Christen im Nordirak kämpfen um ihre Existenz

  • Irak - 24.11.2017

Unweit von Mossul liegen die Ruinen der biblischen Stadt Ninive, seit dem ersten Jahrhundert siedelten in der gesamten Region Christen. Nachdem die Stadt drei Jahre lang in Händen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) war, liegt das christliche Erbe in Trümmern, Gläubige wurden ermordet und vertrieben. Als Erzbischof von Mossul hat Boutros Moshe Flucht und Zerstörung hautnah miterlebt. Der 74-Jährige, der noch immer im Exil lebt, gehört zur syrisch-katholischen Kirche, einer von mehreren christlichen Konfessionen im Irak. Derzeit ist er in Europa unterwegs und war unter anderem in der Katholischen Akademie Hamburg zu Gast. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Freitag berichtet er über die Situation der Christen im Nordirak.

Frage: Herr Erzbischof, auf Ihrem Weg nach Deutschland sind Sie über Mossul gereist. Was haben Sie gesehen?

Moshe: Es war früh morgens und ziemlich dunkel, aber ich habe sehr viele Trümmer gesehen. Der Westteil der Stadt, in dem viele unserer Kirchen lagen, ist völlig zerstört und im Moment nicht bewohnbar. Viele Christen sind geflohen, teilweise schon vor dem Einmarsch des IS. Zu Saddam Husseins Zeiten lebten etwa 10.000 Christen in Mossul, beim Einmarsch des IS im Jahr 2014 waren es noch um die 2.000, heute gibt es so gut wie keine Christen mehr in der Stadt.

Frage: Wo sind die nordirakischen Christen jetzt?

Moshe: Sie halten sich überwiegend in den dörflichen Regionen im Nordwesten oder Südosten Mossuls auf. Sehr viele Christen sind auch in Kurdistan.

Frage: Sie selbst leben schon seit einigen Jahren in Karakosch, etwa 30 Kilometer südöstlich von Mossul. Wie geht es den Christen dort?

Moshe: Auch Karakosch war vom IS besetzt, alle Christen mussten fliehen. In dieser Zeit habe ich zweieinhalb Jahre in Erbil gelebt. Als die Terroristen im Oktober 2016 vertrieben wurden, plünderten sie die Stadt, zündeten Häuser an und zerstörten die Kirchen. Obwohl die Lage im Irak immer noch nicht stabil ist, ist es in Karakosch nun einigermaßen ruhig. Viele Christen sind genauso wie ich zurückgekehrt. Aktuell wohnen dort 400 bis 500 christliche Familien. Aber wir müssen noch sehr viel tun, um wieder ein normales Leben führen zu können.

Frage: Wie sieht das christliche Leben im Moment aus?

Moshe: Unser Volk ist sehr gläubig und unsere Priester sind sehr engagiert. In Karakosch gibt es jeden Tag fünf Gottesdienste. An Wochentagen kommen nicht so viele Leute, aber am Sonntag reicht oft der Platz in unseren Kirchen nicht aus, und viele müssen draußen bleiben. Aktuell mache ich mir Sorgen um das Weihnachtsfest. Ich weiß nicht, wie wir alle Leute unterkriegen sollen.

Frage: Sie feiern dort Gottesdienste in halb zerstörten Kirchen, zu denen aber teilweise Tausende Menschen kommen. Wie fühlt sich das an?

Moshe: Die Zerstörungen des IS haben den Leuten einen großen Schock versetzt. Die Botschaft war: Wenn ihr noch mal zurückkehrt, werden wir euch vernichten. Aber wir haben großes Vertrauen in Gott und lassen uns nicht entmutigen. Natürlich müssen wir sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass sich die Konflikte der Vergangenheit nicht noch einmal wiederholen. Aber wir möchten unsere Kultur und unsere Geschichte, auf die wir sehr stolz sind, bewahren. Deshalb wollen wir weitermachen.

Der Erzbischof von Mossul, Boutros Moshe.

KNA

Frage: Es heißt, der IS sei in weiten Teilen besiegt. Ist denn auch seine Ideologie besiegt?

Moshe: Die extremistische Ideologie existiert weiterhin. Deshalb brauchen wir eine starke, säkulare Regierung, die die Verfassung richtig umsetzt. Es gibt nach wie vor sehr viele Interessen im Irak und es ist nicht ausgeschlossen, dass wir wieder Opfer eines Konfliktes werden. Wir hoffen, dass sich die irakische Regierung von diesen ethnischen und religiösen Auseinandersetzungen fernhält und dass sie uns Christen als gleichberechtigte Bürger sieht und unsere Rechte gewährleistet. Das ist gleichzeitig auch unsere Erwartung an die Weltgemeinschaft, von der wir nicht länger schöne Worte hören, sondern endlich Taten sehen wollen.

Frage: Trauen Sie der irakischen Regierung denn zu, Stabilität zu gewährleisten?

Moshe: Nach so vielen Kriegen hoffe ich, dass unsere Regierung gelernt hat, dass man mit Gewalt und Krieg keine Probleme lösen kann. Europa hat das ja beispielsweise auch eingesehen, und die Völker haben Frieden geschlossen. Die Weltgemeinschaft muss entsprechenden Druck auf die irakische Regierung ausüben.

Frage: Sie äußern immer wieder Kritik an der Weltgemeinschaft. Es gibt ja durchaus einzelne Länder, die sich in der Region engagieren. Auch Deutschland hat beispielsweise Mittel für den Wiederaufbau im Irak bereitgestellt. Ist das nicht genug?

Moshe: Finanzielle Unterstützung ist nicht das Entscheidende. Wir erwarten vielmehr, dass die Weltgemeinschaft politischen Druck auf unsere Regierung ausübt. Ohne diesen Druck können wir wenig erreichen.

Frage: Sie haben gemeinsam mit anderen christlichen Kirchen der Region ein Komitee gegründet, das den Wiederaufbau voranbringen soll. Planen Sie auch die zahlreichen zerstörten Kirchen wieder aufzubauen?

Moshe: Ich persönlich bin der Überzeugung, dass das Thema Infrastruktur oberste Priorität hat. Wir brauchen Krankenhäuser, Schulen und Arbeitsplätze für die Menschen. Danach müssen wir uns um den Aufbau der Wohnhäuser kümmern. Die Kirchen können wir aus meiner Sicht erst renovieren, wenn es menschenwürdige Lebensumstände gibt.

Frage: Wie sind Ihre Hoffnungen, dass die Christen in die geschichtsträchtige Stadt Mossul zurückkehren können?

Moshe: Im Moment habe ich wenig Hoffnung. Ich muss ehrlich sagen, dass die meisten Christen gar nicht nach Mossul zurückkehren wollen. Viele sind im Moment dabei, ihre Häuser dort zu verkaufen und die Stadt endgültig zu verlassen. Erst wenn wir eine stabile Regierung haben, die Frieden und Sicherheit gewährleisten kann, könnte ich mir unter Umständen vorstellen, dass christliches Leben wieder Einzug in Mossul hält. Aber im Moment sieht es noch nicht danach aus.

© KNA