„Religion nicht den Fanatikern überlassen“

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  • Interreligiöser Dialog - 19.02.2018

Es ist ein Kloster, von dem sogar der deutsche Außenminister schwärmt. „Ich freue mich, dass die dringend notwendige Sanierung der Dormitio-Abtei in Jerusalem Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hat“, sagt Sigmar Gabriel der Deutschen Welle. „Die Abtei in Jerusalem liegt mir am Herzen, das dort angesiedelte Studienprogramm ist ein herausragendes Beispiel für die Verständigung zwischen Konfessionen und Religionen in einer wahrlich nicht einfachen Umgebung.“ Der Prior, also der Leiter, der deutschsprachigen Benediktinerabtei ist Pater Nikodemus Schnabel. Das Auswärtige Amt beteiligt ihn an seinem Projekt „Friedensverantwortung der Religionen“.

Frage: Pater Nikodemus, Sie haben vor einigen Tagen Außenminister Gabriel getroffen. Welche Bedeutung hat das Thema “Friedensverantwortung der Religionen“?

Nikodemus Schnabel: Dieses Thema ist hochaktuell und wird immer wichtiger, gerade weil viele Konflikte religiös verbrämt werden. Bei vielen Konflikten hört man auf einmal religiöse Argumentationen. Ich glaube, alle Religionsführer, egal welcher Religion, sind herausgefordert zu sagen: Wir machen jetzt klar, wofür Religion wirklich steht. 

Frage: Extremisten tun das längst, im schwarz-weiß-Muster.

Schnabel: Umso wichtiger ist es, dass Religionsführer aufstehen. Religion ist in meinen Augen Gott-Suche, das bedeutet, sich täglich neu aufzumachen und sich zu fragen, was Gott wirklich will. Religion bedeutet einen sehr differenzierten Zugang, bedeutet auch, sich selbst wahrzunehmen als armseligen Sünder, der der Barmherzigkeit Gottes bedarf. Wer sind wir denn, dass wir andere in Schubladen stecken, wenn Gott selbst nicht schubladisiert! Und deswegen gilt: Wir Religionen haben eine Friedensverantwortung.

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Frage: Wie ist die Spannung zwischen Religion und Politik im Heiligen Land auszuhalten?

Schnabel: Wir Religionen müssen schauen, dass wir uns nicht vereinnahmen lassen. Wir sind ein Gegenüber der Politik. Die heiligen Schriften – sei es Koran, Talmud oder vor allem die Bibel – sperren sich ja dagegen, dass man wortwörtlich eine konkrete Politik daraus ableiten kann. Das sind ja keine schlichten Gebrauchsanweisungen. Wenn man sie wortwörtlich nimmt, ist das eine Vergewaltigung der Heiligen Schrift.

Frage: Was ist für Sie aus Ihrer Jerusalemer Erfahrung dann ein Kern?

Schnabel: In einem ist die Bibel ziemlich unmissverständlich. Sie macht deutlich, dass Gott immer mit den Schwachen, den Ausgegrenzten, denen am Rande ist, und dass Gott immer sehr kritisch gegenüber den Mächtigen und Selbstgefälligen ist. So haben alle Heiligen Schriften ein sehr kritisches Potential, das den Mächtigen den Spiegel vorhält, die Frage nach Gerechtigkeit, Frieden, Versöhnung stellt und die ausgestoßenen Schwachen ermutigt. 

Deswegen finde ich es gerade in heutiger Zeit so unglaublich wichtig, dass man Möglichkeiten zum Theologiestudium und die theologische Wissenschaft fördert, um die Religion nicht den Fundamentalisten zu überlassen, die die Religion kleinkariert verengen und entstellen.

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Frage: Vor zehn Wochen hat US-Präsident Trump mit seiner Ankündigung, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, für weltweite Diskussionen und Zündstoff in Nahost gesorgt. Wie verändert das die Stimmung zwischen den Religionsvertretern in Jerusalem?

Schnabel: Auch da muss man sehr gut trennen zwischen Religion und Politik. Letztlich hat hier ein Politiker mit religiösen Argumentationsketten argumentiert. Das hat aber – und das ist hochinteressant – sehr viele religiöse Vertreter der monotheistischen Religionen herausgefordert, noch mal zu sagen: Nein, so geht Politik nicht. Man kann nicht einfach sagen: Bumm, so steht es in der Bibel, so machen wir das.

