Aus der amerikanische Traum

  • Hilfswerke - 01.12.2017

Trumps Mauer an der Grenze der USA zu Mexiko wird Flüchtlinge aus Mittelamerika nicht davon abhalten, ihre Heimat zu verlassen. Denn sie kommen nicht wegen des amerikanischen Traums, sondern weil Krieg und Gewalt in ihrer Heimat ihnen keine Wahl lassen. Wegen strenger Kontrollen und zunehmender Gewalt in Mexiko schafft es aber nur jeder zehnte in die USA, der Rest sucht Arbeit in Mexiko. Mexikos Kirche versucht, zumindest einige von ihnen aufzufangen.

Walter Xavier Galan fängt an zu weinen. Seine ohnehin schon verquollenen braunen Augen füllen sich wieder mit Tränen und seine Stimme versagt, als er erzählt, wie kriminelle Mara-Banden in Honduras seinen jüngeren Bruder ermordeten. Die Maras forderten von Walter und seinem Bruder eine „Kriegssteuer“, also Schutzgeld, das praktisch alle Menschen in einem bestimmten Mara-Territorium bezahlen müssen, um dort unbehelligt leben und arbeiten zu können. Die beiden Brüder konnten nicht zahlen, deswegen töteten sie Walters Bruder. Der 24-jährige Honduraner vergräbt das Gesicht in den Händen. „Sie sagten zu mir: ‚Du wirst entführt, wenn du nicht zahlst‘. Ich hatte solche Angst, ich musste mein Land verlassen.“

Walter steht an diesem schwülen Novembernachmittag mitten in der Kirche Santa Agatha im kleinen Ort Salto de Agua im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. An der Decke schwirrt ein Ventilator, die Madonna von Guadalupe blickt sanftmütig von einem Sockel direkt neben dem Altar. Die bescheidene Kapelle ist in der Mitte durch einen Holzverschlag abgetrennt, dahinter befinden sich Matratzen aus Schaumstoff, auf denen die Migranten übernachten können. Geführt wird die Herberge von Steyler Missionaren. Sie bieten den Migranten regelmäßige Mahlzeiten an, einen Schlafplatz und feiern gemeinsam Gottesdienst. Die meisten der Migranten kommen aus Honduras, gefolgt von El Salvador und Guatemala. Der Großteil von ihnen ist männlich und zwischen 18 und 30 Jahre alt. In Salto de Agua kamen 2016 rund 11.300 Migranten für eine oder mehrere Nächte vorbei. Viele versuchen es schon das zweite, dritte Mal.

Mit der "Bestia" in die USA

In Mexiko ist es verboten, Migranten in Kirchen festzunehmen. Ein Gotteshaus in Chiapas gibt denen, die mit dem gefährlichen Zug "Bestia" in die USA wollen, ein Dach über dem Kopf.

Claudia Zeisel

So auch Walter. Er hat bereits als illegaler Einwanderer eine Zeit lang in Kalifornien gelebt und als Autowäscher gearbeitet. Seine Frau ist mit einem ihrer gemeinsamen Zwillinge noch immer dort. „Ich vermisse sie sehr“, sagt Walter. Seinem sportlichen Körper sieht man die Schläge nicht an, die ihm auf der Flucht von Kriminellen zugefügt wurden. Er wollte sich in einem Laden etwas zu trinken kaufen, als ihn plötzlich zehn Männer mit Macheten bedrohten. Sie verprügelten ihn, um ihm das Geld abzuknüpfen. „Ich dachte mein Leben wäre vorbei“, sagt Walter. Aber sie nahmen nur sein Geld und ließen dann von ihm ab.

Walter floh weiter mit dem berüchtigten Güterzug „La Bestia“, den jährlich tausende illegale Migranten zur Flucht in die USA nutzen. Die Fahrt ist lebensgefährlich. Immer wieder reißt der Zug Menschen in den Tod oder es werden ihnen Arme oder Beine abgefahren. Die Migranten kommen auch mit dem Bus und ab und zu sieht man am Straßenrand in Chiapas auch PKW stehen, in die junge Migranten mit Rucksack, Cappy und geduckten Köpfen huschen – die sogenannte „Luxus-Fahrt“. Die Fahrt mit Schleppern ist jedoch für viele Migranten unerschwinglich: Rund 7.000 Dollar verlangen sie für die Flucht über die US-Grenze. Abgesehen von der willkürlichen Gewalt der Menschenhändler gegen die Migranten, die immer mehr um sich greift.

