„Niemand nimmt dem Amerikaner das Recht auf eine Waffe“

  • USA - 05.03.2018

Die Waffengewalt in den USA macht immer neue Schlagzeilen: Am Wochenende hat ein 19-Jähriger an einer Universität im Bundesstaat Michigan seine Eltern erschossen. Nach dem jüngsten Schulmassaker in Florida haben die Jesuitenhochschulen der USA in einem Brief die US-Regierung zum Handeln aufgefordert. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Kirchen kritisch äußern – die Vehemenz ist allerdings neu, sagt der Jesuit Godehard Brüntrup. Als Philosophieprofessor der Jesuitenhochschule für Philosophie in München ist er seit vielen Jahren regelmäßig in den USA und beobachtet, wie auch die Kirche des Landes unter US-Präsident Trump ihren Ton verschärft.

Frage: Professor Brüntrup, die Jesuitenhochschulen in den USA haben in einem Brief Präsident Donald Trump und die Kongressabgeordneten aufgefordert, endlich etwas gegen die tödliche Gewalt durch Schusswaffen im Land zu unternehmen. Ist eine so geschlossene Forderung von Seiten der Jesuiten neu?

Professor Godehard Brüntrup: Es hat schon in der Vergangenheit solche Briefe von einzelnen Ordensoberen, einzelnen Universitäten und natürlich auch von der Bischofskonferenz gegeben. 2012 haben Jesuitenschulen – ebenfalls nach einem Massaker – einen Brief an Präsident Obama geschrieben. Ganz neu ist das also nicht. Neu ist, dass sich nun fast alle großen Universitäten jeweils einzeln in Briefen an den Präsidenten gewandt haben und zusätzlich gemeinsam als Verbände der Jesuitenschulen und -hochschulen – das sind ca. 60 Gymnasien und knapp 30 Universitäten – Briefe verfasst haben. Da ist jetzt also ein kritischer Punkt erreicht, der in der Vehemenz neu ist.

Frage: Auch Schüler protestieren mittlerweile für strengere Waffengesetze. Glauben Sie, dass das Thema in der Gesellschaft angekommen ist?

Brüntrup: Das Thema kommt immer wieder hoch, wenn ein größeres Massaker geschehen ist. Aber,  wie unsere schnelllebige Zeit so ist, wird es nach ein paar Wochen wieder vergessen und man hat ein neues Thema. Nun hat es aber in den vergangenen Jahren besonders viele Opfer gegeben – man denke auch an das Attentat von Las Vegas – sodass momentan ein Punkt erreicht ist, dass die Menschen auch von den hohen Opferzahlen her sagen: „Es reicht!“ Es ist so ähnlich, wie wenn die Amerikaner Krieg führen. Sie ertragen viel, aber wenn zu viele Soldaten im Sarg zurückkommen, dann sagt die Bevölkerung: „Stopp!“. Wie lange die Empörung anhält, ist aber unklar. Denn die Versuche, die Gesetze zu ändern, gehen Jahrzehnte zurück und haben bisher nicht viel gefruchtet.

USA - 02.03.2018

Die Jesuitenhochschulen in den USA haben sich zwei Wochen nach dem Schulmassaker von Parkland Florida in einem Brief an Präsident Donald Trump und die Kongressabgeordneten gewandt.


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Frage: Selbst US-Präsident Donald Trump fordert nun schärfere Waffengesetze und geht auf Distanz zur Waffenlobby-Organisation „National Rifle Association“ (NRA).

