Die Rückkehr der Christen

  • Bedrängte Christen - 02.02.2018

Der „Islamische Staat“ scheint bald Geschichte, und die Städte und Dörfer der Ninive-Ebene im Irak sind befreit. Jetzt hoffen die wenigen verbliebenen Christen auf einen Neuanfang. Nach der Flucht wollen sie ihr Leben wieder aufbauen. Es ist vielleicht der letzte Versuch.

Das Entsetzen steht ihm bis heute ins Gesicht geschrieben: Der syrisch-orthodoxe Priester Daniel Behnam wendet sich um und zeigt in den Altarraum seiner Pfarrkirche hinein. „Schauen Sie“, sagt er, „hier stecken noch die Kugeln in der Wand. Und hier haben sie sogar das Altarbild zerstört.“ Dann bleibt er vor der Eingangstüre stehen und erzählt von dem Augenblick, an dem er hätte sterben können.

Es war vor wenigen Monaten, als er zurück in die kleine Stadt Bashiqa im Norden des Irak kam. Zum ersten Mal, seit er und die gesamte Gemeinde vor den Schergen des sogenannten „Islamischen Staates“ hatten fliehen müssen. Fliehen oder sterben, das war ihre Wahl gewesen. Pfarrer Daniel und die Seinen gingen, ein weiteres Mal, wie es die Christen in dieser Region des Nahen Ostens schon so oft hatten tun müssen. Doch dann, nach drei langen Jahren, kamen endlich gute Nachrichten: „Der IS ist weg, sie haben sich zurückgezogen. Vielleicht können wir wieder heim.“ Sie wollten die Rückkehr wagen.

Also näherte sich Pfarrer Daniel Behnam eines Tages ganz vorsichtig der verlassenen Pfarrkirche von Bashiqa und sah sich um. Er öffnete die eiserne Tür und trat in den Kirchenraum. Da entdeckte er einen Plastikstuhl, ganz nahe am Eingang, und etwas, das darauf lag. Er wusste, was es war, und erschrak: Ein Gürtel, befüllt mit Sprengstoff. Jemand musste ihn dort hingelegt haben. Damit er explodiert, sobald sich die Kirchentüre öffnet, und möglichst viele mit in den Tod gerissen werden.

Zerstörtes Altarbild in der Pfarrkirche von Bashika.

Fritz Stark/Missio

Bomben und Sprengsätze

Es war nur Glück, dass dieser Plan nicht aufging und der Sprengsatz nicht in die Luft ging. Pfarrer Daniel lebt. Er lebt, und mit ihm lebt die Hoffnung auf einen Neuanfang in den Städten und Dörfern der Ninive-Ebene. Orte wie Bashiqa sind kaum 20, 30 Kilometer entfernt von Mossul, der früheren Millionenstadt, die heute zu weiten Teilen in Trümmern liegt. Die Ninive-Ebene im heutigen Irak liegt im Ursprungsland der Christen. Deren Sprache, das Aramäische, ist die Sprache Jesu, und die assyrische Schrift ist uralt. Im nahen Mossul hat sich der Islamische Staat eines seiner Machtzentren aufgebaut. Anfang Juli 2014, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan, trat hier der IS-Führer al-Baghdadi vor seine Anhänger in der Großen Moschee und verkündete, dass von nun an das Kalifat ausgerufen sei und alle Welt ihm, dem großen Kalifen, zu dienen habe.

An einem weiteren Freitag tönte es aus den Lautsprechern der vom IS besetzten Moscheen. „Christen müssen Moslems werden, eine Kopfsteuer bezahlen, oder sie müssen die Stadt verlassen.“ Die Häuser der Christen wurden mit einem arabischen Buchstaben beschmiert: Eine Abkürzung für „Nasrani“, wie „Nazarener“, also „Christen“. Drei Tage hätten sie Zeit, dann würden sie getötet.

