Bei den Tzeltal-Maya in Mexiko

  • Mexiko - 12.01.2018

Papst Franziskus begegnet bei seinen Lateinamerika-Reisen immer wieder Indigenen und spricht sich für ihre Rechte aus. So auch in Mexiko, wo er 2016 in San Cristobal im Bundesstaat Chiapas eine Messe mit den Nachfahren der Maya feierte. Wie ergeht es den Indigenen heute? Claudia Zeisel hat eine Dorfgemeinschaft der Tzeltal-Maya in Chiapas besucht.

Wer die Bewohner des Maya-Dorfes Centro Tiaquil besuchen möchte, muss erst einmal ein Stück durch den dichten Wald laufen, jenseits von asphaltierten Straßen und den nahegelegenen Dörfern. Auf und ab auf dem Kamm eines bewaldeten Hügels, vorbei an kleinen Kaffee-Plantagen, Palmen und den unendlich grünen Hängen der Berge von Chiapas, dem Bundesstaat im Süden Mexikos.

Die Bewohner des Centro Tiaquil sind vom Stamm der Tzeltal-Maya, einem von 22 verbliebenen Maya-Stämmen zwischen Guatemala und Mexiko. Die rund 80 Familien haben sich hier zu einer autonomen Dorfgemeinschaft zusammengeschlossen, mit eigenen Gesetzen und politischen Räten. An der Spitze stehen der Gemeindeleiter Mariano Moreno Moreno und der 72-jährige Diakon Miguel Moreno Alvaro. Beide setzen sich für die Autonomie und die Harmonie in den indigenen Gemeinschaften ein.

Denn sie blicken auf eine lange Geschichte der Unterdrückung zurück: Als sich im 19. Jahrhundert europäische Großgrundbesitzer hier niederließen, um Kaffeeplantagen zu errichten, mussten die indigenen Bauern dort unter sklavenartigen Bedingungen arbeiten. Erst 1994, als die Bauern sich im bewaffneten „Zapatisten“-Aufstand gegen die Ausbeutung wehrten, wendete sich das Blatt. Es gab eine Landrechtreform und die Bauern erhielten Grund zurück, der vorher zu 90 Prozent den Großgrundbesitzern gehört hatte.

Kaffeepflanze im Wald nahe des Dorfes Centro Tiaquil in Chiapas, Mexiko.

Claudia Zeisel

Doch die Abhängigkeit blieb: Mit ihrem Kaffee, den sie nun selbst auf ihrem eigenen Land anbauten, waren sie durch die Zwischenhändler großen Preisschwankungen ausgesetzt. Vor 60 Jahren gründeten die Jesuiten in dem Dorf Bajachón eine Mission und schufen kleine Kooperativen, in denen Kaffee, Honig oder Seife zu fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wird.

Die Kleinbauern des Centro Tiaquil bauten ebenfalls ihren eigenen Kaffee an und verkauften ihn auch. Doch dann setzte eine vier Jahre währende Plage ein und ihre Pflanzen gingen kaputt. Ansonsten sind die Bauern Selbstversorger, leben vom Anbau von Bohnen, Mais und Kräutern – verkauft wird davon nichts. Dafür gibt es eine solidarische Tauschgemeinschaft: „Wenn jemand von uns im Dorf eine schlechte Ernte hat, kriegt er was von den Nachbarn, das ist eine alte indigene Form des Zusammenlebens,“ erklärt Gemeindeleiter Mariano Moreno Moreno.

Vor vier Jahren beschlossen die Dorfbewohner, autonom zu werden und ihre Gemeinschaft nach indigenem Recht zu führen. Hierbei handelt es sich nicht um ein klassisches „Zapatisten“-Dorf, in dem sich die Bewohner ihr Gesicht schwarz vermummen oder gar Waffen bei sich tragen. Im Centro Tiaquil laufen die Menschen mit ihren offenen Gesichtern umher, die Frauen tragen die klassischen Tzeltal-Trachten, mit weißem Kragen und mit bunten Blumen bestickt. Dennoch geben sich die Vorsteher des Dorfes kämpferisch: „Wir sehen uns als Bewegung für die Verteidigung des Lebens. Das ist nicht parteipolitisch, sondern es geht um unsere Anliegen als Indigene. Je mehr Gemeinden mit dazu kommen, desto stärker werden wir“, erklärt Mariano Moreno.

