Ein Bus für Straßenkinder in Sierra Leone

  • Straßenkinder - 12.04.2018

In Sierra Leone leben tausende Kinder auf der Straße. Viele haben ihre Familien während der Ebola-Krise verloren. Jeden Tag müssen die Jugendlichen ums Überleben kämpfen. Das Don Bosco Mobil sucht die Straßenkinder an ihren Plätzen auf und bringt ein wenig Abwechslung in ihren harten Alltag.

„Das ist unser Sommer“ steht in weißer Schrift auf dem hellblauen T-Shirt von Ishmael*. Die freudige Botschaft aus dem deutschen Fußball-Sommermärchen 2006 wirkt wie ein sarkastischer Kommentar am drahtigen Körper des jungen Mannes. Ob Ishmael in den letzten Jahren seines Lebens einen unbeschwerten Sommer hatte, wie es das Second-Hand-Shirt aus Deutschland suggeriert, dürfte eher zweifelhaft sein. Ishmael, 20 Jahre alt, ist seit fünf Jahren obdachlos und gehört damit zu den etwa 2500 Kindern und jungen Erwachsenen, die dauerhaft auf den Straßen der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown leben.

An einer Straßenecke unweit der Hafenslums haben sich an diesem frühen Dezemberabend die ersten Jungen und jungen Männer auf einem steinigen Platz hinter der St. George’s Cathedral eingefunden. Jeden Montag fahren die Mitarbeiter des Don Bosco Mobile Programms hierher, um den Straßenkindern Unterstützung und ein wenig Abwechslung in ihrem rauen und gefährlichen Alltag zu bieten.

Der gröbste Müll auf dem Platz wird mit einem Handfeger beseitigt. Helfer aus dem elfköpfigen Don Bosco-Team tragen Bänke und Biertische heran und schrauben geschwungene, weiße Energiesparlampen in provisorische Metallständer. Eine mobile Soundbox wird aufgebaut, im Hintergrund rattert der Generator. Später, wenn mehr Jungs da sind, wird auch getanzt. In einiger Entfernung ist verwaschen der Ruf eines Muezzin zu hören.

Pater Jorge M. Crisafulli SDB, Direktor von Don Bosco Fambul, mit Kindern im Bus.

Don Bosco

Ishmael erzählt, dass seine Eltern starben als er ein Jahr alt war. 1998 war das, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in Sierra Leone. Er wuchs bei seiner Tante auf, die 2012 an Cholera starb. Seitdem lebt Ishmael auf der Straße. Er verdient ein wenig Geld als Warenträger, ein Job, den viele seiner Leidensgenossen machen. „Für eine Meile Orangen tragen zum Beispiel brauche ich 18 Minuten und bekomme dafür 4.000 Leone“ (etwa 45 Cent), erzählt er fast mit der Akribie eines Geschäftsmannes.

Für Ishmaels Lebensunterhalt reicht das kaum. Um die Jobs rivalisieren viele der Straßenjungs, von denen die meisten in gangartigen Strukturen organisiert sind. Manche säubern früh morgens die Eingänge von Geschäften oder Marktständen und  putzen Restauranttische. Andere verkaufen Waren wie Zigaretten, Süßigkeiten und Früchte oder kleine Handtücher an die verschwitzten Autofahrer in den Dauerstaus auf Freetowns Straßen. Betteln, Diebstahl und in einigen Fällen auch Prostitution gehören zum harten Überlebensalltag der männlichen Kinder und Jugendlichen, die im Schnitt 14 bis 15 Jahre alt.

„Straßenjungen erleben täglich physische und psychische Gewalt durch Gleichaltrige, Bekannte, Geschäftsleute, Passanten und sogar durch die Polizei und das Militär“, heißt es in einer Umfrage, die Don Bosco Fambul noch unter der Leitung von Direktor Lothar Wagner 2010 unter 188 Straßenjungen in Freetown durchgeführt hat.

Knapp zwei Drittel der Jungs sind aus ländlichen Gegenden in die Hauptstadt gekommen. Armut, Missbrauch und mangelnde Zuwendung sind die Hauptgründe auf die Straße zu flüchten. Und die Anzahl der Straßenkinder steigt weiter an. Durch die Ebola-Epidemie in Sierra Leone 2014 und 2015 sind landesweit 12.000 Kinder vom Tod eines für sie sorgenden Familienmitglieds betroffen. Viele Menschen haben zudem während der Krise ihre Arbeit verloren, was den wirtschaftlichen Druck auf die Familien weiter erhöht hat.

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„Ich arbeite seit 22 Jahren in Afrika, aber ich habe noch nie Menschen getroffen, die so viel leiden wie hier in Sierra Leone. Bürgerkrieg, Ebola  und andere Katastrophen haben ihre Spuren hinterlassen. Aber die Menschen haben die große Kraft, immer wieder aufzustehen und zu kämpfen,“ erklärt Pater Jorge M. Crisafulli SDB , Direktor von Don Bosco Fambul  in Freetown.

