Showdown zwischen Papst und Fidel Castro

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  • Kuba - 19.01.2018

Unter den politisch brisanten Papstreisen der Neuzeit war sie eine der spannendsten: Am 21. Januar 1998 betrat Papst Johannes Paul II. das kommunistische Inselreich Kuba.

Selten war eine Papstreise so sehr mit Erwartungen befrachtet wie der fünftägige Staatsbesuch von Johannes Paul II. in Kuba vor 20 Jahren. Schon weit im Vorfeld beschrieben die Kommentatoren sie als „einmalig“ und „historisch“ und schraubten die Erwartungen in immer neue Höhen. Da lud der letzte kommunistische Diktator aus der Ära des Kalten Krieges den Papst aus Polen in sein Land ein – jenen Papst, der in Osteuropa entscheidend zur Niederlage des Kommunismus beigetragen hatte.

Spielte der alternde Revolutionär russisches Roulette, indem er sich den begnadeten antikommunistischen Prediger ins Land holte? Oder wollte er den Papstauftritt nutzen, um wie einst Gorbatschow politische Reformen in seinem stalinistischen Inselreich einzuleiten? Und würde es dem Papst gelingen, in Kuba ein vor-revolutionäres Klima zu schaffen – so wie er dies 1979 in Polen vorgemacht hatte, als er mit seinen Predigten das kommunistische Machtmonopol bis ins Mark erschütterte?

Kuba - 12.01.2018

Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Bambergs Erzbischof Ludwig Schick (68), hat einen mehrtägigen Solidaritätsbesuch auf Kuba absolviert. Im Interview äußert er sich auch zur heiklen Menschenrechtslage in dem kommunistisch regierten Land.


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Vor allem die großen amerikanischen TV-Netzwerke sahen eine historische Stunde gekommen und rückten mit Hunderten von Mitarbeitern an. Insgesamt wurden mehr als 3.000 Medienvertreter akkreditiert – ein Rekord für Papstreisen im 20. Jahrhundert. Sie wurden Zeugen eines sehenswerten Showdowns zweier alter Männer in der Hitze der Karibik. Was Fidel Castro (1926-2016) sich dabei gedacht hatte, einen seiner gefährlichsten ideologischen Gegenspieler einzuladen, wurde schon bei der ersten Begegnung der beiden am Flughafen von Havanna deutlich: Der „Lider maximo“ hielt fest an der historischen Mission der von ihm seit 40 Jahren angeführten Revolution.

Und er suchte im Papst einen moralischen Partner im Kampf gegen den Kapitalismus und die benachbarte Großmacht USA. Kaum eine Gelegenheit ließ er aus, sich im dunklen Anzug in der ersten Reihe unter den Zuhörern des Kirchenoberhauptes zu zeigen. Auch diplomatische Geschenke wie die vorab gewährte Wiedereinführung des Weihnachtsfeiertages oder die Freilassung Hunderter Gefangener verwehrte er seinem Gast nicht. Selbst die vatikanische Forderung nach einer Direktübertragung aller Gottesdienste im Staatsfernsehen erfüllte Castro und ging damit ein beträchtliches Risiko ein.

Weltkirche-Blog - 17.01.2018

Während seiner fünftägigen Solidaritätsreise nach Kuba hat Erzbischof Schick viele Begegnungen und Gespräche führen können. Die Gespräche mit Vertretern der Laien der kubanischen Kirche und das Studium ihrer Publikationen waren für ihn sehr aufschlussreich.


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Johannes Paul II., der ein gut verständliches Spanisch sprach, schenkte dem Gastgeber nichts. Er nutzte seine Ansprachen, um auch unbequeme Botschaften rüberzubringen. Er predigte unverblümt gegen die in Kuba geförderte Abtreibung, für Religions- und Versammlungsfreiheit und verknüpfte jede Kritik am Kapitalismus auch mit einer Breitseite gegen die kommunistische Ideologie. Castro ließ sich nicht anmerken, ob ihm das missfiel. Die staatlichen Medien blendeten in ihren Nachrichten alle kritischen Untertöne aus, doch die Live-Übertragungen waren unzensiert.