Brüntrup: Trump ist kein starrer Ideologe, auch kein typischer Republikaner und sicher auch nicht direkt finanziell abhängig von der Waffenlobby-Organisation NRA. Er könnte sich da die Freiheit rausnehmen, kritisch zu sein. Das Problem ist wirklich die Waffenlobby-Organisation NRA. Leider sorgt die NRA mit ihrem großen Einfluss und der Lobbyarbeit dafür, dass auch kleinere Gesetzesänderungen mit einem Verfallsdatum versehen werden und wieder versanden. So wie das Gesetz zum Verbot von Schnellfeuerwaffen. Es wurde 1994 nach einigen opferreichen Schießereien eingeführt und galt bis 2004, danach verfiel es wieder und seitdem ist alles wieder beim Alten. Man geht also kurz auf die allgemeine Wut der Bevölkerung ein, man tut etwas, aber es ist letztlich nicht effizient. Auch Trumps Vorgänger Barack Obama konnte dem nichts entgegensetzen. Im Gegenteil: Unter ihm wurden so viele Waffen verkauft wie noch nie zuvor. Denn die Bevölkerung befürchtete, dass Obama jederzeit die Gesetze verschärfen könnte – was er letztlich nie schaffte. Die Reaktion der Leute aber war: Hamsterkäufe von Waffen ohne Ende.

„In den USA ist der Schießsport so etwas wie in Deutschland der Fußball.“

— Godehard Brüntrup, Jesuit und Philosophieprofessor

Frage: Wie erklären Sie sich dieses besondere Verhältnis der Amerikaner zu Waffen?

Brüntrup: In den USA ist der Schießsport so etwas wie in Deutschland der Fußball. Der Schießsport gehört gerade im Mittleren Westen, in diesen großen Naturgebieten mit unendlich viel freiem Land und Jagdgebieten, zur Kultur dazu. Es ist ein Initiationsritus für einen jungen Mann im Alter von 12 oder 14 Jahren, zum ersten Mal ein Gewehr in die Hand zu bekommen und zum Jagen oder an einen Schießstand zu gehen. Das reicht natürlich zurück in die amerikanische Vergangenheit, bis vor nur 150 Jahren, als die Menschen sich mit der eigenen Waffe verteidigen mussten, weil es oft keine wirklich funktionierende staatliche Ordnung gab. Die Menschen lebten auf ihren Gehöften, die nächste Farm und der Sheriff waren weit weg, wie wir das aus den Westernfilmen kennen. Da hatte man das Gewehr zuhause, um sich verteidigen zu können. Das steckt noch tief in der amerikanischen Seele.

Das Recht auf eine Waffe ist auch in der Verfassung verankert. Das hat den Hintergrund, dass die Amerikaner bei der Gründung ihrer Bundesstaaten befürchteten, vom Staat unterdrückt zu werden wie zuvor durch die englische Kolonialmacht. Deshalb steht in der Verfassung, dass die Bundesstaaten paramilitärische Vereinigungen gründen können, um sich gegen den Zentralstaat in Washington zu wehren und dass jeder Amerikaner das Recht hat, eine Waffe zu tragen. Das ist ein Grundrecht, das man dem Amerikaner nicht wegnehmen kann. Die Verfassung ändern die Amerikaner bestimmt nicht so schnell, die Frage ist vielmehr, ob man durch Gesetze Einschränkungen erreichen kann.

Frage: Was muss sich Ihrer Ansicht nach ändern?

Brüntrup: Wichtig ist, dass die Altersgrenze für den Erwerb von Gewehren auf mindestens 21 Jahre angehoben wird. Schließlich bekommt man in Amerika auch Bier erst mit 21 Jahren. Das Problem der Schulattentate ist, dass man gerade einmal 18 sein muss, um ein sehr feuerstarkes Gewehr zu bekommen. Diese halbautomatischen Waffen lassen sich aber relativ einfach in automatische umbauen. Die sollten verboten werden – so wie es von 1994 bis 2004 der Fall war. Hinzu kommen die sogenannten „Gun-Shows“, Verkäufe von Privat zu Privat. Man trifft sich da auf dem Land, baut ein Zelt und ein paar Tische auf und verkauft sich gegenseitig Waffen. Dieser ganze Bereich ist praktisch kaum kontrolliert. Da gehen 15-Jährige rein und kaufen sich ein Gewehr.

