Ära Santos in Kolumbien geht zu Ende

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  • Kolumbien - 25.05.2018

In Kolumbien wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Die Stimmung im Land ist aufgeheizt – nicht zuletzt wegen der zahlreichen Probleme im Friedensprozess. Auch die Kirche gerät in die Kritik.

Wer über die Plazoleta Chorro de Quevedo in der historischen Altstadt Bogotas spaziert, dem lächelt Jesus Santrich entgegen. Auf einem Plakat fordern die Anhänger des ehemaligen Kommandanten der inzwischen zur Partei umgewandelten Guerilla-Organisation FARC dessen Freilassung. Santrich wurde vor ein paar Wochen festgenommen, weil er versucht haben soll, zehn Tonnen Kokain über ein mexikanisches Kartell in die USA zu schmuggeln.

Audio- und Videoaufnahmen belasten Santrich schwer. Er selbst aber behauptet, das alles sei eine Falle der amerikanischen und kolumbianischen Drogenfahndung gewesen. Santrich begann aus Protest einen Hungerstreik. Als sich sein Zustand rapide verschlechterte, entschied die Kolumbianische Bischofskonferenz, Santrich aus humanitären Gründen in einer ihrer medizinischen Einrichtungen aufzunehmen. Seitdem steckt auch die Kirche mittendrin im kolumbianischen Wahlkampf, der am Sonntag mit den Präsidentschaftswahlen zu Ende geht.

Kolumbien - 11.05.2018

Die Umsetzung des Friedensprozesses in Kolumbien wird nach den Worten von Staatspräsident Juan Manuel Santos noch viele Jahre dauern. Er war zu Gast beim 101. Deutschen Katholikentag in Münster.


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Stimmen die aktuellen Umfragen, dann werden es der linksgerichtete Ex-Guerillero Gustavo Petro und der rechtsgerichtete Ivan Duque aus dem Lager des immer noch extrem populären Ex-Präsidenten Alvaro Uribe in die Stichwahl schaffen. Duque geht als Favorit in den Urnengang.

Die Geschichte um Santrich zeigt, dass Amtsinhaber und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos, dem die Verfassung nach zwei Amtszeiten eine weitere Kandidatur verbietet, seinem Nachfolger eine Reihe von Problemen hinterlassen wird. Etliche Schwierigkeiten hängen mit dem von ihm eingeleiteten Friedensprozess zusammen.

In den acht Jahren der Ära Santos ist Kolumbien große Schritte vorangekommen: Die FARC hat sich nach mehr als fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg entwaffnet, einen Friedensvertrag unterschrieben und ist bei den Regionalwahlen – wenn auch recht erfolglos – erstmals als Partei angetreten. Die Wirtschaft hat – über den gesamten Zeitraum betrachtet – zugelegt; in Sachen Infrastruktur hat das Land trotz einer gerade drohenden Staudammkatastrophe im Bundesstaat Antioquia wichtige Fortschritte erreicht, von der auch die arme Bevölkerung profitiert. Trotzdem ist ein großer Teil der Kolumbianer unzufrieden mit dem Friedensprozess und fordert juristische Konsequenzen für die FARC-Bosse.

Kolumbien - 14.05.2018

Caritas international sorgt sich um den Verbleib einer Projektpartnerin und Friedensaktivistin aus Kolumbien. Die 36-Jährige Deyanira Guerrero, die sich in einem Verein für Gewaltopfer engagierte, war zuletzt von einer paramilitärischen Gruppierung bedroht worden.


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Der Fall Santrich zeigt, wie schnell die Stimmung kippen kann. Während die FARC-Spitze eine Auslieferung des populären Ex-Guerilleros an die USA kategorisch ablehnt und sogar die Zukunft des Friedensprozesses davon abhängig macht, wächst in Teilen des Wahlvolkes der Unmut über die juristische Sonderbehandlung für Santrich – inklusive Vorwürfe an die Kirche.

Der Vorsitzende der Wahrheitskommission des Friedensprozesses in Kolumbien, Jesuitenpater Francisco de Roux, forderte Santrich auf, seinen andauernden Hungerstreik zu beenden. Dieser habe sich während der Friedensverhandlungen für die Opfer eingesetzt, stellte de Roux heraus. Er könne im Friedensprozess einen wichtigen Teil zur Wahrheitsfindung beitragen. Kritiker halten indes wenig von einer Straffreiheit im Tausch gegen Redseligkeit.

Den Unmut der kolumbianischen Wähler bekommt vor allem Humberto de la Calle zu spüren. Der Verhandlungsführer der Regierung bei den Friedensgesprächen gilt zwar als integere Persönlichkeit mit Format für das Präsidentenamt, ist laut den Umfragen aber chancenlos. Dagegen liegen mit Petro, ehemals Bürgermeister von Bogota und Mitglied der schon vor Jahren aufgelösten linksextremen Kampfgruppe M19, und Rechtsanwalt Duque zwei Kandidaten vorne, die mit populistischen Forderungen das Land polarisieren.

Petro wirbt für eine deutliche Stärkung des landwirtschaftlichen Sektors, Duque sieht Kolumbien auf dem Sprung zu einer modernen Nation und will in diesen Bereich investieren. Chancen, in die Stichwahl zu kommen, hat auch der ehemalige grüne Bürgermeister Medellins, Sergio Fajardo. Doch in der aufgeheizten Atmosphäre kommt sein Pragmatismus kaum zum Zug. Eine eventuelle Stichwahl findet Mitte Juni statt.