Kolumbien: Warum Landpfarrer zentral für den Frieden sind

  • Kolumbien - 13.10.2017

Kolumbien ist auf einem steinigen Weg zum Frieden – und die katholische Kirche spielt eine herausragende Rolle dabei. Warum? Sie ist eine allseits anerkannte vermittelnde Größe, und sie ist überall: in Kolumbien wirkt die Kirche dank der Vielzahl ihrer Priester, Laien und Ordensleute auch dort, wo der Staat mit seinen Institutionen nicht hinkommt.

Nun soll der katholischer Priester Dario Echeverrí, der als Generalsekretär der Nationalen Versöhnungskommission seit langen Jahren die kirchliche Friedensarbeit vorantreibt, die Einhaltung des Waffenstillstands zwischen Regierung und marxistischen ELN-Rebellen mit überwachen. Er wird eines von neun Mitgliedern eines Gremiums, das aus Vertretern von Regierung, ELN-Guerilla, Vereinten Nationen und katholischer Bischofskonferenz bestehen soll.

„Es stimmt, der Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC-Guerilla ist unterzeichnet – aber die Unterschrift unter dem Abkommen hilft überhaupt nichts, wenn es keinen Horizont der Versöhnung gibt“, verdeutlicht Don Darío. Die Nationale Versöhnungskommission der Kirche Kolumbiens ziele genau darauf. Sie bemühe sich beispielsweise sehr um die früheren FARC-Rebellen, die inzwischen, wie im Abkommen vorgesehen, ihre Waffen abgegeben haben und in den 26 für sie eingerichteten Übergangszonen in entlegenen Gebieten Kolumbiens versuchen, den Sprung zu schaffen in ein normales Leben als Kleinbauern, als campesinos. Da gibt es etwa Konflikte mit den Nachbarn, die sich ebenfalls als Kleinbauern verdingen, aber – im Unterschied zu den Ex-Guerilleros - keine Zuwendung vom Staat erhalten.

„Wir begleiten die Pfarrer, damit sie ihrerseits den Campesino-Gemeinschaften eine gute Begleitung anbieten können. Die sahen von einem Moment auf den anderen die bewaffneten Gruppen kommen, die Guerilleros, und wer sollte dann ihre Rechte verteidigen? Das sind der Pfarrer und eine Versöhnungskommission, die den Pfarrer begleitet.“

Clarentinerpater Darío Echeverri González ist Kaplan der Kirche „Voto Nacional“ und er koordiniert die Nationale Versöhnungskommission in Kolumbien.

Adveniat

Begleitet werden aber auch die Guerilleros selbst, erläutert Don Dario. „Wer seine Waffen abgibt, verliert einen Teil seiner Macht. Und da muss einer, der Guerillero war, sein persönliches Lebensprojekt überdenken. Wer besser als der Priester, zusammen mit der Versöhnungskommission, kann ihm dabei helfen, so ein neues Lebensprojekt für sich und seine Familie mit ihm zusammen zu entwickeln?“

Überhaupt: die Figur des Priesters, des Landpfarrers, ist zentral für die Versöhnungsarbeit in den Weiten Kolumbiens. „Er muss eine Person sein, die eine klare Vorstellung von Werten hat“, versucht Don Dario einen Steckbrief des kolumbianischen „Friedenspriesters“. „Einer, der sich mit dem christlichen Menschenbild auskennt. Der weiß, dass niemand Eigentümer des Lebens ist, nur Gott. Und der unbestechlich ist, der sich nicht kaufen lässt, der fähig ist, eine ausgewogene, unabhängige Position beizubehalten. Jemand, der andauernd verfügbar ist. Auch ein prophetisches Talent hat. Das ist wichtig, weil das heißt, mit einem Blick zu schauen, der im anderen das Gute anerkennt. Und er muss in der Lage sein, auf brüderliche Art die Aufmerksamkeit auch auf das Böse zu lenken, das es im einen wie im anderen gibt.“

Warum die Landpfarrer zentral sind

Kein Wunder, dass die Kirche, unterstützt vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat der deutschen Bischöfe, viele Ressourcen in die Ausbildung dieser Landpriester als Vermittler und Versöhner steckt. Doch geht es nicht nur um die Priester, erklärt Darío Echeverrí.

„Für Sie als Europäer ist diese eine Sache in Kolumbien sehr schwer zu verstehen: in Kolumbien ist die katholische Kirche eine Mehrheitskirche. Zwar müssen wir zugeben, dass es Fehler in der Evangelisierung gibt, und die führen dazu, dass die religiöse Option oberflächlich ist. Schade. Aber die große Mehrheit der Kolumbianer gehört der katholischen Kirche an. Und etwas, was man von Europa aus ebenfalls schwer versteht, ist, dass Kolumbien ein großes Land ist, aber als Staat ist es klein. Das Territorium ist größer als der Staat. Und es gibt mehr katholische Kirche als Staat auf dem Territorium Kolumbiens.“

An diesen Grenzorten, fährt der Priester fort, gibt es viele geweihte Laien, die im Dienst der Gemeinde stehen, „mit einem Mut und einer Tapferkeit, die Sie sich kaum vorstellen können. Es gibt die Figur der Ordensfrau, des Ordensmannes, es gibt den Priester und Bischof, die Präsenz der Kirche übersteigt die des Staates in vielen seiner konstitutionellen Pflichten. Und das gibt auch Stolz, muss ich sagen, wenn die Guerilleros der FARC anerkennen, dass die Katholische Kirche die humanitäre Instanz ist, die dem Schmerz des Volkes am nächsten steht. Sie steht an der Seite derer, die leiden, unabhängig von ihren politischen Ansichten, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu politischen Gruppen oder zu bewaffneten Gruppen. Die katholische Kirche mit ihren engagierten Laien, mit ihren Ordensfrauen, ihren Priestern und Bischöfen ist die humanitäre Instanz, die dem Schmerz der Leidenden am nächsten steht, der Opfer dieses Konflikts, den wir Kolumbianer erleben.“

