Eine Schwester gegen Flucht und Terror

  • Burkina Faso - 29.09.2017

Burkina Faso steht dieses Jahr im Monat der Weltmission von Missio im Fokus. Schwester Anne Béatrice Faye vom Orden der „Schwestern Unserer Lieben Frau von der Unbefleckten Empfängnis von Castres“ ist zu Gast in Deutschland, um von ihrer Arbeit in dem westafrikanischen Staat zu berichten. Sie setzt sich für die Selbstständigkeit von Frauen ein, leitet ein Gymnasium mit 500 Schülern und lehrt am Ökumenischen Institut in Rabat, Marokko zum Interreligiösen Dialog.

Frage: Schwester Anne Béatrice, Sie engagieren sich in Burkina Faso vor allem für die Frauen in Burkina Faso. Wie ist die Situation der Frauen in dieser Gesellschaft?

Faye: Die Frauen in Burkina Faso leben wie viele Frauen in Afrika in einer prekären finanziellen Lage. Den meisten von ihnen fehlt es am Nötigsten. Sie müssen sich um den Haushalt und die Kindererziehung kümmern, Wasser holen. Die Männer helfen auch, aber bestimmte Pflichten sind nur den Frauen vorbehalten. Das trägt nicht zu ihrer Entfaltung bei, im Gegenteil, es erschwert ihren Alltag.

Wir helfen den Frauen dabei, sich zu organisieren. Wir haben mithilfe von Missio das „Haus der Frau“ gegründet. Hier genießen die Frauen eine Ausbildung in Weberei und Färbung. Das können sie zwar schon, aber sie sollen ihre Fähigkeiten ausbauen. Wir verhelfen ihnen so zu mehr Unabhängigkeit. Es ist wichtig, dass die Frau nicht immer auf das Geld ihres Mannes warten muss, sondern sie braucht eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit.

Frage: Sie sind auch Leiterin des Gymnasiums „Notre Dame de Pouytenga“ in der Diözese Koupéla. Viele junge Menschen in Westafrika sind oft verzweifelt und sehen den einzigen Ausweg in der Flucht nach Europa. Wie steuern Sie dem in Ihrer Schule entgegen?

Faye: Ich bin froh, dass Sie diese Frage stellen. Das ist meine große Sorge. Wir können diesem Drang zur Flucht nur damit entgegentreten, indem wir ihnen aufzeigen, dass sie auch in ihrem eigenen Land etwas lernen können. Wir versuchen, die Kinder bis zum Abitur zu bringen, auch mit Unterstützung der Eltern, die sich finanziell auch mal aufopfern müssen. Wenn die Schüler dann das Abitur haben, kämpfe ich auch dafür, dass, wenn sie keine Möglichkeiten im Land finden, sich ihr Wissen in anderen Ländern aneignen. Mit einem Abitur in der Tasche haben sie ja die Möglichkeit, zu studieren – auch in Deutschland oder in Frankreich. Wenn sie dann erst einmal studiert haben, wünschen sich viele, in ihr eigenes Land zurückzukehren und sich dafür einzusetzen.

Die Bildung ist wichtig, um diese Fluchtgedanken zu unterbinden. Manche Kinder können auch nichts dafür, sie leben in so ärmlichen Verhältnissen, dass sie sich eben wünschen, fortzugehen. Aber die Vorstellung, dass in Europa alles besser ist, stimmt oft nicht. Die Armut treibt jedoch viele in die Flucht. Wir am Gymnasium versuchen, sie zu sensibilisieren, dass es keine Lösung ist, die Schule abzubrechen und sich auf die Flucht zu begeben. Sie sollen erst lernen, dann im Ausland studieren und wieder zurückkommen!

Sie sind nicht nur an der Schule tätig, sondern auch an der Universität, genau genommen in Marokko, in Rabat. Dort sind Sie am Ökumenischen Institut „Al Mowafaqa“ tätig, das sich mit dem interreligiösen Dialog befasst. Burkina Faso ist jetzt ja auch schon mindestens zwei Mal von Terroranschlägen erfasst worden. Welche Bedeutung und welche Chance hat der interreligiöse Dialog in dem Land?

Faye: Dieses Institut in Marokko ist einzigartig in Afrika, vielleicht sogar auf der Welt. Ein Marokkaner kann und darf nur Muslim sein. Und die Erlaubnis zu haben, sich in diesem Land niederzulassen mit einem Institut, das vom König offiziell anerkannt ist, zeigt eine besondere Offenheit dieses Landes. Es kann als Vorbild der Zusammenarbeit und des Dialogs für andere islamische Länder dienen. Für mich, die ich ja auch aus einem mehrheitlich muslimischen Land, dem Senegal, komme, ist es eine Gelegenheit, zu zeigen, dass der Dialog möglich ist.

Es ist ein großartiger Schritt, dass in einem muslimischen Land Christen und Muslime auf intellektueller Ebene über ihren Glauben diskutieren können. Dem Vorbild dieses Instituts sollte ganz Afrika folgen. Oft wird gesagt, dass der christlich-muslimische Dialog eine Einbahnstraße sei, bei dem die Katholiken immer die Initiative ergreifen. Ich sage: Nein, es ist möglich, auf Augenhöhe zu diskutieren – und zwar über alltägliche Fragen des Zusammenlebens hinaus.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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