Der Befreiungstheologe Gustavo Gutierrez wird 90

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  • Befreiungstheologie - 25.05.2018

Er gab der Befreiungstheologie ihren Namen. Mit seinem wachen Blick für die Armen und Unterdrückten veränderte der charismatische Ordensmann die katholische Welt. Noch mit 90 hat er ein Herz für Benachteiligte.

„Er ist ja sehr klein und im Gehen etwas behindert, aber er hat eine riesige Ausstrahlung!“ So beschreibt Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller seinen guten Freund, den Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez, der am 8. Juni 90 Jahre alt wird. Bis heute merke man ihm zu jeder Zeit „das innere Feuer an, seine große Bereitschaft zum Einsatz für die Armen und Ausgebeuteten“, schwärmt Müller im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „Und man spürt einfach, dass er nicht nur ein großer theologischer Denker ist, sondern ein Seelsorger, der die Menschen liebt.“

Ein ungewöhnliches Lob für einen ungewöhnlichen Menschen – und das aus dem Munde eines konservativen Dogmatikers und ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation. Jener Institution also, die jahrzehntelang im Dauerclinch lag mit der von Gutierrez mitbegründeten Theologie der Befreiung.

Der gebürtige Peruaner studierte in Belgien und Frankreich, veränderte von Lima aus die Welt, hat überall Verehrer, gelegentlich auch Kritiker, bekommt Ehrendoktortitel rund um den Globus. Und doch kehrt er häufig heim in die Armenviertel. Dort ist Gutierrez zu Hause. Seine Stärke ist weniger die weltweite Vernetzung der Theologie, sondern ihre Verortung in den Menschen der Armenviertel.

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„Wie kann man als Christ, als Christin inmitten von Armut und Ungerechtigkeit leben?“ Dies ist die Ausgangsfrage, aus der in der 1960er und 1970er Jahren eine bedeutende theologische Strömung entsteht, die bis heute weltweiten Einfluss ausübt: die Theologie der Befreiung.


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Wenn gefragt wird, wer wohl die katholische Theologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst hat, fällt immer wieder auch der Name des kleingewachsenen Peruaners. Andere Namen wie die der Gebrüder Boff sind populärer. Doch auch ihre Werke basieren auf dem systematischen Entwurf jenes Vordenkers, der die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung Lateinamerikas früh auch theologisch ernst nahm.

1971 erschien sein Buch „Theologie der Befreiung“, das der Bewegung den Namen gab. Es formuliert den Vorrang des konkreten praktischen Lebens vor der theologischen Reflexion, sieht Arme und Unterdrückte als erste Adressaten des Evangeliums.

Zur Verkündigung der befreienden Botschaft gehört für den Kleine-Leute-Priester seit jeher auch das Engagement gegen die Siegergeschichte, die sich an Geld und Macht orientiert. Gutierrez' Ansatz ist es, die Lage der Armen und Ausgegrenzten ebenso wie die pastorale Praxis der Kirche „realitäts- und evangeliumsgemäß zu reflektieren“.

In den 1950er und 60er Jahren wuchs die krasse Verarmung weiter Teile der Bevölkerung. „Wie den Armen sagen 'Gott liebt Euch'? Das ist für unsere heutige Welt die bedeutendste Frage. Unmöglich, sie zu beantworten. Aber zur Antwort gehört, mit den Armen zu leben, einer von ihnen zu werden“, betonte er.

Für den Peruaner kommt Theologie, so gesellschaftskritisch sie sein mag, stets „aus dem Herzen der Kirche“. Und ist zugleich immer „Antwort auf gesellschaftliche Wirklichkeit“. Gutierrez steht zu Zweifeln. Bis hin zur Größe, knapp 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen seiner „Theologie der Befreiung“ eine neue, in Teilen „revidierte und korrigierte“ Version dieses Stücks theologischer Weltliteratur zu veröffentlichen. Bezeichnend, dass die römische Glaubenskongregation das Werk des Theologen lange Zeit kritisch, aber ergebnislos beäugte. Stattdessen erhielt er theologische Ehrendoktorhüte zuhauf, rund zwei Dutzend weltweit.

Der persönliche Lebensweg von Gutierrez, schon früh Mitglied im franziskanischen Dritten Orden, ist nicht untypisch für seine Arbeit. Zunächst studierte er Medizin, dann in Löwen und Lyon Psychologie, Philosophie – und Theologie. Der Entschluss zum Priestertum reifte allmählich. Erst seit 1999 ist er Dominikaner; der Orden bietet ihm auch eine weltweite Heimat und im Zweifelsfall Schutz gegen Vorgaben aus dem Heimatbistum.

Eines unterscheidet den bescheidenen alten Herrn mit dem markanten, oft lächelnden Gesicht von vielen europäischen Theologen: Seine wissenschaftliche Arbeit geht immer mit der Nähe zur sogenannten Basis einher. So sehr Gutierrez forscht, so gern ist er bei den Menschen in den Slum-Vierteln. Das System der „Basisgemeinde“ stammt als Idee von Gutierrez und lebt heute in Lateinamerika zigtausendfach.

Und heute? Kardinal Müller beschreibt Gutierrez als „geistig weiter frisch“, auch wenn sich das Alter natürlich bemerkbar mache: „Insofern wünsche ich ihm Gottes Gnade und weiterhin eine stabile Gesundheit.“