Nigerianischer Bischof über die Krise im Land

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  • Nigeria - 22.05.2018

Im Bundesstaat Benue in Zentralnigeria sind Ende April zwei Priester während eines Gottesdienstes erschossen worden. Die mutmaßlichen Täter sind Angehörige des Hirtenvolks der Fulani; die örtliche katholische Kirche spricht von „Fulani-Terroristen“. Für Bischof Wilfred Chikpa Anagbe (53) ist die Ermordung ein weiterer Höhepunkt einer tiefen Krise. Darin gehe es um den Zugang zu Ressourcen, um illegalen Waffenbesitz und die Ignoranz der Regierung, wie der Bischof der Diözese Makurdi im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert.

Frage: Bischof Anagbe, in Zentralnigeria kommt es immer öfter zu schweren Ausschreitungen. Wie hat sich das in den vergangenen Jahren entwickelt?

Anagbe: Die Krise rund um die Viehhirten-Terroristen begann in den Jahren 2010 und 2011. Seitdem gibt es regelmäßig Angriffe. Ein Höhepunkt war das Jahr 2014 mit schweren Anschlägen in mehreren Landkreisen. Zahlreiche Menschen wurden obdachlos, und sogar der Konvoi des damaligen Gouverneurs wurde von den Fulani angegriffen. Damit war klar: Das ist ernst. Bis 2016 wurden Sicherheitskräfte geschickt, was die Lage ein wenig beruhigt hat.

Frage: Dann machte ein neues Gesetz Schlagzeilen. Es verbietet das Weiden von Vieh auf freien Flächen.

Anagbe: Hier gab es folgende Überlegung: Wenn man ein Gesetz schafft, dass das Umherziehen mit dem Vieh verbietet, kann man beide Seiten schützen; die Farmer und die Viehhirten. Es gab öffentliche Anhörungen. Ergebnis des Entwurfs war: Jeder, der Vieh hält, soll das auf einer Weide tun. Als Kirche haben wir dazu klar Stellung bezogen. Glücklicherweise wurde das Gesetz am 22. Mai 2017 verabschiedet und im November umgesetzt. Es gab Einschüchterungsversuche vonseiten der Viehzüchterorganisationen. Aber die Regierung hielt daran fest und sagte: Es gibt Pläne, Benue anzugreifen. Man informierte die Polizei und den Vizepräsidenten, da der Präsident krank in Großbritannien war. Am 1. Januar gab es in zwei Landkreisen Angriffe mit 73 Toten. Seitdem kommt es regelmäßig zu Überfällen.

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Frage: Was sind die Hintergründe dieser Krise?

Anagbe: Einige Menschen sagen: Die Fulani kommen, um ihr Vieh auf bestimmten Weiderouten grasen zu lassen. In den 1950er Jahren gab es dazu ein Gesetz, das noch aus der Kolonialzeit stammt. Die Umstände heute lassen diese Weiderouten aber gar nicht mehr zu. Als sie beschlossen wurden, hatten wir eine Bevölkerung von weniger als 50 Millionen Menschen. Heute sind es 200 Millionen.

Frage: Warum führt man nicht Alternativen ein, also die Weidehaltung, wie sie überall auf der Welt praktiziert wird?

Anagbe: Tatsächlich stellt sich bei der ganzen Diskussion eine andere Frage: Wenn es wirklich um Weideland geht, warum brennen sie Häuser und Kirchen nieder und warum töten sie Kinder, die gerade zwei Jahre alt sind? Für mich ist es ein Invasionskrieg mit einer muslimischen Agenda. Das ist meine Interpretation.

Frage: Der Gebrauch des Begriffs „Fulani-Terroristen“ verärgert viele Fulani, da sie sich als ethnische Gruppe stigmatisiert fühlen. Das kann neue, gefährliche Konflikte provozieren.

Anagbe: Ich weiß nicht, was daran gefährlich ist. Wenn sie keine Terroristen sind, warum machen sie dann mit ihnen gemeinsame Sache? Als wir in den 1960er Jahren aufwuchsen, lebten Fulani mit ihren Nachbarn zusammen. Sie brachten ihre ganzen Familien. Als die Regenzeit begann, gingen sie zurück. Doch heute kommen sie nicht mehr mit Kindern und Frauen. Was ist der Grund dafür? Sie kommen mit Waffen. Die normale Ausstattung eines Viehhirten ist ein Stock.

Frage: Ein normaler Viehhirte wird sich aber kaum ein Gewehr leisten können. Wer steckt dahinter und finanziert den Terror?

Anagbe: Ja, es ist unwahrscheinlich, dass jene, die mit den Herden umherziehen, dazu in der Lage sind. Es scheint, dass die Regierung das unterstützt. Es gab so viele Beschwerden. Wenn es der Regierung ernst wäre, würde sie sich darum kümmern. Auch hat es bisher keine Verhaftungen gegeben. Wir wollen sehen, dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Sie sind doch Menschen und keine Geister. Aber wenn man sagt, dass sie hier sind, dann gehen weder die Polizei noch die Armee dorthin. Es heißt, man müsse auf den Befehl von oben warten. Die Machthaber unterstützen sie.

Frage: Die katholische Kirche in Nigeria stand bisher immer für einen interreligiösen Dialog. Wird dieser nun aufgekündigt?

Anagbe: Hier in Benue haben wir keine religiöse Krise. Wir haben Eindringlinge, die nicht von hier kommen. Wie soll ich mit ihnen einen Dialog führen? Die Kirche steht für ein friedliches Zusammenleben. Das heißt aber auch, dass man sich an Gesetze halten muss.

Frage: Was erwarten Sie von der Regierung unter Präsident Muhammadu Buhari, der selbst ein Fulani ist?

Anagbe: Er muss seine Verantwortung ernst nehmen. Er wurde zum Präsidenten für alle Menschen in diesem Land gewählt und nicht nur für eine bestimmte Gruppe. Er wurde nicht gewählt, weil er Muslim ist, sondern weil wir fanden: Er ist glaubwürdig. Wir wollen keine fadenscheinigen Entschuldigungen von ihm.