Umweltbeauftragter: „Der Handlungsdruck ist immens“

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  • Umweltschutz - 02.10.2017

Bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe haben sich die 67 Mitglieder der Konferenz einen halben Tag lang mit Umweltfragen befasst. Ausgangspunkt hierfür war das 2015 veröffentlichte Lehrschreiben „Laudato siʼ“ von Papst Franziskus. Mit dabei war der Umweltbeauftragte des Erzbistums München und Freising, Mattias Kiefer. Wir sprachen mit ihm über seine Eindrücke und Erwartungen an das künftige Umwelthandeln der Kirche.

Frage: Herr Kiefer, bei dem Studientag setzten sich die Bischöfe zusammen und widmeten sich dem Thema Umweltschutz. Wie haben Sie den Studientag erlebt?

Kiefer: Die Bischöfe wollten sich noch einmal mit Konsequenzen aus der Sozial- und Umwelt-Enzyklika Laudato si‘ auseinandersetzen, die ja die ganzheitliche menschliche Entwicklung in den Blick nimmt. Es ging also bei dem Studientag nicht nur um zentrale ökologische Fragen, sondern auch um die globalen Fragen von Frieden und Gerechtigkeit. Ich habe die Bischöfe beim Studientag als sehr offen und interessiert erlebt. Insbesondere nach dem Vortrag von Professor Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) war doch eine gewisse Betroffenheit im Raum zu spüren. Es hat sich gezeigt, dass der Handlungsdruck wirklich immens ist und das Zeitfenster für den Einstieg in echten, konsequenten Klimaschutz immer kleiner wird. Insofern hat die abschließende Plenumsdiskussion durchaus gezeigt, dass der Wille da ist, sich diesen Herausforderungen künftig noch intensiver zu stellen als es bisher der Fall ist.

Frage: Welche Herausforderungen sind das und was erwarten Sie im Hinblick auf kirchliches Umwelthandeln?

Kiefer: Die Herausforderungen wurden bei der Weltklimakonferenz 2015 in Paris klar benannt. Wenn wir verhindern wollen, dass die globale Durchschnittstemperatur sich auf mehr als 2 Grad erhöht, dann muss jetzt wirklich konsequent mit Klimaschutz angefangen werden. Die Bundesregierung hat in ihrem Klimaschutzplan 2050 die entsprechenden Sektorziele benannt und die gelten auch für die Kirche.

Für kirchliches Umwelt- und Klimahandeln gibt es vier Implikationen: Erstens: Die biblische Rückbindung und die theologische, ethische Reflexion des eigenen Tuns. Zweitens: Die Systematik des Vorgehens in Bezug auf die Verringerung der eigenen negativen Umweltauswirkungen. Dabei müssen auch die inneren Zusammenhänge mit Fragen globaler Gerechtigkeit, Flucht und Migration eine Rolle spielen. Drittens geht es um das Wahrnehmen der pastoralen Dimension des kirchlichen Umwelthandelns. Umwelthandeln ist nicht nur Technik, sondern hat eben auch Implikationen etwa für die Verkündigung. Und letztlich – in guter Tradition der kirchliche Soziallehre – Position beziehen in Politik und Gesellschaft.

„Alle unsere Erfahrungen zeigen, dass dort, wo Ressourcen eingespart werden, man letztlich auch Geld einspart.“

— Mattias Kiefer, Umweltbeauftragter des Erzbistums München und Freising

Frage: Wie erleben Sie in Bezug auf diese Punkte aktuell kirchliches Umwelthandeln?

Kiefer: Ich erlebe es als sehr unterschiedlich, weil die Voraussetzungen in den einzelnen Diözesen unterschiedlich sind. Dort gibt es jeweils verschiedene Schwerpunkte bzgl. Umweltarbeit. Manche machen mehr im Bereich der Bewusstseinsbildung, manche forcieren ganz stark den Gebäudebereich, d.h. die Reduktion des eigenen Energie-Verbrauchs. Die einzelnen Maßnahmen hängen von der Leitung der Diözesen und der Ressourcenausstattung ab. Klar ist: Je mehr Ressourcen – auch personell – in diesen Bereich investiert werden, desto mehr kann auch getan werden. Das ist eine Frage der Priorisierung. Für alle Bistümer gilt, dass deren Umweltbeauftragte untereinander sehr gut vernetzt sind, einschließlich der Kolleginnen und Kollegen aus den Evangelischen Landeskirchen. Auch mit den weltkirchlichen Akteuren agieren wir zunehmend gemeinsam.

