Eine Brücke, die trennt

  • Bosnien und Herzegowina - 24.05.2018

Einst verband die alte Brücke in Mostar das osmanische Reich mit Westeuropa. Heute trennt sie die Stadt in einen kroatischen Westen und einen bosniakischen Osten. Aktivisten in einem Kulturzentrum wollen die Trennung beenden, nationalistische Hooligans kämpfen dafür, dass sie bestehen bleibt.

Touristen aus aller Welt haben ihre Smartphones gezückt. Sie warten darauf, dass der junge Mann mit dem durchtrainierten Oberkörper und der Speedo-Badehose von dem 26 Meter hohen Stari Most in die smaragdgrüne Neretva springt, den Fluss unter ihm. Er macht sich bereit, dehnt sich und dann – doch nicht. 30 Euro haben seine Kollegen erst gesammelt. Es müssten schon zwischen 50 bis 100 Euro zusammenkommen, bevor er springt. Also wird erst mal weiterhin Geld bei den Touristen eingeholt.

Schon seit dem 17. Jahrhundert wagen junge und übermütige Männer in Mostar den Sprung in die Tiefe. Fertiggestellt wurde die Brücke 1566 von den Osmanen. Die ersten Jahrhunderte herrschte rechts und links des Stari Most meist Frieden, bis das 20. Jahrhundert zwei Weltkriege brachte und die Brücke am 9. November 1993 von Einheiten der bosnischen Kroaten zerstört wurde.

Die Brücke von Mostar gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Jasmin Brutus - n-ost

Der für die Zerstörung verantwortliche General Slobodan Praljak wurde in Den Haag vergangenen November zu zwanzig Jahren Haft verurteilt und entzog sich seiner Strafe, indem er sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit vergiftete und starb. Die meisten Touristen interessieren sich dafür nur am Rande. Sie genießen die Sonne in einem der heißesten Orte Europas und warten auf den Sprung.

Die Stadt Mostar entstand um die Brücke herum, nach der sie benannt ist. Im sozialistischen Jugoslawien galt der Stari Most als Symbol für „Brüderlichkeit und Einheit“, für die Verbindung zwischen Ost und West, zwischen Islam und Christentum und innerhalb des Christentums auch als Brücke zwischen Katholiken und Orthodoxen. Im Bosnienkrieg wurden auch diese nicht steinernen Brücken zerstört – physisch also und zwischen den Menschen. Einst lebten hier Muslime, Serben und Kroaten friedlich zusammen. Der Wiederaufbau der Brücke nach dem Krieg sollte ein Symbol für den Wiederaufbau eines multikulturellen und multireligiösen Bosnien-Herzegowina werden, doch die Stadt ist geteilt. Westlich der Brücke leben katholische Kroaten, östlich der Brücke muslimische Bosniaken.

Schon die Kinder werden nach Herkunft getrennt

Aldina baut morgens ihren Souvenirstand in der Altstadt von Mostar auf. Sie verkauft selbstgeschnitzte Stücke aus Holz, um ihr Gehalt aufzubessern. Aldina ist Anfang 30, trägt Pilotenbrille und hat ihre langen braunen Haare zu einem Zopf gebunden. „Ich bin Bosniakin, mein Mann Robi Kroate“, sagt sie. „Zumindest sehen die Menschen hier das so. Uns sind Religion und Nationalität egal.“

Die Souvenirs von Aldina heben sich von den Produkten der anderen Stände ab. Auf die Magneten für drei und den Schatullen für sechs Euro hat sie feministische und antinationalistische Symbole und Parolen geschnitzt. Sie wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Interreligiöse Beziehungen sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Nun wird unser Sohn eingeschult und wir müssen uns entscheiden, ob er in eine bosnische oder kroatische Schule gehen soll. Das ganze System zwingt uns diese Trennung auf und wir können nichts dagegen tun.“

Von dieser Bauruine aus schossen im Bosnienkrieg die Scharfschützen.

Jasmin Brutus - n-ost

In Bosnien-Herzegowina gibt es getrennte Schulen. Die Kinder werden nach Ethnie und Religion getrennt. Die bosnischen Kroaten lernen in ihren Klassen mit Büchern aus Kroatien. Vor allem die Inhalte über die jüngere Geschichte unterscheiden sich stark von denen in bosniakischen Schulen.

Aldina sagt: „Es gibt in unserer Nähe keine Grundschule, wo alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Wir wollen diese Trennung nicht, aber wir müssen unseren Sohn eben auf eine Schule schicken.“

Mostar war die Stadt mit den meisten interreligiösen Ehen im ehemaligen Jugoslawien. Heute werden Menschen in interreligiösen und interethnischen Beziehungen zur Wahl gezwungen, ob sie ihre Kinder als Bosniaken oder Kroaten zur Schule schicken. Auch wenn Menschen wie Aldina und ihr Mann diese Trennung strikt ablehnen. Sie ist eigentlich Journalistin und Aktivistin im Kulturzentrum Abrasevic. Sie empfiehlt, sich den Ort anzuschauen, wenn man wissen möchte was passieren muss, damit Mostar und Bosnien-Herzegowina wieder zusammenwachsen. 

