Theologe Zulehner zur Lage der Kirchen in Europa

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  • Europa - 06.03.2018

Ab Mittwoch findet in Brüssel die Frühjahrsvollversammlung der EU-Bischofskommission COMECE statt. Da das Mandat von Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzender turnusgemäß nach sechs Jahren ausläuft, wird die Versammlung einen neuen Präsidenten wählen. In welcher Lage übergibt Marx die COMECE seinem Nachfolger? Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) hat mit dem österreichischen Theologen Paul Zulehner über die Rolle der Kirchen in Europa gesprochen.

Frage: Herr Zulehner, wie sehen Sie die Entwicklung der COMECE in den vergangenen Jahren unter Kardinal Reinhard Marx?

Zulehner: Die COMECE hatte große Bedeutung, als Europa noch gespalten war. Diese Spaltung war einer der Gründe, warum neben dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), der Gesamteuropa vertreten hat, die COMECE gegründet wurde. Diese Zeit ist eigentlich vorbei. Die COMECE macht eine sehr gute Arbeit, aber ihre Struktur ist überholt. Es ist höchste Zeit, dass die COMECE als politischer Arm der europäischen Kirche und die CCEE als pastoraler Bereich zusammengefügt werden, weil es sonst zu einer nicht mehr akzeptablen Trennung von Pastoral und Politik kommt. Diese Doppelgleisigkeit wird den gegenwärtigen Herausforderungen nicht mehr gerecht und schwächt die Kirchen in Europa. Ich denke, dass die politische Lobbyarbeit der COMECE die gesamten Kirchen auf dem Kontinent im Blick haben sollte.

Frage: Spaltet die Haltung zur Migration von Papst Franziskus die katholische Kirche in Ost- und Westeuropa?

Zulehner: Die Kirchen in Europa haben es aufgrund der unterschiedlichen Politik ihrer Regierungen nicht leicht, zu einer gemeinsamen politischen Position zu kommen. Papst Franziskus drängt die europäischen Bischöfe, in der Flüchtlingsfrage mit einheitlicherer Stimme zu sprechen. Es kann nicht sein, dass ein Bischof sich stärker an der Position seiner Regierung orientiert als am Evangelium. Man hat dem Bischof bei der Weihe das Evangelium aufs Haupt gelegt und nicht eine Regierungserklärung. Hier muss auch die Versammlung der Bischöfe Europas die eigenen Mitglieder wesentlich stärker in die Pflicht nehmen. Ziel sollte eine Politik aus der Kraft des Evangeliums und nicht Rücksichtnahme auf die eigene Regierung sein.

Der Pastoraltheologe Paul Zulehner.
KNA

„Es kann nicht sein, dass ein Bischof sich stärker an der Position seiner Regierung orientiert als am Evangelium.“

— Paul Zulehner, Pastoraltheologe.

Frage: Wie bewerten Sie den sechsjährigen COMECE-Vorsitz von Kardinal Marx?

Zulehner: Kardinal Marx hat aufgrund seines sozialethischen Hintergrunds eine sehr hohe Kompetenz, sich in gesellschaftspolitischen Dingen zu bewegen. Ich glaube, dass er einer der starken COMECE-Präsidenten war. Natürlich hat er auch versucht, das Anliegen des Papstes in der Migrationsfrage mit Blick auf die osteuropäischen Kirchengebiete zu stärken. So war etwa der CCEE unter Kardinal Peter Erdö relativ restriktiv in der Flüchtlingsfrage. Hier hat Kardinal Marx schon förderlich gewirkt. Die Kirchen in Europa sind meines Erachtens auf keinem schlechten Weg.

Frage: Hat Kardinal Marx in der Flüchtlingsfrage genug getan?

Zulehner: Was er gemacht hat, war vor dem Hintergrund des Widerstands der Visegrad-Länder und der dortigen Kirchen angemessen. Marx war in dieser Sache auch nicht allein. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn etwa ist sehr engagiert als Brückenbauer in Richtung Osten. Dafür hat er von den ost- und mitteleuropäischen Ländern nicht nur Applaus geerntet. Ich denke, dass es in dieser Frage ein innerkirchliches Ringen gibt. Und dieses Ringen ist für Europa gesellschaftspolitisch sehr wertvoll; dabei kann die Kirche zeigen, dass sie in der Form von Kompromissen Fortschritte zugunsten der betroffenen Menschen erringen kann. Kirchliche Organisationen, die keinen Konflikt kennen, sind langweilig und politisch unbedeutend.

Frage: Wer wäre aus Ihrer Sicht der ideale Nachfolger von Kardinal Marx als COMECE-Vorsitzender?

Zulehner: Es wäre gut, jemanden zu finden, der auf dem politischen und personellen Kurs von Papst Franziskus liegt. Vielleicht jemand aus einem neutralen Land wie Österreich oder Schweden. Jemand, der in der Lage ist, Brücken zu bauen. Er sollte auch eine gewisse Persönlichkeit haben und Sprachkenntnisse, politische und dialogische Fähigkeiten, Führungs- und Durchsetzungsvermögen mitbringen. Die Vielfalt der Kirchen in Europa zusammenzuhalten und auch die Wunden in Europas derzeitiger Entwicklung zu thematisieren, ist keine leichte Aufgabe.