Im brasilianischen Regenwald sitzen die Bauern auf dem Trockenen

  • Brasilien - 15.03.2018

Ein Dorf im brasilianischen Regenwald leidet immer wieder unter Wassermangel. Nun erwägen die durstigen Bewohner, ihre Heimat notgedrungen zu verlassen.

Dunkel ist es in der schmalen Küche und stickig. Vandir dos Santos stellt seine Hacke neben die Tür, streift die Gummistiefel ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Vom Küchenfenster aus kann er seinen Reis wachsen sehen, den steilen Berghang hinauf. Er nimmt ein Glas und hält es unter den Wasserhahn. Drei Tropfen kriechen heraus.

Das quadratische Zwei-Zimmer-Holzhaus von Vandir und seiner Familie steht im brasilianischen Dorf Porto Velho. So wie der Großteil der Dorfbewohner ist er Bauer. Feldarbeit ist hier noch Handarbeit, ohne Hilfe von Zugtieren oder Traktoren. Alle Bewohner von Porto Velho sind Afrobrasilianer und Nachfahren von Sklaven, die zur Kolonialzeit vor den Großgrundbesitzern in den Wald flohen. Das Dorf befindet sich in der Region Vale do Ribeira im Bundesstaat Sao Paulo. Hier liegt das mit 21.000 Quadratkilometern größte zusammenhängende Gebiet Atlantischen Regenwalds Brasiliens.

Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt Kleinbauern in Brasilien, die vormals als Arbeitssklaven ausgebeutet wurden.

Florian Kopp / Adveniat

In den vergangenen zehn Jahren erlebte Porto Velho einen Aufschwung. Nach jahrzehntelangem Kampf gestand der örtliche Großgrundbesitzer den Bauernfamilien im Jahr 2003 unter juristischem Druck Land für den privaten Gebrauch zu. Außerdem halfen Sozialprogramme, die der ehemalige Präsident Luiz Inacio Lula da Silva ins Leben gerufen hatte. So wurden aus den ehemaligen Lehmhütten in Porto Velho stabile Häuser mit Stromanschluss und aus den acht dort lebenden Familien 30. Viele Angehörige kehrten zurück – jetzt aber denken sie darüber nach, wieder zu gehen.

So auch Admilson Santos Goncalves. Seit acht Jahren wohnt er mit Frau und Sohn wieder in Porto Velho, in einem Haus aus Stein mit drei Zimmern, in Fußentfernung zu seinen Eltern und Geschwistern. Ein gutes Leben. „Ja, aber ich sehe hier keine Zukunft mehr. Wie sollen wir denn ohne Wasser überleben?“, fragt der 45-Jährige.

Brasilien ist eines der wasserreichsten Länder der Welt, zwölf Prozent der weltweiten Süßwasservorräte befinden sich hier. Trotzdem mangelt es immer wieder an Wasser. Vor drei Jahren ereignete sich eine der schlimmsten Dürren der Geschichte, als die Wasserspeicher der Großstädte leer waren.

Dichter Amazonas-Urwald im Distrikt Roraima.

Jürgen Escher / Adveniat

Während der Trockenzeit gehe in Porto Velho jedes Jahr das Wasser aus, sagt Vandir, der auch Dorfvorsteher ist. Hilfe erwartet er keine mehr. „Dabei hat der Bundesstaat genug Geld für die Wasserversorgung.“ Die Lösung wäre ein Artesischer Brunnen. Dieser liegt in einer Senke unter dem Grundwasserspiegel, durch den Überdruck steigt das Wasser von selbst hoch. Doch dafür ist Geld nötig. „Zwei Projektanträge haben wir gestellt. Einer ist beim Präfekten, der andere beim Gouverneur des Bundesstaates.“ Eine Antwort blieb bisher aus, die Gelder seien eingefroren.

„Alle staatliche Unterstützung wird zurzeit gekürzt“, sagt Vandir, dem die aktuelle Regierung von Präsident Michel Temer große Sorgen bereitet. „Vielleicht müssen wir auf den Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl in diesem Jahr hoffen. Da fallen den Politikern meist ihre Wähler wieder ein.“ Ein trauriges Lächeln huscht über sein schmales Gesicht. Bis dahin trinken die Menschen in Porto Velho Salzwasser. Es ist das einzige, das noch verfügbar ist, da es aus einer größeren Quelle kommt.

Beide Quellen befinden sich mitten im Wald an Berghängen. Angrenzend liegen Felder eines Großgrundbesitzers. „Er lässt so viele Bäume abholzen, dass die Quellen immer schneller versiegen. Da hilft auch unsere Aufforstung nur bedingt. Der größte Teil der ehemaligen Plantage, das Land, das jetzt uns gehört, ist heute von Wald bedeckt“, sagt Admilson, der mit seiner Machete in der kleineren, versiegten Quelle stochert. 15 Familien bekommen von hier normalerweise ihr Wasser. Die anderen Familien, die kleine Gesundheitsstation und die Grundschule werden immer mit Salzwasser versorgt. Ist auch dieses Wasser aufgebraucht, fallen die Schule und die wöchentliche Sprechstunde aus.

Und das alles mitten im Regenwald, am Ufer eines Flusses. Doch das Flusswasser ist verschmutzt und nicht trinkbar. Erst in den vergangenen Jahren erhielten einige Kleinstädte in der Region ein Abwassersystem und eine Müllentsorgung. Porto Velho jedoch liegt 65 Kilometer von der nächsten Kleinstadt entfernt – hierhin kommen weder die Müllabfuhr noch das Fahrzeug mit dem Notfalltrinkwasser.