Freiheit nach einem Jahr Kirchenasyl in Philadelphia

  • USA/Mexiko - 17.10.2017

Der Mexikaner Javier Flores-Garcia suchte den Schutz der Kirche, um der Abschiebung aus den USA zu entkommen – und erlebte ein unwahrscheinliches „Happy End“. Sein Fall macht vielen Hoffnung.

Fast ein ganzes Jahr lang musste Javier auf diesen Moment warten. Dann war es soweit: Ende vergangener Woche hielt der Einwanderer seine Kinder wieder fest in den Armen. Als freier Mann, draußen vor der „Arch Street United Methodist Church“ im Herzen der „Stadt der geschwisterlichen Liebe“, wie Philadelphia genannt wird – vor jener Kirche also, die ihm Asyl gewährt hatte.

Wenn der Vater seine Frau und drei Kinder sehen wollte, ging das über Monate nur heimlich im Keller der Kirche. Zu groß war seine Angst vor einer Ergreifung durch die Beamten der Einwanderungspolizei ICE. Das Schicksal des 40-Jährigen Mexikaners, der seit 1997 in den USA lebt, bewegt die Menschen und mobilisiert die Medien. Javier ist zum Gesicht der Opfer einer Politik geworden, die alle Einwanderer ohne Papiere ergreifen und abschieben will. Seine Geschichte ist so bewegend, wie ihr Ausgang untypisch ist.

Der Gärtner ging den Behörden neun Mal als illegaler Grenzgänger in die Fänge. Er habe seine Gründe dafür, hatte er den Beamten stets geantwortet: seine Frau, zwei Söhne und eine Stieftochter. „Nie habe ich Drogen geschmuggelt oder andere in die USA geschleust“, versicherte er gleich zu Beginn seines Kirchenasyls. „Mein einziges Verbrechen war, hierher zu kommen, weil ich meine Kinder liebe.“ 16 Monate Gefängnis hatte ihm das eingebracht.

Er wäre wohl ein sicherer Kandidat für die Abschiebung gewesen, hätte ihm das Schicksal nicht eine andere Option beschert. 2004 wird er auf einem Parkplatz in Bensalem, Pennsylvania, Opfer einer Messerattacke. Schwer verletzt hilft er der Polizei vom Krankenbett aus, die Täter zu ergreifen. Als Belohnung dafür bekommt Javier ein sogenanntes U-Visum, dass ihm vier Jahre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis beschert. Mit guten Aussichten auf einen dauerhaften Verbleib in den USA. Aber davon erfährt er erst vergangene Woche. An dem Tag, an dem er es wagt, die Kirche wieder zu verlassen.

„Das ist eine wahre Liebesgeschichte“, schwärmt Pfarrer Robin Hynicka. Und auch der Bürgermeister Philadelphias, Jim Kenney, freut sich für die Familie. Er hatte Javier demonstrativ in seinem Asyl im Kirchenkeller besucht. „Es macht keinen Sinn, eine Einwanderungspolitik zu haben, die Familien auseinanderreißt,“ kommentierte seine Sprecherin den glücklichen Ausgang.

Javiers Jahr im Kirchenkeller sei eine „schwierige Reise“ gewesen, sagt der Familienvater im Nachhinein. Und sie erschien ihm endlos. Im November 2016, einen Tag vor der verfügten Ausweisung, tauchte er unter und suchte den Schutz der Kirche. Dort erledigte er Malerarbeiten, schreinerte und half in der Suppenküche. Manchmal blieben seine kleinen Söhne heimlich über Nacht bei ihm in seiner provisorischen Schlafkammer.

Der Fall Flores-Garcia bewegt auch politisch-juristisch die Gemüter. Städte und Landkreise, Kirchen und Schulen haben sich landesweit zu sogenannten „Sanctuary Cities“ erklärt, in denen die örtliche Polizei nicht mit ICE kooperiert. Dazu gehört auch Philadelphia, dessen Bürgermeister Kenney mit Trumps Einwanderungspolitik hart zu Gericht geht.

Der Bewegung haben sich Kirchengemeinden angeschlossen, die Betroffenen eine halbwegs sichere Bleibe bieten. Bislang haben die ICE-Beamten die Kirchenasyle respektiert, doch juristisch bringen sie die Gemeinden in die Bredouille. Einige katholische US-Bischöfe raten davon ab, weil es ungesetzlich ist. Ihr Argument: Offen praktiziertes Kirchenasyl bringe die Behörden erst auf die Spur der Einwanderer.

Als Papst Franziskus Philadelphia vor zwei Jahren besuchte, war es die heute zwölfjährige Stieftochter Javiers, die den Heiligen Vater um Unterstützung bat. „Hilf uns, Vater“, hatte sie auf ein Schild geschrieben und ihm entgegengehalten. Der Papst segnete das Kind und die Familie. Javier verbüßte zu der Zeit noch eine Haftstrafe.

Pfarrer Robin Hynicka von der „Arch Street United Methodist Church“ in Philadelphia betont, der glückliche Ausgang dieses Einzelfalls habe seine Gemeinde darin bestärkt, das Richtige getan zu haben. „Wir würden das immer wieder machen. Javiers Raum im Kirchenkeller bleibt offen – und wir warten auf den Nächsten.“