Schleichende Entchristlichung und wachsende Gemeinden

  • Hilfswerke - 03.11.2017

Einen sinkenden christlichen „Grundwasserspiegel“ und zugleich „lebendige Gemeinden“ erlebt das Bonifatiuswerk in Ostdeutschland. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert Generalsekretär Georg Austen seine Sicht auf die Situation der Kirche in der Diaspora. Das älteste der großen katholischen Hilfswerke in Deutschland eröffnet am 5. November in Erfurt seine diesjährige Spendenaktion.

Frage: Monsignore Austen, neben den Zuschüssen für kirchliche Bauvorhaben gehören die Boni-Busse zu den bekanntesten Markenzeichen des Bonifatiuswerks. Wozu gibt es sie?

Austen: Sie sind mobile Glaubenshelfer. In Regionen mit nur wenigen Katholiken bringen die Kleinbusse diese zum Gottesdienst, zu Treffen der kirchlichen Jugendarbeit oder anderen Veranstaltungen, damit die Gläubigen Glaubensgemeinschaft erfahren können.

Frage: Seit wann sind solche Busse unterwegs?

Austen: Sie und ihre Vorläufer gibt es schon seit 1949. In Deutschland sind derzeit rund 600 Boni-Busse im Einsatz. Jedes Jahr können wir 40 bis 50 neue Busse an Gemeinden und Einrichtungen weitergeben. Wir finanzieren die Anschaffung zu zwei Dritteln, also jeweils mit rund 20.000 Euro, durch die Spenden, die das Bonifatiuswerk dankenswerterweise erhält.

Dossier

Am 19. November ist ein wichtiger Tag der Solidarität mit jenen Glaubensgeschwistern, die in Deutschland, Nordeuropa und dem Baltikum in einer extremen Minderheitensituation ihren Glauben leben. Helfen Sie mit am Diaspora-Sonntag 2017, denn „Keiner soll alleine glauben“.


Zum Dossier

Frage: Wie sieht die Diaspora, also das Leben als Minderheit unter Christen anderer Konfessionen oder ohne christlichen Glauben, heute aus?

Austen: Diaspora bedeutet zunächst, als Katholik vereinzelt oder nur in kleinen Gemeinschaften den Glauben zu leben, die oft weit voneinander entfernt und nicht selten materiell arm sind. Es gibt aber auch eine neue Form der emotionalen Glaubensdiaspora in traditionell katholisch geprägten Gebieten, in denen immer weniger Menschen ihren Glauben auch praktizieren.

Frage: Wie wird es mit der Diaspora weitergehen?

Austen: In Ostdeutschland gehören heute bis zu 80 Prozent der Bevölkerung keiner christlichen Kirche mehr an. Aber auch jeder zweite Einwohner Münchens ist konfessionslos. Im Westen Deutschlands machen wir immer mehr die Erfahrung einer schleichenden Entchristlichung. Das ist nicht nur zahlenmäßig so, sondern auch mit Blick darauf, inwieweit der Glaube den Alltag prägt und das Leben der Menschen trägt. Andererseits ist die katholische Kirche vor allem in Nordeuropa eine der prozentual am stärksten wachsenden Kirchen, vor allem durch Migranten. Sie ist eine Kirche mit einem jungen und internationalen Gesicht.

Frage: Wie erleben Sie die Kirche in den neuen Bundesländern?

Austen: Dort ist der christliche Grundwasserspiegel – wie auch in anderen Regionen Europas – im Sinken, da darf man sich nichts vormachen. Natürlich gibt es in der ostdeutschen Diaspora auch viele lebendige Gemeinden, Ordensgemeinschaften und caritative Einrichtungen. Gleichzeitig sehe ich auch neue missionarische Projekte und starke Persönlichkeiten, die der Kirche ein Gesicht geben und die das Bonifatiuswerk unterstützt. Wir bauen auf die weitere Solidarität der anderen Bistümer in Deutschland sowie unserer Spender und Spenderinnen.

Frage: Können die Erfahrungen dort auch eine Chance sein auszuprobieren, wie die Kirche der Zukunft aussehen könnte?

Austen: Es kann eine solche Chance sein. Die Frage nach einer lebendigen Gottesbeziehung, das Erleben von Glaubensgemeinschaft und die Notwendigkeit der Glaubensbildung sowie das Profil einer christlichen Identität bewegen uns landauf und landab. Natürlich können wir auch voneinander lernen und uns gegenseitig im Einsatz für das Evangelium ermutigen. Zugleich darf nichts darüber hinwegtäuschen: Die Schmerzen des Schrumpfens bleiben Schmerzen.