Bei dem Treffen an der St. George's Cathedral können sich die Straßenjungen registrieren lassen, um gezielt Hilfe zu bekommen. „Das Angebot von Don Bosco Mobile in dieser Gegend richtet sich an etwa 500 Straßenkinder“, berichtet Sozialarbeiterin Posseh Dingeikbo aus dem Hilfsteam. Vor allem Geduld sei gefragt und immer wieder die Ermutigung für die Kinder ihr Leben zu ändern. Viele der Jungs geben sich cool während der Begegnung, sie posieren für die Kamera, machen Späßchen mit dem elektronischen Moskitofänger, der durch die Dunkelheit schwingt wie ein leuchtender Strandball-Schläger. Stärke zeigen, cool sein – ein wohl unverzichtbares Verhalten, um auf der Straße zu überleben.

Amad und Saidu spielen „Draft“, eine Art Damespiel.

Jonas Völpel/Don Bosco

Auf einer Metallbank an der Kathedrale sitzen Amad und Saidu**, beide zwölf Jahre alt, die mit Abstand Jüngsten hier, immer zusammen unterwegs. Sie spielen „Draft“, eine Art Damespiel mit grob bearbeiteten schwarzen und weißen Steinen. Auf die Frage, warum sie seit zwei Monaten auf der Straße leben, wissen die beiden keine rechte Antwort. Nachfrage bei Francis S. Kamara, Projektkoordinator des Don Bosco Mobile-Projektes, 32 Jahre alt, ein Mann mit ruhiger, besonnener Ausstrahlung. „Wie viele Straßenjungen sind auch die beiden eine Zeit lang zu Hause und dann wieder eine Weile auf der Straße“, erzählt der Sozialarbeiter bei einem Treffen am nächsten Morgen in seinem kleinen Büro im Don Bosco-Gebäude im Zentrum von Freetown. Ein vibrierendes, verwinkeltes Haus über drei Etagen, gerade sind hier 230 Frauen und Kinder untergebracht, die einige Monate zuvor bei einem schweren Erdrutsch am Rande der Stadt Angehörige verloren haben und deren Häuser zerstört wurden. Durch die offenen Treppenhäuser hallt das Rufen und Schreien spielender Kinder und der Lärm von Handwerksarbeiten. „Fambul bedeutet Familie in der Krio-Sprache, die hier in Sierra Leone gesprochen wird. Das ist es, was wir als Don Bosco Fambul anbieten wollen: Eine Familie, ein Zuhause, in dem sich die Menschen willkommen fühlen“, betont Pater Jorge M. Crisafulli.

„Unser wichtigstes Anliegen ist es, die Kinder mit ihren Familien zu vereinen“, sagt Sozialarbeiter Kamara, aber die Probleme liegen auf der Hand: Mangelnde Kooperation der Eltern, auch aufgrund der massiven sozialen Probleme im ganzen Land. Also bietet Don Bosco bis zu einer möglichen Rückführung sogenannte „Group Homes“ an, in denen bis zu zehn Straßenjungs unter niederschwelliger Betreuung leben.

Pater Jorge M. Crisafulli mit Straßenkindern.

Don Bosco

Ein spezielles Regierungsprogramm direkt für Straßenkinder gebe es nicht, kritisiert Kamara. „Alle hängen am Tropf von NGOs wie Don Bosco oder Cap Anamur“. Genehmigungen für neue Projekte für die nicht ungefährlichen Nachteinsätze würden aber problemlos erstellt. „Nach dem Motto: Macht nur, es ist gut für die Nation“, sagt Kamara schmunzelnd. Unten vor der schweren blauen Eisenschiebetür zur Straße lebt seit einigen Wochen ein gutes Dutzend junger Männer auf einem kleinen Platz vor einem Laden. Schutzsuchende in unruhigen Zeiten. Demnächst stehen Präsidentschafts- wahlen an in Sierra Leone. Eine brisante Phase, in der Straßenkinder für Wahlkampfzwecke eingesetzt werden und als besonders gefährdet gelten. „Die Stadt ist über bestimmte Farben nach Parteien aufgeteilt in Distrikte, in die die Unterstützer der jeweils anderen Seite nicht ohne weiteres gehen können“, berichtet Francis S. Kamara.

Amad und Saidu vom Platz an der Kathedrale müssen derartige Gefahren wegen ihres geringen Alters noch nicht fürchten. Die beiden gehen sogar zur Schule, ein seltenes Glück unter Straßenkindern. Etwas Geld verdienen sie sich mit Reinigungsjobs, ihr Nachtlager schlagen sie an der vor einigen Jahren eingestürzten King Jimmy Bridge auf. Dort, wo vor Jahrhunderten die Sklaven aus Westafrika angekettet an eine Hafenmauer ihre letzte Station vor dem Abtransport nach Übersee hatten, ist heute ein Zentrum der Straßenjungs in Freetown. Auch Ishmael schläft an diesem geschichtsträchtigen Ort der Unterdrückung. Seine Träume aber knüpfen an an das ganz aktuelle Problem weltweiter Flüchtlingsbewegungen. „Ich habe nur eine Bitte an Gott. Dass ich zu meiner Stiefmutter nach Deutschland kann“, sagt er und plant trotzdem auch für sein weiteres Leben in Sierra Leone. Ein Bekannter wolle einen Kleinlaster kaufen, erzählt er. „Dann kann ich Fahrer werden“, ist Ishmaels Hoffnung für die Zukunft.

*Name geändert

** Namen geändert

Von York Schaefer

© Don Bosco Mission