Elf indigene Gemeinden in der Region regieren sich mittlerweile selbst. „Wir haben bisher von all den Reformen, die die Regierung angeblich gemacht hat, nichts gemerkt. Im Gegenteil – uns geht es immer schlechter. Zum Beispiel sind die Kosten für die Elektrizität gestiegen. Wir sind zu der Behörde gegangen, die hier in Chiapas für Elektrizität zuständig ist und haben sie gefragt, wie sie sich das vorstellen. Wir demonstrieren, wir klagen diese Situation an. Wir finden, dass wir uns als Gemeinden stärker zusammenschließen müssen, um uns selbst zu regieren.“

Dossier

 

In diesem Dossier werden die Glaubens- und Lebenswelt ausgewählter indigener Völker vorgestellt.


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„Wir haben bisher von all den Reformen, die die Regierung angeblich gemacht hat, nichts gemerkt.“

— Mariano Moreno Moreno, Gemeindeleiter von Centro Tiaquil

Es geht auch um mehr Mitspracherecht bei Großprojekten wie dem geplanten Bau einer Autobahn durch die von ruckeligen Serpentinen gesäumten Berge von Chiapas. Prinzipiell waren die Indigenen der Region nicht dagegen, wollten aber auch von dem Bau profitieren – mit Zugangsstraßen zu ihren Dörfern. Daraufhin stoppte die Regierung das Projekt. „Wir haben bei einigen Projekten wie dem Bau einer Autobahn in Chiapas gesagt, dass wir nicht einverstanden sind. Denn das indigene Recht sieht vor, dass man uns vorher befragt, ob wir dieses Projekt hier in dieser Region haben wollen oder nicht. Wir wissen, die Interessen der reichen Menschen gehen dahin, dass sie unseren Reichtum ausbeuten wollen. Wir haben Wasser, Bodenschätze, wir haben auch Erdöl hier und das soll uns genommen werden. Damit sind wir nicht einverstanden.“

Unterstützung bekommen die indigenen Gemeinschaften von der unabhängigen indigenen Kandidatin María de Jesús Patricio vom Stamm der Nahua. Sie tritt bei den Präsidentschaftswahlen im Juli an, denn Präsident Enrique Peña Nietos reguläre Amtszeit läuft aus. Ob sie wirklich Chancen hat, zu gewinnen, ist fraglich. Aber hier in Chiapas erhoffen sich die Menschen viel von ihr: „Wir wollen unsere indigene Kandidatin unterstützen. Wir waren im Oktober mit 80.000 Menschen unterwegs, um sie hier in Chiapas zu treffen und haben ihr unsere Nöte geschildert. Wir wollen, dass sie etwas für uns tut und wir werden sie unterstützen bei der Wahl.“

Eine weitere wichtige Säule für die indigenen Gemeinschaften ist der Diakon. „Es gibt eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Diakon und der lokalen Regierung unserer Gemeinschaft. Gerade in der Situation der Armut in unserem Dorf haben wir uns mit ihm zusammengetan und geschaut, was wir miteinander tun können. Wir beten zum Beispiel, dass wir hier im Dorf mehr Geld haben, damit es uns besser geht. Und dass er uns vor allen Dingen im Kampf stärkt, wir stark bleiben als Gemeinde. Der Diakon ist derjenige, der durch das Wort und die Leitung durch Gott zuständig ist.“

Mexiko - 12.01.2018

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Die grünen Berge von Chiapas, Mexiko.

Claudia Zeisel

Miguel Moreno Alvaro ist seit 1975 Diakon im Centro Tiaquil. Er ist verheiratet, hat zwölf Kinder und 17 Enkelkinder. Papst Franziskus hat den Indigenen 2014 den Weg zum Diakonat wieder eröffnet, nachdem der Vatikan im Jahr 2000 einen Riegel vorschob – der populäre mexikanische Bischof Samuel Ruiz hatte damals in den Augen der Kirche zu viele Indigene zu Diakonen geweiht, weil sie für dieses Amt offener waren als für das Priesteramt.

„Als der Heilige Vater dann hier war, hat er uns noch mal besonders unterstützt und bestätigt, dass wir uns gemäß unserer Tradition unseren Aufgaben und Ämtern widmen. Dass das alles durch die Bibel belegt ist,“ sagt Alvaro. „In diesem Sinne arbeiten wir auch als Diakone. Das heißt, dass wir als Mann und Frau dieses Diakonat so versehen, wie die Heilige Schrift es uns vorgelegt hat.

