Nigerias Teenager-Mütter wollen zurück in die Schule

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  • Nigeria - 16.10.2017

Wenn Schülerinnen in Nigeria schwanger werden, müssen sie in aller Regel die Schule verlassen und werden sogar von ihren Eltern verstoßen. Ein Stipendienprogramm soll das ändern.

Chibuzor Nwanchor hält ihre Tochter Foudou im Arm. Das kleine Mädchen ist ein Jahr alt, lacht immer wieder und ist gut gelaunt. Laufen kann die Kleine zwar noch nicht. Wenn ihre Mutter sie aber auf den sandigen Boden setzt, krabbelt sie los. In der frühen Abendsonne schaut ihre Mutter zu. Jetzt hat sie einen Moment Zeit, sind doch alle Schulaufgaben schon für den nächsten Morgen erledigt.

Chibuzor Nwanchor war 17, als ihre Tochter auf die Welt kam. „Anfangs wusste ich nicht, was passiert. Mir war übel, ich musste mich übergeben“, erinnert sie sich an die ersten Monate der Schwangerschaft. Geld, um sich untersuchen zu lassen, hatte sie nicht. Noch größer war jedoch die Angst. „Ich wusste ja nicht, ob meine Mutter mich aus dem Haus wirft.“

In Nigeria ist das keine Seltenheit. Wenn Schülerinnen schwanger werden, ist das Schande und Tabu zugleich. Mütter wie Väter sind wütend und setzen ihre Töchter vor die Tür, die somit auf sich selbst gestellt sind. Jugendwohngruppen oder Unterstützung vom Staat gibt es nicht, im Gegenteil: Ein zusätzliches Kind gilt als Kostenfaktor. Eltern ärgert das umso mehr, weil sie schließlich schon in die Bildung ihrer Töchter investiert haben.

Auch Mary Unoka Nwanchor war ärgerlich auf ihre Tochter. Die hagere, weißhaarige Frau ist Witwe und lebt in einem kleinen Lehmhaus in Echialike, einem Dorf im Bundesstaat Ebonyi. Um zu überleben, verkauft sie manchmal etwas Getreide und sammelt Holz. Doch sie hat entschieden: Chibuzor und die kleine Foudou sollen bleiben. Die Großmutter passt tagsüber sogar auf die Enkeltochter auf.

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Vermittelt hat dabei Mary Odumeke. Die 52-Jährige ist Lehrerin für Sozialwissenschaften und arbeitet in ihrer Freizeit für das „Zentrum für Frauenstudien und Einmischung“ (CWSI). Es hat seinen Sitz in der Hauptstadt Abuja und wird auch vom katholischen Entwicklungshilfswerk Misereor unterstützt.

Mary Odumeke ist im Landkreis Ikwo als ehrenamtliche Mitarbeiterin tätig und kennt viele junge Mütter. „Wir helfen, dass sie wieder in die Schule gehen“, erklärt sie. Das Zentrum unterstützt beim Schulgeld und bei den Kosten für Uniformen und Bücher, macht aber auch Mut.

Über den Vater der kleinen Foudou sagt Mary Odumeke: „Er kümmert sich nicht.“ Unterhalt einzutreiben gilt als unmöglich. Chibuzor Nwanchor macht aber noch etwas ganz anderes traurig: „Er hat seine Tochter kein einziges Mal gesehen.“ Von großer Liebe und Heirat, die häufig versprochen wird, ist häufig nicht mehr viel übrig, sobald ein Mädchen schwanger wird. Sorge bereitet auch das Stigma, alleinerziehend zu sein und später keinen Mann mehr zu finden.

Wie viele Schülerinnen jedes Jahr in Nigeria schwanger werden, darüber führt niemand Statistik. „Es gibt zahlreiche Mädchen, die zu uns kommen“, bestätigt Patricia Atuma. Sie leitet das lokale Gesundheitszentrum in Echialike, das einer Hausarztpraxis gleicht. Auffällig sind jedoch die zahlreichen Poster über Familienplanung an den Wänden. Aufklärungsarbeit sei notwendig, da diese weder in der Familie noch in der Schule stattfinde.

Mangelnde Aufklärung ist aber nicht der einzige Grund: Patricia Atuma verzeichnet immer wieder Vergewaltigungsfälle. „Armut ist ein weiteres Problem. Familien haben nicht genügend Geld für ihre Töchter und vor allem nicht für die Schule. Deshalb werden sie jung verheiratet.“

Kommt es zur Schwangerschaft, sei medizinische Beratung dringend notwendig. Nach der Entbindung motiviert Patricia Atuma die Mädchen, so schnell wie möglich wieder zur Schule zu gehen. Wie vielen das tatsächlich gelingt, lässt sich nicht sagen. Internationale Organisationen wie das UN-Kinderhilfswerk Unicef schlagen allerdings regelmäßig Alarm. In keinem Land der Welt ist schon die Zahl der Kinder im Grundschulalter, die keine Schule besuchen, so hoch wie in Nigeria. Aktuell wird sie auf 10,5 Millionen geschätzt.

Mary Unoka Nwanchor war deshalb klar: Ihre 18-jährige Tochter soll auch nach der Geburt wieder die Schulbank drücken. „Bildung ist mir sehr wichtig“, sagt sie – trotz aller Schwierigkeiten und dem permanenten Geldmangel.