Bald setzte sich ein Flüchtlingszug in Bewegung, zu Fuß, mit Autos, auf LKWs. Zunächst suchten die Menschen Schutz in den kleinen Städten nahe Mossul, immer noch in der Hoffnung auf eine baldige Heimkehr. Andere zogen weiter in Städte wie Dohuk und Erbil, die zur autonomen Kurdenregion gehören.

„Innerhalb von wenigen Tagen kamen 100.000 Flüchtlinge zu uns“, erinnert sich Stephen Rasche. Der US-Amerikaner arbeitet für die chaldäisch-katholische Erzdiözese in Erbil, der Hauptstadt der Region Kurdistan. Die Kirche war es, die die Neuankömmlinge mit dem Nötigsten versorgte.

Die Menschen schliefen in Kirchengebäuden und in Gemeindesälen, oder zelteten auf offenem Feld. Andere kamen bei Verwandten unter. „Dann mieteten wir mehrere Apartments für sie“, sagt Stephen Rasche. Für etwa 30.000 dieser Flüchtlinge zahlte die Kirche die Unterkunft. Im christlich geprägten Stadtviertel Ankawa entstand außerdem ein großes Flüchtlingslager, in dem bis heute vor allem Christen leben.

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Sie fühlen sich von der UNO und dem Rest der Welt im Stich gelassen

„Ohne die Hilfe der Kirche hätten diese Menschen nicht überlebt,“ sagt Stephen Rasche und er übertreibt nicht. Denn in den Wirren des schnellen Eroberungszuges durch den IS waren internationale Institutionen wie die UNO mit der großen Zahl an Hilfesuchenden schlichtweg überfordert. Vor dem IS flohen Muslime genauso wie Minderheitenvölker, etwa die Christen und Jesiden. „Da dachte man wohl: Die Christen bekommen ja schon genug Hilfe,“ beschreibt Stephen Rasche seine Erfahrung.

Hat der Westen, hat man in Europa zu lange unterschätzt, in welch großer Gefahr sich besonders die christliche Minderheit im Irak befand? Man wollte niemanden bevorzugen oder benachteiligen, muslimische und christliche Flüchtlinge nicht gegeneinander ausspielen, und vor allem nicht der IS-Propaganda nützlich sein, und als „Feinde des Islam“ gelten.

So haben sich nur wenige Politikvertreter offen für eine bewusste Unterstützung der Christen ausgesprochen – und oft waren das Staatenlenker, deren Politik durchaus umstritten ist. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban war der erste, der erklärte: Sein Land wolle in erster Linie den Christen im Nahen Osten zur Hilfe kommen.

Eine eigens eingerichtete Behörde in Budapest bekam ein Startbudget in Höhe von über drei Millionen US-Dollar zugewiesen. Inzwischen hat sich Mike Pence ähnlich geäußert, der Vizepräsident der USA. Im Namen seines Präsidenten Donald Trump sagte er, die USA würden künftig die UNO umgehen und gezielte Wiederaufbauhilfe an die christlichen Kirchenoberhäupter des Nahen Ostens vergeben.

Die syrisch-katholische Kirche „Behnam et Sara“ in Karakosch wurde vom IS verwüstet.

Fritz Stark/Missio

In der Tat sind die Kirchenoberhäupter wichtige Identifikationsfiguren. „Wenn die Menschen sehen, dass ich wieder zurückgehe, dann tun sie das auch,“ sagt zum Beispiel Jacques Ishak Saleba. Auch er als früherer chaldäischer Bischof musste vor dem IS fliehen.

Seine Stadt Karakosch, zwischen Erbil und Mossul gelegen, ist die größte noch verbliebene Stadt des Irak mit mehrheitlich christlicher Bevölkerung – wenn die Menschen sich denn wieder hier ansiedeln können. „Ich sehe die Chancen bei 50 zu 50“, sagt Stephen Rasche aus Erbil. Bischof Ishak jedenfalls wird demnächst wieder in sein Bischofshaus zurückkehren.

