Schick: Christen für Gesellschaft im Irak wichtig

  • Bedrängte Christen - 09.04.2018

Der deutsche katholische Weltkirche-Bischof Ludwig Schick hat sich fünf Tage lang zu einem Solidaritätsbesuch im Irak aufgehalten. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er über eindrückliche Erlebnisse, die Bedeutung von Christen für den Aufbau der Zivilgesellschaft nach den Verwerfungen durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) und seine Forderungen an die Politik.

Frage: Erzbischof Schick, welche Eindrücke aus dem Irak nehmen Sie mit nach Deutschland?

Schick: Meine Eindrücke sind gemischt. Ich war in der Ninive-Ebene, was bei meinen letzten Besuchen nicht möglich war. Ich habe Orte besucht, die vom IS eingenommen waren. Der IS hat dort die Kirchen zerstört, aber auch viele Häuser der Christen. Das ist alles sehr traurig. Es berührt einen, wenn man sieht, wie besonders die Kreuze zerstört und die Tabernakel aufgebrochen wurden. Die Kirchen wurden bewusst ausgebrannt, damit sie nicht wieder benutzt werden können. Es kamen aber auch viele Muslime und Jesiden durch den IS zu Schaden.

Frage: Gibt es auch hoffnungsvolle Zeichen?

Schick: Ja, der Wille der Menschen, die wieder in ihre Dörfer zurückkehren und den Wiederaufbau beginnen. Dabei sind ihnen ihre Kirchen besonders wichtig, weil sie ihre geistige Heimat sind. Sie bauen auch wieder ihre Häuser auf, wobei Ihnen die Kirche mit finanziellen Mitteln, die auch von Deutschland kommen, hilft. Es ist also ein Sowohl-als-auch: die Trauer über die Zerstörungen und die Freude über den Willen der Menschen, wieder anzufangen.

Frage: Angesichts Ihrer Eindrücke: Was muss seitens der deutschen Politik, aber auch von der internationalen Gemeinschaft getan werden?

Schick: Es muss vor allen Dingen und zuerst alles getan werden, dass die Häuser, die Kirchen, die Schulen, die Versammlungsräume wieder aufgebaut werden. Es muss an verschiedenen Stellschrauben gleichzeitig gedreht werden, damit das Leben in den Dörfern nach dem IS-Terror wieder beginnen und sich normalisieren kann. Schule und Bildung sind dabei sehr wichtig: Die Kinder müssen wieder in die Schulen gehen können. Vom Kindergarten an müssen die verschiedenen Ethnien und Religionen lernen, miteinander zu leben und die Gesellschaft zu gestalten. Es ist eine Freude zu sehen, wie die Kinder in den halbfertigen Schulen wieder lernen, spielen und auch wieder lachen.

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In vielen Teilen der Welt werden Kirchen, christliche Gemeinschaften und einzelne Gläubige bedrängt, verfolgt und in ihren Grundrechten verletzt. Das Internetportal Weltkirche stellt für Sie einige wichtige Hintergrundinformationen und Dokumente zu den Themen „Bedrängte Christen“ und „Religionsfreiheit“ zusammen.


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Frage: Was müsste noch geschehen?

Schick: Es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden. Die vielen jungen Menschen sehen ohne Arbeitsmöglichkeiten keine Zukunft für sich in ihrem Land. Dazu ist auch die Ausbildung im dualen System eine wichtige Hilfe. Die Regierung in Bagdad und die Regionalregierungen müssen dabei – unterstützt von der internationalen Gemeinschaft – ihre Aufgaben erfüllen. Wichtig ist auch die Verbesserung der Sicherheitslage, damit die Menschen leben und wirken können. Das gilt auch besonders für Bagdad.

Frage: Sie haben angekündigt, dass die deutschen Bischöfe die Christen im Irak weiter unterstützen wollen. Was ist dabei konkret geplant?

Schick: Wir waren mit Caritas international, Missio, dem Kindermissionswerk, Kirche in Not, Misereor unterwegs. Wir haben gesehen, dass auf verschiedenen Ebenen angesetzt werden muss. Unsere pastoralen Hilfswerke können beim Aufbau der Kirchen und pastoralen Strukturen Hilfe leisten. Schulen, Krankenhäuser und Gemeinderäume müssen wieder erstehen. Nötig sind auch die sozialen und politischen Strukturen. Wir wollen bei allen diesen Notwendigkeiten für den Wiederaufbau Hilfestellung geben. Letztlich müssen aber die Iraker ihre Gesellschaft wieder aufbauen. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe.