Dabei fliehen viele schon vor der Gewalt in ihrer Heimat – zunehmend auch Familien mit Kindern. So wie Hector Hernandez Ochoha, der mit seiner Frau und dem kleinen Sohn Carlos mit dem Bus von Honduras nach Mexiko geflohen ist. Nun haben sie in einem Migrantenheim der Vinzentinerinnen in Palenque, Chiapas, Unterschlupf gefunden. Weiter werden sie wohl auch nicht kommen, denn unterwegs haben die Schlepper sie um ihr letztes Geld erpresst. Eine Erfahrung, die sie bereits aus ihrer Heimat kennen: Mit seinem Kleidergeschäft musste Hector gleich an zwei kriminelle Banden Schutzgeld zahlen. „Einmal drohten sie, uns umzubringen, weil wir das Geld nicht mehr zahlen konnten.“

Hector Hernandez Ochoha mit seiner Familie. Er ist aus Honduras geflohen und versucht nun in Mexiko ein neues Leben aufzubauen.

Claudia Zeisel

Viele Migranten aus Mittelamerika finden sich damit ab, dass aus dem amerikanischen Traum ein mexikanischer wird. Spätestens seitdem Mexiko auf Druck der USA im Jahr 2014 die Abschottungsmaßnahmen gegenüber Migranten aus Mittelamerika verstärkt hat, wird Mexiko unweigerlich vom Transit- zum Zielland für die Migranten. Laut der US-Menschenrechtsorganisation Washington Office on Latin America (Wola) haben Ende 2017 voraussichtlich 20.000 Migranten einen Asylantrag in Mexiko gestellt – 2016 waren es noch 8.700.

Doch faire Arbeit finden ist nicht so einfach in einem Land, wo der Mindestlohn mit 4,60 US-Dollar pro Tag unter dem Existenzminimum liegt und über dreißig Prozent der erwerbsfähigen Menschen im informellen Sektor arbeiten – ohne jede soziale Absicherung. Nicht umsonst wirbt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat mit seiner diesjährigen Weihnachtsaktion, die am Sonntag startet, auch für faire Arbeitsbedingungen in Ländern wie Mexiko. Das Hilfswerk unterstützt derzeit etwa 350 Projekte in Mexiko mit einer Summe von 1,8 Millionen Euro.

Migranten in der Kapelle Santa Agatha in Salto de Agua, Mexiko.

Matthias Hoch / Adveniat

Eine Kapelle als Schutz vor der Polizei

Auch die Herberge in Salto de Agua wird von Adveniat unterstützt. Dass die Migranten gerade hier, in einem Gotteshaus, Unterschlupf gefunden haben, verdanken sie einem Zufall: Die Kapelle Santa Agatha liegt direkt gegenüber von den Schienen des Güterzugs „La Bestia“. Eines Tages entgleiste einer der Züge und die Migranten, die sich heimlich an den Zug geklemmt hatten, sprangen herunter und rannten in die Kapelle, wo sie vor der Polizei sicher waren – es ist in Mexiko verboten, Migranten in Kirchen festzunehmen. Seither ist aus dem einfachen Gotteshaus eine 24-Stunden-Herberge geworden, in der insgesamt fünf Steyler Missionare aus unterschiedlichen Ländern mit Franziskanerschwestern und Freiwilligen aus dem Umkreis arbeiten. Adveniat hat den Helfern ein Auto finanziert und will ihnen auch beim Bau einer weiteren Herberge unweit der Kapelle finanziell unter die Arme greifen.

In der Herberge sollen die Migranten ein Gefühl der Würde zurückbekommen, das viele auf der Flucht verloren haben, meint Pater Rodriguez. „Die Migranten reisen mit zwei Rucksäcken“, erklärt er. „Einem materiellen mit Essen und Geld, und einem immateriellen mit der emotionalen Last, die sie mitbringen.“ Man wolle ihnen einen neuen Rucksack mitgeben, einen „spirituellen“, der sie auch auf ihrer Weiterreise begleite. Denn die Weiterreise Richtung Norden ist für die Migranten ein Spießroutenlauf: Es gibt vier inländische „Grenzen“ beziehungsweise Checkpoints mit Militärpräsenz, wo die Migranten aufgegriffen werden können.

