„Sie sind doch noch Kinder!“

  • Sierra Leone - 03.05.2018

In Sierra Leone kümmern sich die Salesianer Don Boscos um Kinderprostituierte. Sie kämpfen für die Rechte und die Zukunft von Kindern an einem Ort, wo deren Leben nichts wert zu sein scheint.

„Sie haben kein Vertrauen in die Menschheit und sich selbst“ – so beschreibt Pater Jorge Crisafulli Mädchen, die als Kinderprostituierte in Sierra Leone arbeiten. Er leitet das Kinderschutzzentrum von Don Bosco in Freetown. Die Salesianer kümmern sich in der Hauptstadt des westafrikanischen Staates um Kinder und Jugendliche, die am Rand der Gesellschaft leben. Viele sind minderjährige Mädchen, die als Prostituierte arbeiten.

„Ich prostituiere mich, um essen zu können“, sagt die 17-jährige Aminata in dem Dokumentarfilm „Love“ der Salesianer. Er zeigt ihr Schicksal und die Lebenssituation von Kinderprostituierten in Freetown. Aminata ist auf sich allein gestellt, ihre Eltern wurden ermordet. Seit sie 13 Jahre alt ist, verkauft sie ihren Körper an Unbekannte. Lippenstift, Liedschatten, Wimperntusche – das Kind verwandelt sich.

An einem guten Abend verdient sie umgerechnet 5 Euro, an durchschnittlichen Tagen 1,50 bis 2 Euro. Das Geld braucht sie auch, um die Schule besuchen zu können, Schulgeld, Hefte und Stifte zu bezahlen. „Ich denke, dass ich so nicht leben sollte, dass ich am Ende krank sein und sterben werde“, sagt Aminata. Trotzdem verkauft sie sich auf der Straße. Eine Entscheidung, die nur den Schein einer Wahl hat: Etwas zu essen haben und die Schule bezahlen können oder nicht.

Artikel - 18.04.2018

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Das Leben auf der Straße bedeutet Gewalt und Gesetzlosigkeit. Rechte haben die Mädchen praktisch keine, oft sind sie den Männern ausgeliefert. Wenn jemand nicht bezahlt, ist das ihr Problem. Die Polizei ist Teil des Systems, kontrolliert die Mädchen, verhaftet und vergewaltigt sie. „Es ist die bittere Wahrheit, dass ein Hund oft mehr respektiert wird als die Mädchen“, sagt Pater Jorge.

Weltweit prostituieren sich 120 Millionen Mädchen, davon 73 Millionen Minderjährige. In Sierra Leone sind es rund 26.000 Kinder. Die jüngsten unter ihnen sind neun Jahre alt. Sie denken, handeln und fühlen wie Kinder – eine Kindheit haben sie nicht.

Ein Grund für die Prostitution ist die Armut in Sierra Leone. Das Land leidet an den Folgen des langjährigen Bürgerkriegs. Und aufgrund von Ebola sind in den vergangenen Jahren viele Kinder verwaist, die keinen anderen Weg sehen, als über Prostitution Geld zu verdienen.

„Es ist ein Kampf“, berichtet Pater Jorge am Mittwoch in Bonn von seiner Arbeit. Ein Kampf der Mädchen ums Überleben. Und ein Kampf der Salesianer für eine Zukunft der Kinder. 1998 gründeten sie das Programm Don Bosco Fambul. Vier Salesianer, 110 Sozialarbeiter und eine Gruppe Freiwilliger setzen sich vor Ort für die Mädchen ein.

26.000 Mädchen zwischen neun und 17 Jahren müssen sich in Sierra Leone prostituieren. Don Bosco bietet den Mädchen in Freetown Alternativen zur Straße.

Alberto Lopéz/Misiones Salesianas

Ziel ist, den Kindern eine Perspektive abseits der Prostitution zu geben. Sie erhalten eine Schul- oder Berufsausbildung, werden ärztlich und psychologisch betreut und lernen ein Zuhause und Familienstrukturen kennen.

Über Krankheiten und Risiken sind die Mädchen wenig oder gar nicht aufgeklärt. Einen Arzt können sie nicht bezahlen. Viele haben HIV, Hepatitis, Syphilis oder Malaria. Selbst wenn die Mädchen die Risiken kennen, sind sie dem System oft ausgeliefert. „Ich würde gerne Kondome benutzen, aber die Männer mögen das nicht“, sagt Aminata.

„Ich gebe den Kampf nicht auf“, erklärt Pater Jorge. Problematisch seien die mafiösen Strukturen im Hintergrund, die Ungerechtigkeit des Systems. Sein Ziel sei, den namenlosen Mädchen in internationalen Foren eine Stimme und den Kindern eine Zukunftsperspektive abseits von Elend und Gewalt zu geben.

Auch für Aminata kämpft Pater Jorge, will sie für das Programm von Don Bosco gewinnen. Wie viele andere Kinder vertraut sie der Organisation erst nicht, hat keinerlei positive Erfahrungen mit Menschen gemacht. Nach sechs Monaten kommt der Salesianer an sie heran.

146 ehemalige Kinderprostituierte haben das Programm der Salesianer bereits durchlaufen. Und auch Aminata gelingt der Sprung weg von der Straße. Inzwischen hat sie ein kleines Geschäft in der Nähe ihrer Großmutter – ein positives Schicksal, von dem viele andere nur träumen können.

Zum Film „Love“ der Salesianer über Kinderprostitution in Sierra Leone.

Video: Claudia Zeisel Text: Anna Fries (KNA)

© weltkirche.katholisch.de/KNA