Aber noch ist es nicht so weit, wie ein Besuch dort zeigt. „Alles haben sie geraubt,“ sagt der 79-Jährige. Er besaß eine große Bibliothek – Werke in Englisch, in Arabisch, in Aramäisch. „Auch ich selbst habe 22 Bücher veröffentlicht“, sagt Bischof Ishak. Jetzt sind alle Möbel weg, alle Bücher wurden aus den Regalen gerissen und vermutlich verbrannt.

Dafür beschmierten die Eindringlinge die Wände des Bischofshauses. „Lang lebe das Kalifat!“ – „Lang lebe unser Kalif!“. Sogar die Umrisse der IS-Flagge kritzelten sie an die Wand. Während Bischof Ishak durch die verlassenen Räume geht, schüttelt er nur den Kopf. „Aber wie gesagt: Ich komme zurück.“

„Der Irak braucht uns Christen doch mehr denn je“

Die Kirchenvertreter wollen die Hoffnung auf einen neuen Anfang nach der Katastrophe unter allen Umständen am Leben erhalten. In der einstigen IS-Hochburg Mossul werden zwar vermutlich keine Christen mehr leben können, heißt es überall. Zu tief verwurzelt seien die Hasspredigten der Islamisten, zu groß das Misstrauen zwischen Christen und Muslimen. Aber die Kirche selbst will ihre Präsenz dort nicht aufgeben. Vielleicht ein Priester irgendwo, in einer kleinen Kirche. Zeugnis ablegen, bis zuletzt.

Aber nicht nur das. „Nicht nur wir Christen brauchen den Irak“, sagt der assyrische Erzdiakon Emanuel Youkhana. Er ist überzeugt: „Mehr denn je braucht der Irak uns Christen!“ Emanuel Youkhana leitet die Organisation CAPNI („Christian Aid Program Northern Iraq“), die er schon zu Zeiten von Saddam Hussein in den 1990er-Jahren gegründet hat. „Wo andere Mauern bauen, da können wir Christen Brücken bauen,“ betont er.

Und das sind keine leeren Worte, denn CAPNI hat bereits 300 Häuser in der Ninive-Ebene wieder aufbauen können. Die Organisation betreibt Kindergärten und Schulen, kümmert sich um eine medizinische Versorgung. Davon profitieren alle, nicht nur die Christen. Der Irak brauche die Vielfalt der Kulturen und Religionen, sagen sie bei CAPNI. „Sonst gibt es am Ende nur eine Farbe: Schwarz.“ Die Farbe des Islamischen Staates.

Emanuel Youkhana weiß: Wer geflohen ist und wieder in die Heimat zurück möchte, hat ganz konkrete Fragen, von denen die Entscheidung zur Rückkehr abhängt. Gibt es Arbeit, kann ich Geld verdienen? Können meine Kinder irgendwo in die Schule gehen? Was mache ich, wenn jemand krank wird? „Und,“ sagt Emanuel Youkhana, „sie fragen immer wieder: Werden wir in Sicherheit leben können?“

Zerbombt, zerstört, verlassen: Auf der Straße nach Mossul.

Fritz Stark/Missio

In Teleskof waren sie bereits auf einem guten Weg. Die kleine Stadt liegt etwas weiter nördlich, auch sie wurde vom IS besetzt und befreit. Die heftigen Kämpfe haben auch diese Stadt in Trümmer gelegt. Aber ab Sommer 2017 kehrte das Leben zurück. Männer trafen sich in Straßencafés zum Kartenspiel, nebenan schleppten Bauarbeiter den Schutt beiseite und besserten die maroden Straßen aus, Ladenbesitzer öffneten ihre Geschäfte wieder, Mütter brachten ihre Kinder zur Schule.

„Alle schienen irgendwie glücklich“, sagt Emanuel Youkhana. „Fast so, als ob sie ihre schlimmen Erlebnisse endlich vergessen konnten.“ Aber dann kam schon wieder der nächste Rückschlag.