Frage: Welche Bedeutung haben Christen für die Zivilgesellschaft?

Schick: Sie sind für das Land ganz wichtig. Sie bringen den Geist der gleichen Würde von allen Menschen, die Menschenrechte für alle, den Einsatz für das Gemeinwohl, und die Werte der Gerechtigkeit, des Friedens, der Einheit und Solidarität ein, die für den Aufbau einer Gesellschaft unabdingbar sind. Für die Zukunft des Irak ist es wichtig, dass die Christen im Land bleiben.

Frage: Welche Zukunft sehen Sie für die Christen in dem Land? Es sind viele Menschen vor dem Terror des „Islamischen Staates“ geflohen.

Schick: Ja, die Zahl der Christen ist stark zurückgegangen. Wenn die Sicherheitslage nicht bald besser wird und in absehbarer Zeit nicht Zukunftsperspektiven geschaffen werden, ist zu befürchten, dass noch mehr Christen das Land verlassen. Sie sind eine Minderheit, gehören zu denjenigen im Irak, die gut ausgebildet sind und eine tragende Rolle beim Wiederaufbau der Gesellschaft übernehmen können. Sie haben auch gute internationale Beziehungen. Wenn die Christen noch mehr auswandern, wird es schwierig für die Zukunft des Irak. Sie sind ein Sauerteig in der Gesellschaft, der für das Backen des täglichen Brotes unerlässlich ist.

Brandbomben: Die syrisch-katholische Kathedrale von Karakosh, in der der IS Brandbomben gezündet hat.

Deutsche Bischofskonferenz/Kopp

Frage: Wie muss man sich das interreligiöse Miteinander vorstellen, gelingt das überhaupt?

Schick: Nicht genügend. Vor der Invasion 2003 haben die Menschen in weiten Bereichen friedlich miteinander gelebt. Der „Islamische Staat“, der vor allem von außen gesteuert wurde, hat dann seit 2014 das Vertrauen der Menschen untereinander sehr zerstört. Das gute friedliche Miteinander ist für das Leben Bedingung. Die Menschen unterschiedlicher Ethnien und Religionen müssen im Irak vom Kindergarten an bis zu den Universitäten dieses respektvolle Miteinander wieder lernen, um miteinander leben zu können.

Frage: Wie sieht christliches Leben konkret aus? Sie sind ja kurz nach Ostern zu Ihrer Reise aufgebrochen.

Schick: Es war sehr bewegend zu sehen, wie religiös die Menschen sind und leben. Die Gottesdienste und Gebete sind viel emotionaler als bei uns. Man spürt richtig: In der Kirche werden beim Beten und Singen die Wunden des Krieges geheilt, und die Seele bekommt Kraft und Zuversicht für das tägliche Leben, das sehr schwierig ist.

Frage: Sie haben auch an einem besonderen Ort die Messe gefeiert.

Schick: In Karakosh habe ich zum Beispiel mit dem syrisch-katholischen Ortsbischof Boutros Moshe und der dortigen Gemeinde die Messe gefeiert. Da merkt man: Gerade die Osterbotschaft vom auferstandenen Christus verbreitet neuen Lebensmut. Die Menschen kommen wieder zusammen und empfangen Freude.

Frage: Ein kurzer Schwenk nach Deutschland: Wie sehen Sie die aktuellen Debatten hier über Islam und Flüchtlinge, auch unter dem Eindruck Ihrer Reise?

Schick: Das eine hat mit dem anderen zunächst einmal nichts zu tun. Unsere Gesellschaft ist christlich geprägt. Das ist gut so und hat uns ein gutes Miteinander geschaffen. Das müssen wir bewahren. Das hilft uns, auch andere Religionen in Frieden und Respekt zu integrieren. Wir sollten unsere Traditionen wertschätzen und auf dieser Basis mit anderen Menschen, die zu uns kommen, in Offenheit umgehen. So können wir eine gute Zukunft gestalten, integrationsfähig bleiben und zum Wohl und Heil der Weltgemeinschaft einen guten Beitrag leisten.

© KNA