Die Grenze zwischen Mexiko und den USA ist zudem eine regelrechte Todeszone. Hier verhandeln Drogenkartelle mit den Menschenhändlern und verlangen Geld für den Übertritt. Wer nicht zahlt, stirbt. Der Bischof der Grenzstadt Nogales, José Leopoldo González, berichtet von zwei Massakern allein in den vergangenen zwei Jahren, wo Drogenkartelle willkürlich Migranten – die meisten aus Mittelamerika – erschossen. „Die Drogenhändler hatten Beobachter in den Bergen, die auf die Wagenkolonne der Schlepper mit den Migranten lauerten. Die Bandenführer sagten zu ihren Handlangern: ‚Mal sehen, wie viele du umbringen kannst‘.“

Grenzzaun zwischen USA und Mexiko.

Adveniat

„Die Mauer von Trump ist absolut sinnlos“

— Sandra Weiss, Journalistin in Mexiko

Nur jeder zehnte Migrant schafft es in die USA. „Trumps Mauerpläne sind absolut sinnlos“, sagt die deutsche Journalistin Sandra Weiss, die seit vielen Jahren in Mexiko lebt und arbeitet. „Bereits der ehemalige US-Präsident Bill Clinton hat einen Grenzzaun gebaut. Trump will nun eine Mauer an Stellen hochziehen, wo gar keine Migranten über die Grenze gehen. Die Mauer ist ein reines Symbol.“ Für Pater Rodriguez von der Migrantenherberge ist sie vor allem ein Symbol der Abschottung, der Ignoranz und des Rassismus gegenüber den Migranten.

Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren weniger Mexikaner in die USA emigrierten, als zurückkehrten – und das schon vor Trump: Laut dem US-Forschungszentrum „Pew Research Center“ führte die langanhaltende Rezession in den USA sowie strengere Einwanderungsregeln bereits unter Obama dazu, dass zwischen 2009 und 2014 eine Million Mexikaner von den USA zurück nach Mexiko gingen – demgegenüber gingen 870.000 Mexikaner in die USA.

Gewalt in Mexiko grassiert

Die Flüchtlinge aus Mittelamerika aber lassen sich nicht aufhalten, denn die Gewalt in ihrer Heimat zwingt sie dazu. Problem ist nur, dass auch Mexiko in Gewalt versinkt. Die Mordrate lag zuletzt bei 2.371 Morden im Monat. Hinzu kommen die vielen Menschen, die einfach verschwinden: In den letzten 25 Jahren sind 50.000 Menschen verschwunden, immer wieder werden Massengräber mit hunderten Leichen entdeckt. Diese wachsende Gewalt trifft die Migranten besonders; sie sind für die Schlepperbanden nur „Ware“. Sie werden verschleppt, Frauen vergewaltigt, überfallen und getötet – auch von den eigenen Landsleuten, berichtet der Steyler Missionar Pater Rodriguez. „Erst vergangene Woche kam ein junger Mann blutüberströmt in unsere Herberge, weil er von einer Bande aus seiner Heimat Honduras überfallen wurde.“

Walter Galan ist resigniert: „Die Fluchtbedingungen sind jetzt so schlimm, dass ich überlege, wieder in meine Heimat Honduras zurückzukehren. Auch wenn die Politiker dort korrupt sind und wir Angst haben, dass es bald einen Bürgerkrieg gibt.“ Immerhin ist in Honduras noch einer von Walters Zwillingssöhnen – seine Frau muss mit dem anderen Sohn erst einmal illegal in den USA bleiben, weil sie dort Geld verdient.

Hector aus Honduras will nicht so schnell aufgeben und hofft nun, in Mexiko Arbeit zu finden. Er hat mit seiner Frau und Sohn Carlos bereits Asyl beantragt. Sein Kleidergeschäft in Honduras musste Hector aufgeben, nun will er in Mexiko ein neues aufmachen. „Mit amerikanischen Klamotten“, wie er sagt.

Von Claudia Zeisel

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