Die ungelöste Kurdenfrage birgt neue Gefahren für die Christen

Die Region Kurdistan stimmte in einem Referendum im September 2017 für die Unabhängigkeit, aber die Zentralregierung in Bagdad machte schnell klar, dass sie dieses Ergebnis nicht akzeptieren werde. Bagdad verlangte die Kontrolle über die Ninive-Ebene zurück. Während sich anderswo die Kurden sofort zurückzogen und kampflos an die irakische Armee übergaben, geriet Teleskof unter Beschuss. Zwei Jungen im Alter von zwölf und 14 Jahren wurden durch Granaten der irakischen Armee verletzt – und eilig verließen mehr als 400 Familien erneut ihre Stadt, in die sie sich gerade erst zurückgewagt hatten.

Das sei ein großer Fehler der Regierung in Bagdad gewesen, sagt Emanuel Youkhana von CAPNI. „Sie müssen doch eigentlich genau wissen, dass hier keine ehemaligen IS-Kämpfer leben, sondern dass wir Opfer des IS waren,“ sagt der Erzdiakon. Die Menschen bräuchten ein klares Signal ihrer Regierung: Wir schützen euch, wir garantieren eure Sicherheit. Emanuel Youkhana sagt: „Ich befürchte wirklich, dass die Menschen sonst für immer wegbleiben.“ Dass sie nicht noch einmal aufbauen, sondern vielleicht für immer Flüchtlinge im eigenen Land bleiben – oder eben auswandern nach Europa, Kanada, die USA, wie es schon so viele ihrer Landsleute getan haben.

Biblisches Land: Die Ninive-Ebene im Nordirak.

Fritz Stark/Missio

Viele leben jetzt in Deutschland oder in Amerika, andere noch im Libanon

„Viele unserer Leute sind jetzt in Deutschland“, sagt auch Stephen Rasche in Erbil. Gerade hat er aus Deutschland ein Schreiben bekommen: Eine chaldäische Familie bestätigt, dass sie bis auf weiteres in Deutschland bleiben wird – zu unsicher sei für sie die Zukunft im Irak. Aber deshalb dürfe die Kirche ihr Grundstück und ihr Haus übernehmen, das die Familie hatte zurücklassen müssen. „Wir können das Haus also einer anderen Familie zur Verfügung stellen,“ sagt Stephen Rasche.

Immer mehr wollen die Rückkehr wagen – so auch die erwachsenen Brüder Nader und Nadim Elia, gemeinsam mit ihrer Mutter. Ihre wenigen Habseligkeiten haben sie in einige Koffer und Taschen gepackt. Morgen früh um vier Uhr wird ein Kleinlaster kommen und sie aufladen, zusammen mit einigen anderen Rückkehrern. Dann geht die Fahrt vorbei an den schwer bewaffneten Kontrollposten der kurdischen Peschmerga und der irakischen Armee. Bis sie ihr altes Heimatdorf Karamles erreichen werden. „Endlich!“ sagt die Mutter, während durchs Fenster das Lachen gut gelaunter Kinder zu hören ist.

Unten im Hof treffen sich Kinder der Flüchtlingsfamilien – nach drei Jahren in der Fremde wissen sie vielleicht gar nicht mehr so viel von zu Hause. Einige von ihnen sitzen im Kreis am Boden, klatschen in die Hände und stimmen ein fröhliches Lied an. Sie haben es hier in der Kirche gelernt, der Refrain ist ganz einfach: „Karamles ist frei. Wir gehen wieder heim.“

Niemand kann vorhersagen, was die Zukunft für die irakischen Christen bringt. „Es sind einfach zu viele Akteure im Spiel“, sagt Emanuel Youkhana von CAPNI. „Welche Rolle spielt der Iran? Wie geht der Syrienkrieg aus? Was hat die Türkei vor?“ Auch Stephen Rasche befürchtet manchmal Schlimmes: „Es ist so viel Blut im Wasser. Und es schwimmen so viele große Haie darin herum.“ Aber die Hoffnung bleibt. Emanuel Youkhana sagt: „Solange es auch nur eine christliche Familie gibt, die hier leben will, dann bleiben wir bei ihnen.“

Von Christian Selbherr

Diese Reportage erschien in der Januarausgabe 2018 des Missio Magazins von Missio München.

© Missio Magazin/Missio München