnstraße und wir spüren bei uns auch Defizite, stellenweise gar Retardierung. Im Miteinander in der katholischen Kirche erkennen wir sie und helfen uns, sie zu überwinden.

Frage: Der afrikanische Kontinent gewinnt in der katholischen Kirche immer mehr an Gewicht. Welchen Einfluss hat das auf die Beziehungen mit den afrikanischen Bischöfen?

Schick: Da tut sich was. Die Bischöfe bekommen mehr Selbstbewusstsein. Ich bin nun schon einige Jahrzehnte mit ihnen im Kontakt. Die afrikanischen Bischöfe, Priester und auch die Laien spüren und zeigen: „Wir sind wer. Wir sind katholisch, wir bringen was ein und wir haben Zukunft.“ Mich freut das und ich finde es schön; es ist sowohl herausfordernd als auch anregend für uns Deutsche und Europäer.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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