Ich glaube, dass wir im Moment an einem Punkt sind, wo es wieder eine gesetzliche Verschärfung geben könnte – es wird jetzt vermutlich etwas passieren. Aber in der Geschichte hatten wir schon öfter die Situation, dass es schärfere Gesetze gab und nach zehn oder zwanzig Jahren hat man sie wieder aufgeweicht. Die Waffenlobby NRA ist so mächtig, dass sie bis jetzt jegliche nachhaltige Gesetzesänderung blockiert.

„Es ist unerlässlich, dass die Kirche ihre Stimme erhebt – und zwar lautstark.“

— Godehard Brüntrup, Jesuit und Philosophieprofessor

Frage: Die Kirche hat sich nicht nur für strengere Waffengesetze ausgesprochen, sie hat sich in jüngster Zeit auch bei den Protesten und Kampagnen für ein Bleiberecht der sogenannten „Dreamer“ eingesetzt. Ist die katholische Kirche in den USA unter Donald Trump insgesamt politischer geworden?

Brüntrup: Trump hat die gesamte Gesellschaft extrem polarisiert. Die katholische Kirche kann sich weder von seinem Charakter, seiner Person, von seinem Auftreten noch von seinen Inhalten her auf die Seite Trumps stellen. Obwohl er in manchen Punkten wie etwa bei der Abtreibung der katholischen Kirche sehr viel näher steht als Hillary Clinton. Aber die politische Gesamterscheinung und das Gesamtprogramm Trumps sind so, dass es an vielen Punkten der katholischen Soziallehre widerspricht. Das hat auch schon zur Konsequenz gehabt, dass ihn die Bischöfe deutlich kritisiert haben. Die Stimmung im Lande ist extrem aufgeheizt. Die Leute vermeiden oft in Gruppen das Thema Politik, es sei denn, sie sind sich sicher, dass alle im Raum der gleichen Meinung sind. Weil eben sonst alles explodiert. Das war früher nicht so, da gab es mehr Gemeinsamkeiten in den politischen Lagern.

Die Kirche mischt sich jetzt wie auch schon früher ein, gerade auch für die Einwanderer. Man muss bedenken, dass die katholische Kirche in den USA eine Einwanderungskirche ist. Der Anteil der Katholiken wächst und diese Zuwanderer kommen vor allem aus Mittel- und Südamerika sowie teilweise auch aus Asien. Von daher ist es verständlich, dass die katholische Kirche in den USA die Interessen ihrer eigenen Mitglieder unterstützt.

Frage: Inwiefern halten Sie es für notwendig, dass die Kirche in den USA ihre Stimme für die Rechte von Migranten, aber auch für Frieden und Sicherheit erhebt?

Brüntrup: Die amerikanische Demokratie ist in einer der größten Krisen ihrer Geschichte durch die Trump-Administration und die Wähler-Gruppen, die ihn an die Macht gespült haben. Ich würde Trump selbst nicht als Faschisten bezeichnen, aber es gibt in seinen Unterstützerkreisen – ähnlich wie bei der AfD – doch Menschen mit faschistoiden Tendenzen, die das politische Ideal der Republik und der demokratischen Ordnung nicht teilen. Das sind Rassisten, die eine „ethnische Säuberung“ der USA wollen. Sie wollen möglichst viele nicht-weiße Amerikaner wieder rauswerfen oder gar nicht erst reinlassen. Das widerspricht durch und durch dem christlichen Menschenbild und der katholischen Soziallehre und von daher ist es unerlässlich, dass die Kirche da ihre Stimme erhebt – und zwar lautstark.

Das Interview führte Claudia Zeisel

Der Jesuit Godehard Brüntrup ist seit 2003 Professor für Metaphysik, Philosophie des Geistes und Sprachphilosophie an der Jesuitenhochschule für Philosophie in München. Außerdem lehrt und forscht er seit über 30 Jahren an verschiedenen Universitäten in den USA.

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