Ein Kulturzentrum als neue Brücke

Das Abrasevic liegt an der unsichtbaren Grenze, die Kroaten und Bosniaken trennt. Es besteht aus mehreren Gebäuden, von denen eines noch mit Einschusslöchern übersät ist. Im Bosnienkrieg verlief genau hier die Frontlinie. Ausgerechnet von dieser Stelle aus versuchen Menschen die Trennung der Stadt und des Landes zu überwinden.

Jeder hier kennt Hussein, der wirkt wie ein Berufsjugendlicher, aber schon Mitte 40 ist. Er trägt ein Cappy, die sein grau werdendes Haar verdeckt und einen blauen Hoody. Er war schon vor dem Krieg in dem Kulturzentrum aktiv und hat direkt nach dem Krieg dabei geholfen, es wiederaufzubauen.

„Alles was du in Bosnien-Herzegowina anfasst, ist bosniakisch, kroatisch oder serbisch“, erklärt Hussein die Teilung des Landes. „Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der nicht alles nach Nationalität und Religion getrennt ist, in der es darum geht, was für ein Mensch jemand ist und nicht ob er Katholik, Muslim oder Atheist ist.“

Hussein hat geholfen, nach dem Krieg das Kulturzentrum Abrasevic wiederaufzubauen.

Jasmin Brutus - n-ost

Das Abrasevic ist ein selbstverwaltetes Kulturzentrum. Sie arbeiten mit Siebdruck, reparieren Fahrräder, organisieren Konzerte und engagieren sich gegen Nationalismus.

Hussein rückt sein Cappy zurecht und sagt: „Heute sind wir die Brücke in dieser Stadt, die die Menschen zusammenbringt. Hier kommen Menschen aus beiden Teilen zusammen und definieren sich über Kultur und gemeinsame Interessen, nicht über ihre Nationalität.“

An der Trennung des Landes gibt Hussein den Politikern die Schuld. Diese würden von der Teilung profitieren, mit dieser mobilisieren und deswegen an ihr festhalten.

„Das ganze System ist darauf ausgelegt, Menschen zu trennen. Man muss schon gegen das System sein, um überhaupt ins Abrasevic zu kommen“, sagt Hussein. Er beschreibt das Kulturzentrum als sein Asyl – das Asyl, an dem er seit dem Ende des Krieges selber mitarbeitet. Ein Ort für Menschen die keine Lust mehr auf Nationalismus, Hass und die Teilung des Landes haben.

Teile und herrsche

„Divide et Impera“, teile und herrsche, steht in großen Lettern als Graffiti oben auf einem der höchsten Gebäude Mostars. Ein achtstöckiges Bankgebäude aus dem ehemaligen Jugoslawien, das in Kriegszeiten als Turm für Scharfschützen diente und zu einer Bauruine verkommen ist. Von hier aus hat man einen guten Blick auf den höchsten Berg der Stadt, auf dem ein großes Kreuz aufgestellt wurde. Auf jene Stelle, von der aus im Krieg auf muslimische Zivilisten geschossen wurde.

Der 22-Jährige Kunststudent Luka klettert von außen in das Gebäude, bis in den achten Stock. Auf dem Weg sind viele seiner Werke zu finden: Menschenkörper mit Tierschädeln und abstrakte Köpfe, deren Proportionen nicht stimmig sind. Eine kubistische Variante südosteuropäischer Street-Art. Luka liebt Bauruinen. In seiner Heimatstadt Zagreb hat er ein ganzes Gebäude von Innen angemalt, bevor es abgerissen wurde. Er hat eine Ananas auf seinen Unterarm tätowiert. Es ist sein Tag, wie es in der Szene heißt, das Zeichen, mit dem er seine Kunst signiert. Wenn das Wetter gut ist, dann sitzt er auch schon mal im Abrasevic und tätowiert andere Gäste. Als kleiner künstlerischer Zeitvertreib, nicht um Geld zu verdienen.

Der 22-Jährige Kunststudent Luka auf dem achtstöckigen alten Bankgebäude in Mostar.

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Über dem Dach des Bankgebäudes geht langsam die Sonne unter. Der Ausblick richtet sich auf die umliegenden Berge und die aus der Stadt emporsteigenden Minarette und Kirchtürme. Luka blickt auf Mostar hinab und sagt: „Die Natur und die Menschen sind wunderschön. Ich würde gerne hierbleiben, aber wovon soll ich später denn leben? Meine Freunde aus Zagreb halten mich schon für verrückt, weil ich wegen des Studiums hergekommen bin.”