Am vorletzten Tag spitzte sich die Situation zu. Der Papst war nach Santiago de Cuba im Süden der Insel geflogen, wo gläubige Kubaner seit Jahrhunderten zur wundertätigen Marien-Statue der „Virgen de la Caridad“ pilgern und wo die Staatsmacht sich seit jeher weniger durchsetzen konnte als in der Hauptstadt. In Santiago hatte 1961 Erzbischof Enrique Perez Serantes zum letzten Mal nach Castros Machtergreifung ein scharfes Hirtenwort gegen die kommunistische Diktatur veröffentlicht.

Nun begrüßte sein Nachfolger, Erzbischof Pedro Meurice Estiu, den Papst und knüpfte 37 Jahre später genau da an, wo Perez aufgehört hatte. Er kritisierte, dass die Partei sich mit dem Vaterland gleichsetze und dass die Kultur durch eine Ideologie ersetzt worden sei. Er sprach vom Leiden des kubanischen Volkes diesseits und jenseits des Meeres und stellte damit die geltende Staatsideologie infrage, die in den Auswanderern Volksverräter sieht. Die Staatssicherheit, die einen beachtlichen Teil der Sitzplätze besetzt hatte, konnte nicht verhindern, dass Zehntausende dieser unerhörten Rede applaudierten.

Als am folgenden Tag der Papst wieder in Havanna auftrat und dort auf dem Platz der Revolution seine letzte große Predigt hielt, war die Spannung gewaltig. Würde er an die offenen Worte anknüpfen, die am Vortag alle überrascht hatten? Tatsächlich hielt er eine aufwühlende, eminent politische Predigt. Die Menschen auf dem Platz und die mitgereisten Journalisten hingen an seinen Lippen.

Der Papst war nach fünf Tagen in tropischer Hitze sichtlich erschöpft, doch seine Stimme war fest und fordernd. Er verlangte Religionsfreiheit und warb für mehr Gerechtigkeit – auch in Kuba. Als er rief, dass die Kirche allen beistehe, die unter Ungerechtigkeit leiden, applaudierten Hunderttausende minutenlang. Dann kam der entscheidende sechste Abschnitt seiner Predigt, in dem er von der Freiheit sprach. Wieder war der Applaus gewaltig, und Sprechchöre forderten „Libertad! Libertad!“

Die Stimmung drohte mitten in diesem Gottesdienst, bei dem in der ersten Reihe Fidel Castro und die kommunistische Führung saßen, zu kippen. Johannes Paul II. versuchte zu improvisieren und rief: „Der freie Papst liebt alle freien Menschen!“ Vielleicht war es – neben dem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften – ein Mangel an aktiven Spanischkenntnissen, der am Ende dazu beitrug, dass die Situation nicht weiter eskalierte.

Als am Ende seiner Predigt plötzlich ein frischer Wind aufkam, wollte der Papst sagen, dass dieser Wind ein Zeichen des Heiligen Geistes sei. Und dass dieser Geist weht, wo er will. Doch dann fielen ihm die spanischen Worte nicht ein. Und so zitierte er den Satz auf Lateinisch – und kaum jemand verstand seine Worte, als er zum Abschluss seiner großen Predigt sagte: „Der Geist weht, wo er will! Und jetzt will er in Kuba wehen!“

Der Windhauch der Freiheit und der Veränderung, den der Papst aus Polen bringen wollte, reichte nicht aus, um die Castro-Diktatur nachhaltig zu erschüttern. Zwar ging die katholische Kirche gestärkt aus dem Showdown mit den Machthabern hervor und wurde zu einem anerkannten Vermittler zwischen der Regierung und der in der Illegalität agierenden, schwachen Opposition.

Doch es fehlte die „kritische Masse“ für einen breiteren Widerstand nach polnischem Vorbild. Mit Benedikt XVI. und Franziskus haben in späteren Jahren noch zwei weitere Päpste das kommunistische Bollwerk im Westen besucht. Doch die spektakuläre Konfrontation zwischen den beiden letzten aktiven Vorkämpfern des Kalten Krieges blieb ein einmaliges, historisches Ereignis.