Der Klimagipfel aus katholischer Sicht

  • Klimagipfel - 17.11.2017

Der Weltklimagipfel ist zu Ende und ein Teilerfolg konnte errungen werden: Unter der Führung von Kanada und Großbritannien haben 26 Staaten, Regionen und Städte ihren Ausstieg aus der Kohle angekündigt – auch zwei US-Bundesstaaten sind dabei. Misereor begrüßt den Schritt der Staaten als wichtiges Signal und fordert von der Bundesregierung, sehr bald nachzuziehen. „Deutschland muss dem Bündnis beitreten und seinen Kohleausstieg sozial verträglich gestalten – möglichst noch vor 2035,“ fordert Kathrin Schroeder, Misereor-Referentin für Klimawandel und Energie. Mit zwei Kolleginnen hat sie den Klimagipfel in den vergangenen Tagen intensiv begleitet – wie viele andere katholische Akteure.

Ein „Meilenstein“ wie das Klimaabkommen von Paris war in Bonn nicht zu erwarten. Hauptziel der Konferenz war es, ein Regelbuch für das Pariser Abkommen auf den Weg zu bringen. Dazu gehören die Spielregeln für die Berichterstattung über die Klimapolitik aller Vertragsstaaten und das Verfahren, die eigenen Klimaschutz-Ziele stetig zu verbessern. Dieser Klimagipfel war also eine Zwischenstation von Paris und Kattowitz, wo der nächste Gipfel im Dezember 2018 stattfindet. In der Zwischenzeit muss in vielen weiteren kleinen Arbeitssitzungen – die nächste im Mai in Bonn – weiter verhandelt werden.

Als Beobachter wolle man den Akteuren „auf die Finger schauen“ und eigene Themen mit einbringen, erklärt Anika Schroeder, Misereor-Referentin für Klimawandel und Entwicklung. Das macht Misereor nicht alleine, sondern es arbeitet in Netzwerken. Beim Klimagipfel arbeitete es mit der Klima-Allianz Deutschland, anderen deutschen Nichtregierungsorganisationen sowie dem Climate Action Network (CAN), einem Netzwerk aus über 1.000 Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt. Wichtige Unterstützung ist auch CIDSE, der Dachverband der katholischen Entwicklungsorganisationen.

Kathrin Schroeder, Misereor-Referentin für Klimawandel und Energie.

Claudia Zeisel

„Als kirchliche Organisation sind wir oft Türöffner für andere.“

— Anika Schroeder, Misereor-Referentin

Da wurden Positionspapiere erarbeitet und „gestreut“, es wurde auf einzelne Akteure und Verhandler zugegangen und für bestimmte Themen, etwa Anpassungen an den Klimawandel in Städten geworben. „Wenn Städte zum Beispiel Deiche bauen, um sich vor steigendem Meeresspiegel und stärkeren Fluten und Stürmen zu schützen, schauen sie zu wenig auf die Menschen, die dort und im Einzugsgebiet leben,“ so Anika Schroeder. Neben den menschenrechtlichen Aspekten müsse den ärmeren Ländern mehr Geld für die Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung gestellt werden. Zumindest wurden in Bonn die Grundlagen geschaffen, den Fonds zur Anpassung der ärmeren Staaten an den Klimawandel aus dem Kyoto-Protokoll in das Pariser Klimaabkommen zu übernehmen.

Bei der Klärung der Frage, wie die internationale Gemeinschaft mit den Schäden und Verlusten in Folge des Klimawandels umgeht, wurden in Bonn nach Misereor nur sehr kleine Fortschritte gemacht – es gab lediglich einen weiteren Arbeitsplan. Angesichts des schnellen Fortschreitens des Klimawandels – laut Experten bleiben noch fünf bis zehn Jahre, das 1,5-Grad-Limit einzuhalten – mahnt Kathrin Schroeder zu schnellem Handeln. „Wenn der Prozess in diesem Tempo weitergeht, ist das für uns eine Katastrophe und vor allem für unsere Partner.“

Menschenrechte im Fokus

Misereor ist es vor allem wichtig, die menschenrechtliche Perspektive in die Verhandlungen mit einzubringen. Hierbei greift das Hilfswerk auf die Erfahrungen aus der Entwicklungszusammenarbeit zurück und lädt Partner zum Weltklimagipfel ein, dieses Jahr unter anderem Marco Kusamawijaya, Architekt und Stadtplaner aus Indonesien, und die Menschenrechtsanwältin Leilani Farha, UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen. Auch Indigenenvertreter aus Asien waren gekommen, um über ihre konkreten Erfahrungen mit den Folgen des Klimawandels zu berichten. „Die Indigenen haben das als wichtiges Forum erkannt und vertreten ihre Interessen sehr gut,“ so Anika Schroeder.

Klimagipfel - 15.11.2017

Diese drei Indigenen aus Thailand, Myanmar und Nepal berichteten auf dem Weltklimagipfel über die Folgen des Klimawandels in ihrer Heimat.