Kolumbien - 13.09.2017

Kolumbien ist auf einem unendlich mühsamen Weg des Friedens, ein junger Friede, noch sehr wackelig auf den Beinen, und alle wussten, der Papst kommt, um dieses zarte Pflänzchen Frieden zu bestärken. Der Jubel für Franziskus war groß, aber wird sein Besuch wirklich helfen? Darüber hat sich Radio Vatikan mit dem Lateinamerika-Fachmann Pater Michael Heinz unterhalten.


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Durchbruch bei der Verhandlung: die Aussagen der Opfer

Schon beim Zustandekommen des Friedensvertrages, der vor einem Jahr den 50-jährigen Konflikt zwischen Regierung und FARC-Rebellen beendete, spielten die Vermittler der Kirche eine Rolle. Als ganz großen Erfolg kann sich die Versöhnungskommission auf die Fahnen schreiben, den Verhandlungen in Havanna zum Friedensvertrag zum Durchbruch verholfen zu haben, und zwar mit einer ungewöhnlichen Maßnahme: 60 Opfer des bewaffneten Konflikts sagten dort aus, Opfer sowohl der einen als auch der anderen Seite.

„Die Verhandlung war ja über ganz technische Dinge. Da ging es um Boden, Drogenanbau, politische Teilhabe. Aber als es zum Punkt der Übergangsjustiz kam, als man begann über die Menschen zu reden, da änderte sich etwas. Und es ist uns geglückt, diese 60 Menschen dorthin nach Havanna zu bringen, in fünf Delegationen. Keine Repräsentanten der 8 Millionen Opfer des Bürgerkriegs in Kolumbien, sondern Repräsentanten des erlittenen Schmerzes dieser 8 Millionen. In dem Moment, als diese Menschen ruhig und im Gefühl, angeschaut und respektiert zu werden, den Tätern in die Augen blickten, und ihren ganzen Schmerz ausdrückten, da veränderte sich die Verhandlung radikal. Da ist etwas Unerhörtes, Neues geschehen, was diesem Prozess eigen war, und was die Kirche begleitet hat. Die Kommission Gerechtigkeit und Frieden der Deutschen Bischofskonferenz hat uns geholfen, ich durfte sie nach Burundi begleiten und an andere Orte der Aufarbeitung gewalttätiger Konflikte. Nirgendwo sonst standen die Opfer im Zentrum, hier aber waren sie Referenzpunkt, um herauszukommen aus dem Konflikt. Das war neu, und zweifellos ist das ein nützliches Vorgehen für jeden anderen Konflikt.“

Gottesdienstbesucher in der Kirche „Voto Nacional“.

Adveniat / Jürgen Escher

Einer besitzt eine Million Hektar Land. Und eine Million Kolumbianer besitzt keinen Quadratmeter

Mehr als 50 Jahre dauerte der blutige Konflikt in Kolumbien zwischen Regierung, Militär, von Großgrundbesitzern bezahlten Paramilitärs und den Rebellen. Die FARC war die älteste und größte Rebellenorganisation Lateinamerikas, ehe sie sich mit der Entwaffnung und jüngst mit der Überführung in eine politische Partei de facto auflöste. Im innersten Kern ging und geht es bei dem Konflikt in Kolumbien um Landbesitz, um ein riesiges Heer landloser Landarbeiter, das einer kleinen mächtigen Schar von Großgrundbesitzern gegenübersteht. Folgerichtig ist das erste Kapitel des Friedensabkommens dem Thema Land gewidmet. „Wenn Sie mich bitten, den Inhalt der Bibel in einem Wort zusammenzufassen, würde ich sagen: Liebe. Wenn ich den Inhalt des ersten Kapitels des Friedensabkommens zusammenfassen soll, würde ich sagen: Gerechtigkeit. Es geht um eine gerechte Aufteilung des Landes. Und das fehlt. Die Ungleichheit ist sehr offensichtlich beim Landbesitz. Während ein einzelner Mann in Kolumbien jüngst den Erwerb seines Millionsten Hektars feierte, gibt es mehr als eine Million Kolumbianer, die nicht einen einzigen Quadratmeter Boden besitzen.“

Kolumbien könnte die Kornkammer der Welt sein

Die Sorge ist freilich groß, dass gerade dieser so zentrale Punkt Landbesitz, der die Wurzel des jahrzehntelangen Konflikts ist, auf dem Papier stehenbleibt. Dario Echeverrí spricht sie offen aus, „die Angst, dass die Regierung aus Mangel an politischem Willen oder Mittel oder Institutionalisierung dieses Kapitel über das Land nicht umsetzt. Gelänge es, es ganz umzusetzen, dann wäre das gut für die Armen im Land, für die historische Schuld gegenüber den Armen, gut aber auch für eine Mission, die Kolumbien hat: wegen der Qualität seines Landes, wegen des Beitrags, den es zur Behebung der Welternährungskrise geben könnte. Kolumbien hat große Möglichkeiten, und eine angemessene Nutzung des Landes – eines Landes, zu dem die Armen des Landes Zugang haben – könnte eine Antwort sein: eine Kornkammer für den Hunger der Welt.“

Von Gudrun Sailer, Radio Vatikan

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