Kirche will Populismus Paroli bieten

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  • Deutsche Bischofskonferenz - 22.02.2018

Europa erlebt eine Zeitenwende. 70 Jahre nach der katastrophalen Herrschaft des Nationalsozialismus und Faschismus ist die nationalistisch-autoritäre Rechte dabei, die Hegemonie von Sozialdemokraten und Liberalen zu beenden. Gesellschaftspolitisch dauerfrustrierte Konservative helfen dabei.

Am besten gelingt die rechte Renaissance in Mittel- und Osteuropa, wo keine lange liberal-demokratische Tradition besteht und bis 1990 der Kommunismus herrschte. Doch „der neue Populismus ist keine mitteleuropäische Erscheinung, sondern eine globale, man braucht nur an Brexit und an Donald Trump zu erinnern“, sagt der Tscheche Tomás Halík, Priester und Professor für Soziologie an der Karlsuniversität Prag. Was Populisten international verbinde, sei die Opposition gegen das System liberaler Demokratie und gegen seine Eliten, Angst vor den Migranten und vor dem Islam als „Ersatzziel der Zornentladung“.

Angesichts dieser Oberflächenphänomene will die Deutsche Bischofskonferenz nicht einfach nur stillhalten. Auf Initiative von Erzbischof Ludwig Schick (Bamberg), Vorsitzender der Kommission Weltkirche, befassten sich die Bischöfe auf ihrer jetzigen Frühjahrsvollversammlung in Ingolstadt (19.-22. Februar 2018) mit „Verständnisgrundlagen des Dialogs mit den Kirchen in Mittel- und Osteuropa“. Damit fiel der Startschuss zu einer breit angelegten Dialogoffensive, die Weltkirche-Bischof Schick für die nächsten Jahre als Schwerpunkt ausrief. Zumal die Kirche in Deutschland und die Kirche im östlichen Europa „auf eine lange und fruchtbare Tradition des Gesprächs zurückblicken können“, sagte der Erzbischof vor Pressevertretern.

„Wir können reich beschenkt werden, wenn wir uns mit allem Ernst auf die Erfahrungen der Kirche in anderen Regionen einlassen.“

— Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz.

Er erläuterte auch, wie ein solcher Ost-West- Dialog dem verbreiteten Populismus etwa in Polen, Ungarn, Tschechien – aber auch in Deutschland – Paroli bieten könne. Auf der einen Seite sei der „Spitzendialog“ auf Bischofs- und Politikerebene nötig, um die „Tiefenstruktur der Phänomene“ auszuleuchten und die Prägekräfte der Kirche als einigende Kraft zu vermitteln: „Bei der Bekämpfung des Populismus kann die Besinnung auf Jesus Christus helfen, das Christentum wahrt Tradition und ist dabei offen für Neues“, so Schick.

Andererseits müsse ein solcher Dialog auch an der Basis geführt werden. Erzbischof Schick verwies auf die bereits bestehenden Kontakte zwischen deutschen Diözesen zu Bistümern vor allem in Polen und Tschechien, auf Pfarreipartnerschaften, die BDKJ-Aktion Ost-West, die Aktivitäten der Vertriebenenverbände oder die Arbeit des Maximilian-Kolbe-Werkes. Besonders das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis habe in den vergangenen 25 Jahren nicht nur solidarische Hilfe für die Kirche und die Menschen im östlichen Europa organisiert, sondern auch ein unersetzliches Kontaktnetzwerk geschaffen.

Erzbischof Schick, Kardinal Woelki, Kardinal Marx und der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterovic, beim Eröffnungsgottesdienst der Frühjahrsvollversammlung der DBK.

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Professor Tomás Halík, der als Fachmann zu diesem Studientag der Deutschen Bischofskonferenz eingeladen war, bezeichnete es als Aufgabe der Kirchen, „ein Gegenmittel zu entwickeln gegen diese Infektion des Populismus“. Obwohl in Tschechien nur zehn Prozent der Bevölkerung Katholiken sind, hofft Halík auf einen positiven Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft: „Wir sollten eine kreative Minderheit sein und eindeutig in die öffentliche Debatte eintreten.“ Außerdem sei es die „Hauptaufgabe der Kirche, Menschen in ihrer geistlichen Suche zu begleiten“. Der Professor plädierte für einen internationalen „Brain trust“ aus Intellektuellen, der Visionen entwickeln sollte für die Kirche, die die „Zeichen der Zeit denken muss“.

Weiterer Experte dieses Studientages war der Ungar András Máté-Tóth, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Szeged. Er betonte, dass Ungarn und die weiteren Gesellschaften Ost-Mittel-Europas nicht ohne die „kollektiven Verwundungen in ihrer Geschichte“ verstanden werden könnten. So sei ein „Langzeitdialog“ vonnöten, in dem der Dialogpartner über Höflichkeitsgesten hinweg zu einer  „Betrachtung der Verwundungen“ komme. Máté-Tóth benutzte für einen solchen Dialog den Begriff „kleine Philosophie der Freundschaft“: „Die hält Meinungsverschiedenheiten aus!“

Erzbischof Schick sprach Schwierigkeiten im Ost-West-Dialog der Kirchen an wie unterschiedliche Auffassungen etwa über Ehe, Sexualität, Recht, Flüchtlinge. Doch „wir können reich beschenkt werden, wenn wir uns mit allem Ernst auf die Erfahrungen der Kirche in anderen Regionen einlassen“. So lasse sich auch von der Glaubenspraxis der Kirchen in Ungarn, Tschechien, Polen lernen. Als Beispiele nannte Schick Volksfrömmigkeit, Marienverehrung oder die Verbindung von Religion und Mystik. „Religion ist mehr als Kopfsache, auch das Herz gehört dazu“, sagte Erzbischof Schick.

Von Marion Krüger-Hundrup

Marion Krüger-Hundrup, Chefredakteurin i.R. der Bamberger Bistumszeitung „Heinrichsblatt“, jetzt freie Journalistin mit dem Themenschwerpunkt Kirchen und Religionen.

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Renovabis

Das Osteuropa-Hilfswerk setzt sich seit 25 Jahren für die Solidarität mit der Kirche in Osteuropa ein.

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