Frage: Was ist aktuell eine Priorität der Umweltbeauftragten der Bistümer?

Kiefer: Wir wollen die Gunst der Stunde des Studientags nutzen: Es kann nur dort etwas bewegt werden, wo die Bistumsleitung das Thema will. Im Idealfall benennt sie regelmäßig das Thema und sorgt dafür, dass die dafür Beauftragten in den Diözesen ins Handeln kommen.

Frage: Wie kann man mit Umweltschutz Geld sparen?

Kiefer: Es ist belegbar und es zeigen alle unsere Erfahrungen, dass überall dort, wo Ressourcen eingespart werden, man letztlich auch Geld einspart. Die Korrelation ist am einfachsten zu erkennen im Energiebereich. Neben den unmittelbaren gibt es auch mittelbare Effekte: Wenn z.B. Organisationen, Einrichtungen oder Verwaltungen ein konsequentes Umweltmanagement praktizieren, ist gewährleistet, dass sie Rechtssicherheit haben. Man kann mit konsequentem, systematischem Umwelthandeln viel Geld und Ressourcen einsparen. Das ist ein wichtiges und legitimes Argument, aber gerade im kirchlichen Bereich nicht das einzige für Umwelt- und Klimaschutz.

Deutsche Bischofskonferenz - 27.09.2017

Die deutsche katholische Kirche will sich noch stärker für Umweltschutz engagieren. Sie möchte auch dazu beitragen, persönliche, gesellschaftliche und politische Leitbilder zu verändern. Das erklärte der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Bischofskonferenz, Bambergs Erzbischof Ludwig Schick, am Mittwoch in Fulda.


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Frage: Die Kirche hat ja auch in Lebensfragen eine moralische Autorität, sei es beim Thema Heirat, Lebensschutz etc. Finden Sie aus Sicht eines Umweltbeauftragten der Kirche, dass es da zu einer Verschiebung des Gewichts hin zu globalen Fragen der Verantwortung für die kommende Generation und Umweltschutz kommen muss?

Kiefer: Ich würde diese Bereiche nicht gegeneinander ausspielen. Eine der Stärken der Enzyklika Laudato si‘ ist es ja, dass diese unterschiedlichen Facetten zusammengedacht werden. Es geht um eine ganzheitliche menschliche Entwicklung. Der Papst sagt an mehreren Stellen in der Enzyklika, dass alles miteinander verbunden ist. Diese Erkenntnis hat auch bei dem Studientag der Bischofs-Vollversammlung in Fulda Raum gegriffen. Das beeindruckende kirchliche Engagement im Bereich Migration und Flucht beispielsweise ist die eine Seite derselben Medaille, deren andere konsequenter Klimaschutz ist, um Fluchtursachen zu verringern oder ganz zu verhindern. Beides kann man nicht auseinanderdividieren.

Frage: Erst am Donnerstag warnte der IWF vor einer Massenflucht durch die Folgen des Klimawandels…

Kiefer: Noch tun sich die Migrationsforscher schwer, den Klimawandel als eigene Fluchtursache zu definieren. Aber klar ist, dass Klimawandelphänomene schon heute ein wesentliches Element umweltbedingter Migration sind. Nicht umsonst fordert Papst Franziskus in seiner Enzyklika, dass Klimawandel als eigene Fluchtursache in den relevanten internationalen Abkommen verankert werden sollte.

Frage: Welche weiteren konkreten Maßnahmen wünschen Sie sich nun von Seiten der Kirche?

Kiefer: Ich zitiere aus dem Abschlussbericht für die Presse von Kardinal Marx bei der Vollversammlung. Er betont, dass man nicht am bisher Erreichten stehenbleiben darf, sondern es um die Weiterentwicklung des ökologischen Engagements von Kirche geht. Es brauche eine systematische Reduktion von CO2-Emissionen bei Gebäuden und in der Mobilität, die Stärkung der Rolle der Umweltbeauftragten, den Ausbau entsprechender Bildungsangebote, die gottesdienstliche Berücksichtigung von ökologischen Themen, Kriterien des ethischen Investments und die Thematisierung von Lebensstilfragen. Kardinal Marx war auch sehr deutlich darin, dass es in Bezug auf den gesellschaftspolitischen Auftrag der Kirche darum geht, die notwendigen Weichenstellungen in der kommenden Legislaturperiode im Bereich Umwelt- und Klimaschutz immer wieder zu betonen. Wenn all diese Dinge zeitnah angegangen werden, ist das für mein Dafürhalten schon ein ziemliches ambitioniertes Programm!

Das Interview führte Claudia Zeisel

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