Das halbe Dorf hat sich in der bescheidenen Holzhütte versammelt, in der Kochstellen und Tische stehen. Frauen und Kinder sowie einige Männer sitzen ringsum auf der Holzbank an der Wand und lauschen seinen Worten. Alvaro trägt einen kleinen Schnauzbart und ein strahlendes Lächeln im faltenzerfurchten Gesicht. Seine schmächtige Gestalt schmälert seine Autorität nicht – während er spricht, ist es ganz still im Raum. „Seit vier Jahren haben wir hier in dem Dorf eine Verfassung entsprechend der indigenen Gesetzgebung. Wir haben uns alle zusammengetan, um ein gemeinsames Herz zu sein – Männer und Frauen. Wir haben uns für diesen gemeinsamen Weg entschlossen. Und zwar das ganze Dorf, sodass wir hier alle an einem Strang ziehen und es hier keine Menschen gibt, die das kritisch sehen,“ verkündet er feierlich.

Der Diakon ist hier für die religiösen Belange zuständig, für die Sakramente, für die Krankenbesuche, und er trägt Sorge dafür, dass das Dorf im Einklang und Harmonie ist. Die Diakone in der Region treffen sich alle zwei Monate, um Aufgaben und Herausforderungen zu besprechen. 26 Dorfgemeinschaften der Tzeltal-Maya gibt es hier im Umkreis, zum Teil liegen diese weit voneinander entfernt. Alvaro sucht nun auf seine alten Tage Nachfolger für sein Amt. Sechs haben bereits eine Grundausbildung von zwei Jahren bei den Jesuiten begonnen, „wir nehmen die Ausbildung sehr ernst, weil sie für uns sehr wichtig ist,“ so Alvaro.

Frauen engagieren sich in der Kirche

Auch Frauen können sich in der Mission theologisch weiterbilden. Elena Perez Ramirez, Sekretärin des Diakons, nimmt regelmäßig an Kursen der Jesuitenmission teil – auch wenn sie weder lesen noch schreiben kann. „Mir gefällt es, dem Diakon zu helfen, weil die Gemeinde mich ausgewählt hat, seine rechte Hand zu sein. Wir besuchen gemeinsam mit dem Diakon die Gemeindemitglieder. Ich kümmere mich da auch um Dinge, die die Frauen betreffen. Ich nehme auch an allen Kursen teil, wo wir religiöse Dinge lernen aber auch Dinge, die unsere Gemeinschaft betreffen. Gesundheit, Selbstwertgefühl, dass es und gut geht. Und das geben wir dann weiter bei den Hausbesuchen.“

Die Dorfbewohnerin Michaela Moreno findet, dass es hier zwischen Männern und Frauen gleichberechtigt zugeht. „Bei uns im Dorf haben wir einen großen Respekt voreinander. Auch als Eheleute. Früher zählte nur das, was der Mann sagte, er traf die Entscheidungen, und das Land konnte nur über den Mann vererbt werden. Das hat sich jetzt in unserer Gemeinde geändert. Wir haben hier alle gleiche Rechte und die Vererbung erfolgt auch über die Frau,“ sagt die 57-Jährige zufrieden. Die sechsfache Großmutter hat kaum noch Zähne im Mund, trägt aber stolz ihre Blumentracht, eine bunte Glitzerkette um den Hals und kleine Erdbeer-Ohrstecker, das dünne schwarze Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. „Was die Ausbildung von Mädchen und Jungen betrifft, so können Mädchen auch zur weiterführenden Schule gehen, sie haben da die gleichen Rechte. Es ist auch möglich, dass sie aus dem Dorf weggehen, draußen heiraten und ihr Geld verdienen. Wenn sie dann aber ins Dorf zurückkommen und die Eltern nicht respektieren und sich hier ungehörig benehmen, dann gibt’s Ärger. Wir erwarten schon, dass sie sich den Regeln und Gebräuchen des Dorfes anpassen.“

„Wenn Mädchen ins Dorf zurück kommen und die Eltern nicht respektieren, gibt's Ärger.“

— Michaela Moreno, Dorfbewohnerin

Auch die Ehefrau von Diakon Alvaro spielt im Gemeindeleben eine wichtige Rolle. Doch in letzter Zeit hat sie sich zurückgezogen – Depressionen, wie man sagt. Der älteste Sohn ging nach Texas in den USA, um als Koch zu arbeiten. Mit dem Geld unterstützte er seine Familie in Chiapas. Doch dann starb er an Krebs. Alvaro und seine Frau kratzten ihr letztes Geld zusammen, um in die USA zu fliegen und ihn dort zu beerdigen.

