Renovabis begrüßt Rotlicht-Razzia

  • Frauen - 18.04.2018

Das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis begrüßt die großangelegte Rotlicht-Razzia an diesem Mittwoch. Bei der größten Razzia seit Bestehen der Bundespolizei durchsuchten rund 1.500 Polizisten Dutzende Bordelle und Häuser bundesweit; es kam zu sieben Haftbefehlen. Die Opfer der Menschenhändler stammten vorwiegend aus Thailand und mussten nahezu ihren gesamten Lohn abgeben, um Schleusergelder in Höhe von bis zu 36.000 Euro zurückzuzahlen. Gespräch mit dem Renovabis-Geschäftsführer Burkard Haneke über Zwangsprostitution und die Auswege.

Frage: Herr Haneke, die Opfer des Menschenhändlerrings, gegen den an diesem Mittwoch die Polizei vorging, wussten, dass sie als Prostituierte in Deutschland arbeiten würden. Viele der Opfer wissen meist jedoch gar nicht, was sie in Deutschland erwartet. Würden Sie sagen, dass das die Mehrheit ist?

Burkhard Haneke: Das ist schwierig zu sagen. Viele junge Frauen werden auch mit Angeboten in der Kinderbetreuung, Putzdiensten oder der Bedienung im Lokal angelockt. Wenn sie dann hier sind, finden sie sich plötzlich ganz anderen Forderungen ausgesetzt. Es gibt aber auch viele Frauen, die wissen, dass sie ihren Körper verkaufen werden – nur wissen sie eben nicht, wie das dann in der Praxis abläuft. Dass sie dann zum Beispiel von einem Bordell zum nächsten weitergereicht werden und Dinge machen müssen, die sie sich vielleicht so nicht vorstellen konnten.

Frage: … und dass vielleicht das Geld auch gar nicht bei ihnen landet, sondern bei ihren Schleppern beziehungsweise Zuhältern.

Haneke: Natürlich, die Zuhälter behalten oft einen Großteil des Geldes ein und die Frauen müssen unter unwürdigen Bedingungen in den Bordellen arbeiten. In Deutschland ist es ein großer Fortschritt, dass wir seit Mitte letzten Jahres das Prostituiertenschutzgesetz haben. Dadurch ist es der Polizei auch viel leichter möglich, die Umstände in Bordellen zu kontrollieren. Auf diese Weise werden dort auch immer wieder Frauen gefunden, die dort nicht wirklich freiwillig sind.

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Frage: Glauben Sie, dass auch dank des Prostituiertenschutzgesetzes diese erstmals so große Razzia möglich wurde?

Haneke: Ich glaube nicht, dass es damit zusammenhängt. Diese Operation wurde wohl in langjähriger Arbeit auf internationaler Ebene geplant. Das Gute an dieser Aktion ist, dass dadurch das Thema Zwangsprostitution mehr Aufmerksamkeit bekommt. So merkt die Öffentlichkeit: Hier passiert etwas in unserer Gesellschaft, und zwar deshalb, weil es hierzulande eine Nachfrage nach solchen Dienstleistungen gibt. Die Freier fragen ja nicht groß, ob die Mädchen das freiwillig machen. Wir haben einen gewaltigen Markt – in anderen Ländern ist Prostitution längst nicht so freizügig möglich wie bei uns in Deutschland. Manche sprechen ja auch von dem „Bordell Deutschland“. Man muss auch sehen, dass die Übergänge fließend sind zwischen der Prostitution als einem mehr oder weniger freiwilligen Gewerbe und der Organisierten Kriminalität, bei der die Schwäche gerade von jungen Frauen ausgenutzt wird von Kriminellen, die sich ihrer für ihre Zwecke bedienen.

Frage: Würden Sie sagen, dass der Anteil an Zwangsprostituierten höher ist als der der sozusagen „freiwilligen“ Prostitution?

