Misereor: Lage um Exklave Melilla dramatisch

  • Marokko/Spanien - 31.01.2018

Ein hoher Zaun grenzt die spanische Exklave Melilla von Marokko ab. Wer von marokkanischer Seite aus auf spanisches und damit europäisches Gebiet flüchten will, muss meterhohe Stacheldrahtzäune und Grenzposten überwinden – und setzt dabei sein Leben aus Spiel. Trotzdem harren im Grenzgebiet Tausende Flüchtlinge aus, die auf ihre Chance warten. Die Zahl der illegalen Grenzübertritte in Spanien nahm im vergangenen Jahr zu. Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon hat sich vor Ort ein Bild von der Situation gemacht.

Frage: Herr Bröckelmann-Simon, Sie kommen gerade aus Nador zurück, der marokkanischen Grenzstadt zur spanischen Exklave Melilla. Wie ist die Lage in den illegalen Flüchtlingscamps, die Sie dort besucht haben?

Bröckelmann-Simon: Erbärmlich. Unvorstellbar und aus meiner Sicht menschenunwürdig. Zwischen 4.000 und 5.000 Menschen, zum größten Teil junge Männer, zu rund 20 Prozent aber auch Frauen und Kinder leben oft monate- oder gar jahrelang unter widrigsten Umständen in den Gourougou-Bergen oberhalb von Nador und warten auf eine Chance zur Flucht nach Melilla. Ihnen fehlt es buchstäblich an allem. Weil sie illegal sind, erhalten sie keinerlei Versorgung durch Hilfsorganisationen. Einzig die Kirche in Marokko und einige Freiwillige helfen. Oft kommt es zu Gewalt, Sicherheitskräfte stürmen und zerstören die Lager.

Frage: Und trotzdem harren die Menschen aus, in der Hoffnung auf eine Chance zur Flucht.

Bröckelmann-Simon: Ja. Obwohl die dreifachen, sechs Meter hohen, mit scharfem Stacheldraht bestückten Grenzzäune, die Gräben, Bewegungsmelder, Kameras und Patrouillen auf beiden Seiten wirklich beängstigend sind, gibt es immer wieder Fluchtversuche. Oft versuchen die Menschen, in großen Gruppen nach Melilla zu gelangen. Einige wenige schaffen das auch. Ein Großteil wird jedoch von den Sicherheitskräften brutal abgefangen. Andere verletzen sich an dem scharfen Draht, oder ziehen sich beim Sprung aus großer Höhe schwere Knochenbrüche zu. Immer wieder kommen auch Menschen ums Leben. Ein Problem sind auch die sogenannten „heißen Abschiebungen“.

Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon.

Misereor

Frage: Was ist damit gemeint?

Bröckelmann-Simon: Dabei werden Menschen, die bereits spanisches Territorium erreicht haben, unverzüglich zurück nach Marokko abgeschoben, ohne die Möglichkeit zu erhalten, in Europa um Asyl zu bitten. Das ist ein klarer Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtscharta. Derzeit ist auch der Europäische Menschenrechtsgerichtshof mit einem entsprechenden Fall befasst. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass die Situation auch für die Grenzbeamten sehr schwierig ist. Im Grunde machen sie sich sowohl auf marokkanischer als auch auf spanischer Seite für die EU die Hände schmutzig.

Frage: So wie Sie die Lage beschreiben, ist es nahezu unmöglich, dass die Menschen es nach Europa schaffen. Und trotzdem versuchen sie es immer wieder. Was treibt sie an?

Bröckelmann-Simon: Der unbändige Glaube daran, dass sie selbst es schaffen werden, auch wenn andere scheitern. Die Hoffnung auf ein besseres Leben. Die unerträglichen Verhältnisse, die sie von Zuhause weggetrieben haben und die Scham vor dem Scheitern. Das ist eine unglaubliche Beharrlichkeit und Energie, die in der Migrationsabsicht steckt – egal wie hoch die Zäune und wie dick die Mauern sind. Da spielen natürlich auch viele Illusionen mit rein. Aber es bringt nichts, wenn man von Schwierigkeiten, von Abschiebungen berichtet – die Antwort lautet immer: Egal, trotzdem besser als hier. Da helfen keine Aufklärungsprogramme. Ich denke, wir werden ein anderes Verhältnis zum Thema Migration entwickeln müssen.

Frage: Was meinen Sie damit?

Bröckelmann-Simon: Zunächst einmal ist die derzeitige Lage so unhaltbar und ein Verstoß gegen Menschenrechte und Menschenwürde. Ich glaube, wir müssen schauen, welche legalen Wege wir den Menschen anbieten können, um nach Europa zu kommen. Das könnten etwa temporäre Arbeitsvisa sein, denn Arbeitskräfte werden gebraucht. Es gibt keine einfachen Lösungen. Aber es reicht nicht, darauf zu setzen, die Bedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern. Das wird Jahre dauern und das unmittelbare Problem an den Toren von Europa nicht lösen. Und wir müssen uns auch vor Augen führen, dass Migration eine Konstante der Menschheitsgeschichte ist. Zu allen Zeiten haben Menschen ihre Heimat verlassen und sich auf den Weg in eine andere Zukunft gemacht.