Viele junge Menschen aus Kroatien zieht es nach Deutschland, Österreich oder in die USA. Aber nach Bosnien-Herzegowina? In ein Land, das noch ärmer, noch instabiler ist und in dem die Perspektiven noch schlechter sind?

Luka erklärt: „Ich kann mich hier künstlerisch ausleben. Die Street-Art Szene ist großartig und wird vielerorts von der Stadt geduldet.“ Doch natürlich weiß er auch, warum da ein großes Kreuz auf dem Berg steht, ausgerechnet an jener Stelle, von der aus auf Zivilisten geschossen wurde: „Es gibt immer noch Spannungen zwischen den Menschen. Man kann sich schon auf beiden Seiten der Stadt bewegen, aber manchmal gibt es Stress. Vor allem die Hooligans machen Probleme.“

Ausgerechnet von dieser Stelle wurde im Bosnienkrieg auf muslimische Zivilisten geschossen.

Jasmin Brutus - n-ost

Hooligans halten an der Trennung fest

Mostar wäre keine geteilte Stadt, wenn es nicht auch Menschen gäbe, die an der ethnischen Teilung festhalten. Im Westen Mostars, unweit eines Partisanendenkmals, um das sich niemand mehr zu kümmern scheint, treffen sich die Hooligans des Fußballvereins Zrinjski Mostar. Viele tragen Kleidung mit Szenecodes, die klar auf eine rechte Gesinnung schließen lassen. Auch hier sind Graffiti an den Wänden, aber sie sehen ganz anders aus, als die von Luka. Eines ist das Vereinslogo in einer Wolfsangel.

„Nein, mit Rechten haben wir nichts zu tun“, sagt Zeljko, der Hooligan-Anführer. Er trägt Jeans und Polohemd, redet ruhig, aber bestimmt. Man neigt dazu, ihm zu glauben, würden nicht andere Fans am Tisch nebenan bei seiner Distanzierung in Lachen ausbrechen, während sie ihre nackten Oberkörper mit den Runentätowierungen zur Schau stellen. 

Zeljko ist eine Art Pressesprecher für die Hooligans, die es vorziehen, als Ultras bezeichnet zu werden. „Ja, es ist Bosnien-Herzegowina hier. Das haben wir so nicht entschieden, wir können es aber auch nicht mehr ändern. Trotzdem, wir sind und bleiben ein kroatischer Verein.“ Zeljko und die anderen in der Vereinskneipe sehen sich als überzeugte Kroaten. Knallharte Kroaten.

Ein glatzköpfiger angetrunkener 20-Jähriger drückt sich dann weniger diplomatisch aus: „Wir gehen nicht zu den IS-Terroristen und Islamisten auf die andere Seite.“ Auf Nachfrage wird klar, dass er keine Witze macht. Der junge Mann, der nach Ende des Krieges geboren wurde, war wirklich noch nie auf der anderen Seite des Flusses. Und was täte er, würde seine Schwester sich in einen Moslem verlieben würde? Er hat eine einfache Antwort parat: „Meine Schwester wird sich niemals in einen Türken verlieben.“ Türke, das ist bei Kroaten und Serben ein abwertendes Wort für Bosniaken. Dieser junge Mann will nichts mit Bosniaken und Serben zu tun haben und am liebsten wäre es ihm, gehöre Mostar zu Kroatien. Er und seine Kameraden kämpfen dafür, dass die Teilung bestehen bleibt.

Dossier

Verständigung in Europa, Versöhnung und Brückenbau: Das sind die Kernthemen des katholischen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis im Jahr 2018. Zum 25-jährigen Bestehen greift die Solidaritätsaktion damit ein seit ihrer Gründung zentrales Anliegen auf.


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Und sie kämpfen im wahrsten Sinne des Wortes, meint der Graffitikünstler Luka, als er abends noch mal über den Stari Most läuft und sich, wie fast jeden Tag, selbstverständlich zwischen dem Ost- und Westteil Mostars bewegt: „Die Hooligans sind auch im Schmuggel und der Schutzgelderpressung aktiv, aber die Polizei lässt sie machen, weil sie mit den nationalistischen Parteien verbunden sind.“ Was Luka behauptet, wurde schon oft von Journalisten bestätigt. Nachdem Luka über den Stari Most gegangen ist, schaut er auf den Boden und drückt seine Zigarette aus. Er dreht sich um, zeigt auf die alte Brücke und sagt: „Auf der ganzen Welt stehen diese Dinger, um Menschen miteinander zu verbinden. Nur bei uns werden sie benutzt, um zu trennen.“ 

Eine Reportage von n-ost-Korrespondent Krsto Lazarevic, Mostar

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