Haneke: Ich wäre vorsichtig, zu behaupten, dass die meisten Prostituierten Zwangsprostituierte sind. Gerade vergangene Woche fand in Bayern die Vollversammlung des „Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel“ statt, wo wir das Thema diskutiert haben. Da wurde festgestellt, dass die meisten Prostituierten im süddeutschen Raum aus mittel- und osteuropäischen Ländern kommen, vor allem aus Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Das sind Frauen, die kommen aus ausgesprochen ärmlichen Verhältnissen. Auch wenn sie in dem Wissen nach Deutschland kommen, dass sie ihren Körper verkaufen – inwiefern kann man das wirklich als freiwillig bezeichnen? Die Armutssituation der Frauen wird im Grunde ausgenutzt und sie verkaufen sich, weil sie sonst eben nichts haben. Es ist vielleicht kein direkter Zwang, aber es wird im Grunde eine Zwangslage von armen Frauen ausgenutzt, die nichts anderes haben, als dass sie ihren Körper hierzulande verkaufen.

Burkhard Haneke, Renovabis-Geschäftsführer.

KNA

„Die Übergänge zwischen dem freiwilligen Gewerbe und Zwangsprostitution sind oft fließend.“

— Burkhard Haneke, Renovabis-Geschäftsführer

Frage: Glauben Sie, dass sich das Problem der Zwangsprostitution in den vergangenen Jahren in Deutschland noch verstärkt hat?

Haneke: Das ist schwierig zu sagen. Nach einer starken Liberalisierung der Prostitution seit 2002 ist das Prostitutionsgeschäft sehr angestiegen und man kann davon ausgehen, dass auch der Bereich, wo Frauen zur Prostitution gezwungen werden, mitgewachsen ist. Vielleicht ist mit dem Prostituiertenschutzgesetz vergangenes Jahr eine gewisse Wende eingetreten, weil die Polizei Bordelle besser kontrollieren und mehr gegen Zwangsprostitution unternehmen kann. Aber belastbare Zahlen dazu gibt es bislang noch nicht.

Frage: Welche Maßnahmen trifft Renovabis, um die Frauen zu schützen beziehungsweise zu reintegrieren?

Haneke: Wir unterstützen in mehreren mittel- und osteuropäischen Ländern Organisationen, die Aussteigerinnen aus der Szene bei der Reintegration in die Gesellschaft helfen. Beispielsweise haben wir in der rumänischen Hauptstadt Bukarest mit der Organisation SOLWODI eine Beratungsstelle aufgebaut und es gibt dort auch ein Schutzhaus, wo die Frauen von SOLWODI betreut werden. In anderen osteuropäischen Ländern haben wir weitere Initiativen. Möglicherweise wird demnächst auch in Ungarn eine ähnliche Einrichtung eröffnet, die von Renovabis gefördert wird. Das ist ein Bereich, der noch ausbaufähig ist und wo wir unseren Partnern signalisieren, dass wir bereit sind, sie zu unterstützen.

Frage: SOLWODI engagiert sich ja auch in Deutschland und wirbt für ein Sexkauf-Verbot, wie es das bereits in Schweden gibt. Wie stehen Sie dazu?

Haneke: Ich bin auch für das sogenannte skandinavische Modell, bei dem die Freier unter Strafe gestellt werden. Auch die Franzosen haben sich kürzlich dem Verbot angeschlossen. Sobald etwas unter Strafe gestellt wird, verliert es diese Selbstverständlichkeit, mit der wir zurzeit in unserer Gesellschaft noch mit Prostitution umgehen. Solange Prostitution als ein Gewerbe wie jedes andere gilt, wird sich daran auch nichts ändern. Man sollte diesen Schritt wie in Schweden gehen, wobei es für eine solche Gesetzgebung in Deutschland im Moment wohl keine politischen Mehrheiten gibt.

Das Interview führte Claudia Zeisel

© weltkirche.katholisch.de

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