Trump hat die Zivilgesellschaft, zu der die Religionen gehören, herausgefordert, sich noch einmal klar zu positionieren. Und was nicht so häufig passiert und wirklich spannend war: Die Oberhäupter der 13 alteingesessenen christlichen Kirchen im Heiligen Land, welche zusammen die Zwei-Prozent-Minderheit der Christen im Land repräsentieren, verteilt auf 50 Konfessionen, haben zu einem gemeinsamen ökumenischen Brief an Trump zusammengefunden. Und sie haben die eigentliche Leitfrage gestellt: Was dient dieser Stadt zum Frieden, zur Versöhnung, zum Dialog, zur Gerechtigkeit?

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Frage: Wo sehen Sie einen Weg?

Schnabel: Für Jerusalem gibt es keine einfachen Antworten. Der Heilige Stuhl, also die katholische Kirche, hält seit Jahrzehnten an einer, wie ich finde, visionären Lösung fest. Ich bin großer Anhänger dieses Ansatzes, der sagt: Jerusalem ist zu bedeutend, als das man die Frage dieser Stadt kleinkariert nationalistisch verengt. Die Altstadt ist wirklich ein „corpus separatum“, ein getrennter Bereich, der internationalisiert werden sollte und eben niemandem allein nationalistisch verengt gehört.

Das ist der Zauber dieser Stadt mit ihrer unglaublich langen Geschichte, welche gleich drei großen Weltreligionen heilig ist. Wie langweilig wäre Jerusalem, wenn es rein jüdisch wäre, rein muslimisch, rein christlich. Der Zauber der Stadt wäre weg.

Frage: Zu Ihrer Dormitio-Abtei gehört seit über 40 Jahren das Theologische Studienjahr Jerusalem, ein wissenschaftliches Exzellenz-Projekt, das vor allem durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst finanziert und von der Deutschen Bischofskonferenz bezuschusst wird. Was möchten Sie als Prior den Studierenden mitgeben?

Schnabel: Ich habe selbst im Jahr 2000/2001 dieses Studienjahr absolviert. Das hat mein Leben massiv verändert und geprägt. Und ich weiß von vielen anderen Studierenden, dass ihre theologische Biografie durch diese Erfahrung im positiven Sinne durchgerüttelt wurde.

Jerusalem raubt alle Selbstgefälligkeit und Sicherheiten. Es ist eine Stadt, die unfähig zum Smalltalk ist. Und gerade für junge Theologiestudierende ist sie ein Ort, an dem man abends wirklich erschöpft ins Bett sinkt, weil die Stadt voller Fragezeichen, voller Herausforderungen ist. Man muss eigentlich täglich neu um Antworten ringen. Und die Studierenden lernen: Jerusalem verbietet billige einfache Antworten und öffnet immer den Horizont zum Dritten. 

Frage: Was heißt das für Sie konkret?

Schnabel: Seitdem ich an unserem Studienjahr teilgenommen habe, kann ich nicht mehr evangelisch-katholisch denken, ohne an die Kirchen des Ostens, die Orthodoxie zu denken. Ich kann nicht politisch an Israel denken, ohne an Palästina zu denken, und nicht an Palästina, ohne an Israel zu denken. Ich kann nicht mehr jüdisch-christlich denken, ohne an den Islam zu denken. Umgekehrt kann ich nicht muslimisch-christlich denken, ohne an das Judentum zu denken. Das ist eine Herausforderung.

Wer sich darauf einlässt, der wird zu einer theologischen Persönlichkeit. Und die brauchen wir, die braucht auch die theologische Landschaft in unserer heutigen Zeit mehr denn je. Damit wir die Religionen nicht den Fundamentalisten, den Fanatikern überlassen, die meinen, sie könnten in 90 Sekunden die Welt erklären.

Das Interview führte Christoph Strack.

Pater Nikodemus Schnabel (39) ist Prior der deutschsprachigen Benediktiner-Abtei Dormitio am Rande der Jerusalemer Altstadt. Dem Konvent gehören knapp 20 Mönche an. Der lateinische Name Dormitio erinnert an die Überlieferung, dass an dieser Stätte Maria entschlafen ist.

Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Welle zur Zweitveröffentlichung.

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