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Als kirchliche Organisation ist Misereor nicht selten auch ein Türöffner für andere. Es hatte im Gegensatz zu nichtkirchlichen Organisationen auf dem Klimagipfel bereits Kontakt zur polnischen Delegation, die für den kommenden Klimagipfel in Polen wichtig werden könnte. „Wir konnten ganz gut dafür werben, im Sinne der globalen Verantwortung zu denken und gemeinsam die Transformation des Energiesektors zu bearbeiten,“ berichtet Kathrin Schroeder. „Da hat natürlich keiner gesagt, super, darauf haben wir die ganze Zeit gewartet, genauso machen wir es. Aber das erwarten wir auch nicht. Uns geht es vor allem darum, im Gespräch zu bleiben.“

Die Wirkung der Umwelt-Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus auf die Klimaverhandlungen der katholischen Organisationen ist jedenfalls nicht zu unterschätzen: „Wenn ich sehe, wie stark NGOs auf Laudato si‘ angesprungen sind, die sonst eine starke Abneigung gegen klerikale Ansätze haben, wie sie uns plötzlich ansprechen und sagen, können wir nicht zusammenarbeiten? Dann ist da eindeutig eine Brücke entstanden,“ bemerkt Anika Schroeder. „Ich sehe, dass Laudato si‘ in der Lage ist, neue Menschen für Kirche zu begeistern.“

Katholische Vertreter sprechen auf dem Weltklimagipfel in Bonn über die Umwelt-Enzyklika Laudato si'.

Claudia Zeisel

Vatikan-Vertreter Duffé sprach zu Laudato si'

Als offizieller „Vertreter“ der Enzyklika ist auf dem Klimagipfel auch der Sekretär des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, Monsignore Bruno-Marie Duffé, aufgetreten. Er traf sich am Rande seiner offiziellen Rede mit zahlreichen katholischen Entwicklungsorganisationen und Klimaschützern und signalisierte seine Bereitschaft, sich auch mit Blick auf den kommenden Klimagipfel in Polen stärker mit ihnen zu vernetzen und auszutauschen.

Eine wichtige Lehre, die in seinen Augen aus der Umweltenzyklika Laudato si‘ für die Klimapolitik gezogen werden kann, ist das Hinausgehen an die Ränder, das direkte Gespräch mit den Armen, die meist am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden. „Wir müssen auf die Resignation, Traurigkeit und Schwierigkeiten angesichts des Klimawandels eingehen und ein neues Paradigma schaffen. Es gilt, die Hoffnung und die Überzeugung bei Entwicklungsprogrammen nicht zu verlieren“, so Duffé. „Ich bin ein neuer Sekretär, ich habe also auch noch frische Hoffnung“, scherzt er.

Ecojesuits werben für Umwelterziehung

Die Bildung ist nach Duffé ein zentrales Instrument, um die Umweltenzyklika umzusetzen. Ein Beispiel sind die sogenannten „Ecojesuits“, ein Zusammenschluss von Jesuiten und ihren Partnern. Sie wollen Umwelterziehung vermehrt in ihre Schulen bringen und selbst für mehr Umweltbewusstsein in den Kommunitäten und bei den Gläubigen werben. Pedro Walpole, Jesuit in einem indigenen Dorf auf den Philippinen, lässt sich hierbei von seinen Dorfbewohnern inspirieren. „Die Kinder kennen hier 500 Pflanzenarten und ihre Verwendung. Und die Dorfbewohner wissen, wie sie Naturkatastrophen begegnen können. Wenn ein Taifun kommt, haben sie der Regierung da oft einiges voraus. Aber wir können von diesen Ländern nicht einfach erwarten, dass sie all die Anpassungen an den Klimawandel vornehmen. Und sie brauchen auch nicht einfach technologische Lösungen, sondern menschliche.“

Die katholische Kirche muss unterdessen darauf achten, den Klimaschutz in den eigenen Reihen voranzutreiben. „Laudato si‘ ist ein starker Aufruf, aktiv zu werden und drastische Veränderungen vorzunehmen – in unserem Lebensstil, unserer Spiritualität und der Art, wie wir uns engagieren“, sagt Tomas Insua, Leiter des Global Catholic Climate Movements (GCCM), das Laien, Priester, Ordensleute und Bischöfe weltweit zu einer Antwort auf die Papstenzyklika mobilisieren will.

„Die Kirche müsste ihre Investitionen in fossile Energie reduzieren und stärker als bislang auf ethische Investitionen setzen“, betont Insua. „Manche kirchliche Institutionen merken gar nicht, dass sie in fossile Energie investieren – etwa über einen Fonds, eine Bank oder ähnliches. Ohne es zu wissen, finanzieren sie die Umweltzerstörung.“ Des Weiteren müssten die Gemeinden auf ihren ökologischen Fußabdruck achten: „Gemeindehäuser und katholische Schulen sind oft noch sehr ineffizient beim Energieverbrauch. Sie verschwenden sehr viel schmutzige Energie, also Kohleenergie. Das hängt zusammen mit einer Wegwerfkultur, die Papst Franziskus in seiner Umwelt-Enzyklika Laudato si‘ anklagt.“

Die Organisation hat deshalb den sogenannten Eco-Parish-Guide für katholische Gemeinden erarbeitet, der ihnen etwa dabei hilft, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Außerdem gibt es in Anlehnung an die Umweltenzyklika ab kommendem Jahr den sogenannten Laudato si‘-Tracker, mit dem katholische Institutionen ihren ökologischen Fußabdruck überprüfen können. Die Organisation setzt hierbei auch verstärkt auf interreligiöse Zusammenarbeit. Auf dem Klimagipfel hat es bereits eine interreligiöse Klimaerklärung gegeben, in der religiöse Führer und Gläubige sich dazu verpflichtet haben, nachhaltiger zu leben und sie rufen andere auf, es ihnen nachzutun.

Von Claudia Zeisel

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