Zwangsprostitution: „Das Problem ist die Nachfrage“

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  • Menschenhandel - 18.10.2017

Deutschland, das „Bordell Europas“: Über 300.000 Prostituierte locken Freier und Sex-Touristen in die Bundesrepublik. Die hohe Nachfrage und Legalität der Prostitution in Deutschland erschweren den Kampf gegen die Zwangsprostitution – da hilft auch kein Prostituiertenschutzgesetz, meint der Renovabis-Geschäftsführer Burkhard Haneke, der sich im Aktionsbündnis gegen Frauenhandel engagiert. Über 90 Prozent der Prostituierten stammen aus Osteuropa. Genau dort setzt das Hilfswerk mit der Aufklärung an.

Frage: Herr Haneke, Deutschland gilt als „Bordell Europas“, ist besonders beliebt bei Sex-Touristen aus dem Ausland. Wie steht es da um den Kampf gegen Zwangsprostitution?

Haneke: Viele Zwangsprostituierte stammen aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Albanien. Bereits dort wird Aufklärungsarbeit geleistet – in den Schulen und auch über die Kirchen, Flyer werden auf den Straßen verteilt. Die Mädchen und jungen Frauen werden auf die Gefahren hingewiesen, die hinter den Versprechungen der Menschenhändler stehen.

Denn sie versprechen den Mädchen ja meist das Blaue vom Himmel herunter, was in Deutschland angeblich auf sie warte. Dass sie dort etwa als Zimmermädchen, Kellnerin, Hausmädchen oder Au Pair arbeiten können. In Deutschland angekommen müssen die Frauen feststellen, dass diese Leute nichts anderes im Sinn hatten, als sie in die Prostitution zu zwingen. Hier ist die Präventionsarbeit wichtig, sodass die jungen Frauen vorgewarnt sind. Andere Projekte beschäftigen sich mit der Reintegration von Opfern des Frauenhandels in ihrer Heimat. Das ist ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen kann. Dazu gehört eine Traumatherapie, weil die Frauen oft durch das Erlebte völlig traumatisiert sind. Sie müssen Stück für Stück zurückgeholt werden in die Normalität.

Frage: Welche Schwierigkeiten offenbaren sich bei der Reintegration der Frauen in die Gesellschaft?

Haneke: Diese Frauen hatten einen Traum von einem Leben im reichen Westen, der in einem Alptraum endete. Dennoch können oder wollen viele gar nicht in ihre ursprüngliche Heimat zurück. Sie kommen meist aus ländlichen Gegenden und werden dort stigmatisiert, gar von der Familie verstoßen. Allgemein ist auch die starke Migration von Ost nach West ein Problem, weil Familien zerbrechen und Kinder zurückbleiben – Stichwort „Euro-Waisen“. Den Frauen zu helfen ist gar nicht so einfach. Sie müssen erst einmal auf die Möglichkeit der Hilfe hingewiesen werden.

Burkhard Haneke, Renovabis-Geschäftsführer und Mitglied des Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel.

Renovabis

Frage: Aber auch in Deutschland sind für die Opfer von Zwangsprostitution Anlaufstellen und Schutzhäuser wichtig?

Haneke: Ja, von Solwodi gibt es beispielsweise ein großes Netz an Fachberatungsstellen und Schutzhäusern. Hier werden die Frauen auch zu Prozessen begleitet. Denn man will natürlich auch an die Schlepper und Zuhälter herankommen, die diese Mädchen drangsalieren und ihnen Gewalt antun. Dabei müssen die Opfer des Frauenhandels ja erst einmal aussagen. Viele von ihnen sind total verängstigt und verunsichert. Solwodi und andere Organisationen versuchen diese Mädchen so zu stabilisieren, dass sie am Ende auch bereit sind, gegen ihre Menschenhändler auszusagen. Nur so kommt man an diese Schlepperringe und nur so kommt es zu einem Gerichtsurteil gegen die Verantwortlichen. Das geschieht selten genug.

Frage: Haben Sie den Eindruck, dass das Problem der Zwangsprostitution zunimmt?

Haneke: Das Bewusstsein für die Problematik ist gestiegen, das Netzwerk der Organisationen, die sich um das Problem kümmern, ist enger und größer geworden. Und die Hilfsansätze in den Mittel- und Osteuropäischen Ländern, die solche Anlaufstellen für Opfer des Menschenhandels geschaffen haben, sind auch gewachsen und werden immer dichter. Hierbei kann auch Renovabis helfen.

Eine offene Flanke ist allerdings die Nachfrage. Diese ist in Deutschland weiterhin hoch und wird durch den Sex-Tourismus weiter angetrieben. Es gibt eben eine Selbstverständlichkeit und eine Legalität von Prostitution. In skandinavischen Ländern gibt es ja zum Teil ein Sex-Kauf-Verbot, bei dem nicht die Frauen, sondern die Freier bestraft werden. Das ist eine Forderung, die auch von einigen Organisationen in unserem Aktionsbündnis vertreten wird. Solange die Nachfrage nach Sex-Dienstleistungen so legal ist wie hierzulande, hat aber auch das Prostituiertenschutzgesetz, das seit diesem Jahr gilt, wenig Auswirkungen. Damit wurden zwar ein paar Bedingungen eingeführt, unter denen nicht mehr alles möglich ist in Bordellen, eine Kondompflicht etwa und dergleichen. Aber die Nachfrage regelt hier das Angebot und treibt den Markt weiter an.

Das Interview führte Claudia Zeisel

© weltkirche.katholisch.de

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