Ein deutscher Bischof in Peru rückt die Armen ins Zentrum

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  • Peru - 30.11.2017

Papst Benedikt XVI. hätte ihn nie zum Bischof gemacht, da ist sich Reinhold Nann sicher. Doch dann kam Franziskus. Und die Arbeit Nanns in Elendsvierteln der peruanischen Hauptstadt Lima, in armen Andendörfern und bei Indigenen im Amazonas bekam einen anderen Stellenwert. „Franziskus hat einen Wandel angestoßen. Eine Art Rückkehr zum Auftrag der Bibel. Denn die Armen und Außenseiter, aber auch die Seelsorger, die an die gesellschaftlichen Ränder gehen, sie stehen nun plötzlich im Zentrum der Kirche.“

Dies lasse sich fast fünf Jahre nach der Wahl des Papstes aus Argentinien auch in der vatikanischen Personalpolitik beobachten, so der 57-Jährige. Beim jüngsten Treffen aller 114 während der vergangenen zwölf Monate neu geweihten katholischen Bischöfe in Rom habe es nur wenige Universitätstheologen oder Kirchenmanager gegeben, erklärt Nann. „Die meisten waren Praktiker. Und ich, der ich aus einer der ärmsten Ecken Perus kam, fühlte mich nie als Außenseiter.“

Von Deutschland in die Anden und den Vatikan: Hinter dem Mann mit schlichter Brille und dunklem Wollpullover liegt ein langer Weg. Nann stammt aus dem kleinen Kaiserstuhl-Weindorf Achkarren bei Freiburg. Schon während des Theologiestudiums wollte er nach Lateinamerika, der Priesterseminarleiter war dagegen. Erst im Zuge der damals neuen Kirchenpartnerschaft zwischen Freiburg und Peru klappte es dann 1986.

„Gemeinsam mit peruanischen Priestern haben wir am Stadtrand Limas gearbeitet. Es war eine aufregende und manchmal auch gefährliche Zeit“, erinnert er sich. Das Land stand wegen des Kampfes mit den Terroristen vom „Leuchtenden Pfad“ am Abgrund. Für deutsche Staatsbürger gab es Evakuierungspläne. Doch Nann blieb.

Anfang der 1990er wurde es ruhiger, und der junge Pfarrer traf auf Menschen, die der Terrorismus und die Angst hungrig gemacht hatten: „Hungrig nach Frieden und hungrig, religiösem Leben wieder Raum zu geben. Es war ein kirchlicher Frühling.“ Bis heute hält Nann – mittlerweile über WhatsApp – Kontakt zu der damaligen Gruppe von Jugendlichen, die er auf die Firmung vorbereitete. „Das ist auch eine der großen Unterschiede zu Deutschland. In Peru kann ich immer mit sehr vielen jungen Menschen arbeiten.“

Nach mehr als 20 Jahren Lateinamerika fällt dem bescheiden auftretenden und häufig lächelnden Mann mit hölzernem Bischofsring eine, so sagt er, Paragrafenfixierung der deutschen Kirche auf. „Franziskus hat uns aufgerufen, mutig neue Wege auszuprobieren und immer nach individuellen Lösungen zum Wohl der Einzelnen zu suchen. Aber in Deutschland scheint es mir zu häufig in erster Linie um das Einhalten des Kirchenrechts zu gehen.“

Dabei ist Nann kein linker Träumer oder Revolutionär. Er gehört der Gemeinschaft der Schönstattpriester an, die der Marienverehrung besonderen Raum gibt. Zugleich sieht er sich als Sympathisant der „neuen Befreiungstheologie“. „Ich bin ein Sünder, der sich von Gott geliebt weiß“, schrieb er nach seiner Ernennung in seinem Blog. Und er versprach, das „Gegenteil eines Protzbischofs“ zu sein – ein Don Quichotte, der gegen den „Wind des Geldgötzen“ kämpft. „Geld darf nicht zum Heilmittel der Erlösung werden“, sagt Nann. Er beobachtet, dass auch in Lateinamerika Individualismus wächst und gesamtgesellschaftliche Solidarität schwindet.

Seine südperuanische Prälatur Caraveli reicht vom Meer bis auf 3.000 Meter Höhe. Und ist ähnlich groß wie Baden-Württemberg. Aber dort leben nur etwa 150.000 Menschen, und in 22 Pfarreien arbeiten 15 katholische Priester. Um bei Firmungen die Gemeinden zu besuchen, ist Nann stundenlang im Geländewagen auf unbefestigten Pisten unterwegs.

Vor Weihnachten ist er nun in Deutschland, um für die katholische Adveniat-Weihnachtspendenaktion zu werben. „Die globalen Probleme von Umweltzerstörung und Klimawandel, aber auch Fragen nach einer gerechten Gesellschaft und fairen Arbeitsbedingungen können wir nur gemeinsam lösen“, zeigt sich Nann überzeugt. Christen dürften nicht wegschauen, wenn Wohlstand auf Kosten anderer erkauft werde. In Peru hat er die globalen Abhängigkeiten hautnah erlebt. „Zum Beispiel dann, wenn Regenwald unwiederbringlich abgeholzt wird, um Kakao für Europa anzubauen.“ Auch da ist Nann wieder nah bei Franziskus und dessen Aufruf zur Wahrung der Schöpfung.