An diesem Tag, dem 2. November, hat Alvaro Gelegenheit, an seinen Sohn zu erinnern. In Mexiko ist „Día de los muertos“, Tag der Toten, und in der kleinen Kirche Santa Maria de Guadalupe haben die Dorfbewohner alles bereits festlich geschmückt für den Gottesdienst. Mit Holzscheiten haben sie ein Rechteck in Form eines Grabes auf dem Boden vor den Altar gelegt, das ausgelegt wird mit Palmblättern. Darauf kommen Bananen und andere Obstsorten, Blumen und Kerzen. Ein Mariachi-Chor mit Gitarren gibt religiöse Lieder zum Besten, während der Diakon gemeinsam mit einem mexikanischen Jesuiten auf der indigenen Sprache Tzeltal die Messe feiert. Minutenlang werden Namen von Verstorbenen vorgetragen. Nebenbei läuft eine ältere Frau mit einem Tonkrug mit Copal, mexikanischem Weihrauch, umher. Sie pustet den Rauch in Richtung der Gläubigen und der symbolischen Gräber, sodass der Raum bald in grauen Dunst gehüllt ist.

„Für uns ist der Día de los muertos ganz wichtig, weil wir uns dabei mit unseren Vorfahren in Verbindung setzen“, erklärt Alvaro. „Schon bevor es hier die Mission von den Jesuiten und dem Bistum im Jahre 1958 gab, hatten wir hier diese Tradition, die auch noch mit der Kolonialzeit zusammenhängt. Wir haben uns als Familien zusammengetan am Grab der Vorfahren, haben gemeinsam nach der spanischen Tradition den Rosenkranz gebetet. Als 1958 die Mission der Jesuiten begann, haben wir das verstärkt noch mit den indianischen und kulturellen Elementen dieser Region verbunden.“

Während des Gottesdienstes belegen die Gläubigen die symbolischen Gräber mit Kerzen.

Claudia Zeisel

Tatsächlich wird in dem Gottesdienst deutlich, dass die Jesuiten hier mit den Indigenen auf Augenhöhe leben und feiern. Protagonisten sind die Tzeltal, die Jesuiten lernen ihre Sprache und begleiten sie mit viel Feingefühl und Zurückhaltung. Unterstützung erhalten die Indigenen nicht nur von den Jesuiten vor Ort, sondern auch von oberster Stelle. Als Papst Franziskus 2016 Mexiko besuchte, erhob er die Nahuatl-Sprache zur Liturgiesprache und feierte mit den Indigenen in Chiapas eine Messe, bei der er auch aus dem Popol Vuh, der Heiligen Schrift der Maya, zitierte.

„Das Popol Vuh ist für uns das Wort Gottes, das unsere Vorfahren genutzt haben in ihrer Sprache, ihren Riten und ihrer Liturgie“, erklärt Diakon Alvaro. „Mit dem Studium der Heiligen Schrift und der Ausbildung zum Diakon habe ich gemerkt, dass das zusammengehört. Dass die Heilige Schrift und das Popol Vuh Ausdruck sind vom göttlichen Sein, aber auch dem Glauben unserer Vorfahren. Ich bin der Mission hier in Bajachon dankbar, dass sie uns diesen Weg der Verbindung zwischen der Bibel unserer Vorfahren und der Heiligen Schrift gezeigt haben. Sie haben uns gezeigt, dass das miteinander in Verbindung steht und sich nicht widerspricht.“

Ihre Religiösität geben die Tzeltal auch an ihre Kinder weiter. Mariano Moreno Deada ist 19 und singt im Mariachi-Chor fromme Lieder. „Für mich sind die Lieder wichtig, weil wir damit Jesus Christus und unsere Muttergottes loben“, sagt er. Er macht gerade Abitur auf einem Internat, das zwei Stunden von dem Dorf entfernt liegt. Langfristig aber möchte er im Dorf leben. „Ich möchte hier bleiben, weil meine Familie mich liebt, aber auch die Kirche ist mir wichtig. Ich komme jeden Sonntag ins Dorf. Dann wissen alle, dass wir Mariachis singen.“ Dass Mariano in der Schule wohl einer der wenigen ist, die aus einem autonom regierten Dorf kommen, stört ihn nicht: „Ich halte das für wichtig, dass wir uns selbst regieren, ich bin da auch stolz drauf. Ich denke auch an die nächsten Generationen, die davon sicher auch ihren Nutzen haben werden.“

Von Claudia Zeisel

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