UN-Experte: Religiöse Bildung hemmt Radikalisierung in Afrika

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  • Afrika - 20.09.2017

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) hat religiöse Radikalisierung in Afrika untersucht. Mit ihrem jüngsten Report „Der Weg in den Extremismus in Afrika“ rechnet die UN-Organisation mit einigen Vorurteilen ab und klärt, weshalb Jugendliche sich tatsächlich Terroristen anschließen. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach mit Mohamed Yahya, Mitautor des 128 Seiten umfassenden Berichts.

Frage: Man könnte annehmen, dass afrikanische Jugendliche, die sich als religiös empfinden, eher Fundamentalisten auf den Leim gehen. Wieso ist das nicht der Fall?

Yahya: Entgegen der landläufigen Meinung haben unsere Ergebnisse gezeigt, dass Rekruten von Extremistenorganisationen eher eine geringere religiöse und Allgemeinbildung haben und weniger von Glaubenstexten verstehen. Fragt man sie, warum sie sich Extremisten anschlossen haben, gaben mehr als die Hälfte zwar Religion als Grund an – doch zugleich gestanden 57 Prozent, nur wenig oder gar nichts über religiöse Texte und ihre Bedeutung zu wissen. Tatsächlich gilt: Wer seinen Glauben besser versteht, ist gegen die Anziehungskraft von Extremismus besser gewappnet. Für Interviewte, die zumindest sechs Jahre religiöse Bildung erhielten, schrumpfte die Wahrscheinlichkeit, einer Terrororganisation beizutreten, um 32 Prozent.

Frage: Warum ist das so?

Yahya: Scheinbar wirkt Verständnis für religiöse Schriften wie eine Barriere gegen die Anziehungskraft extremistischer Verheißungen. Religiöse Bildung erlaubt, selbst zu werten und ohne selbsternannte Vermittler auf Textpassagen in Koran oder Bibel zurückzugreifen.

Frage: Wie sieht denn der typische Rekrut für Afrikas Terroristen aus?

Yahya: Den typischen Rekruten gibt es nicht. Unsere Befragungen deuten aber auf verschiedene Faktoren hin; darunter geringe Bildung, unglückliche Kindheit und ein gespanntes Verhältnis zur Regierung.

Nigeria - 30.06.2017

Viele in der Region Maiduguri im Nordosten Nigerias sind auf der Flucht vor den Terrormilizen von Boko Haram. Ein irgendwie geordnetes Leben ist für sie so weit weg wie die Erde vom Mond. Faruk Dalhatu und seine 56 Mitarbeiter von Radio Dandal Kura wollen das ändern.


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Frage: In Ihrem Bericht erwähnen Sie, dass Behördenwillkür oft der Wendepunkt sei, der Jugendliche in die Arme von Extremisten treibt, etwa die Erschießung eines Freundes oder Verwandten. Sind also Afrikas Regierungen für die Radikalisierung der Jugend verantwortlich?

Yahya: 71 Prozent der Befragten gaben an, dass Hass auf die Regierung ihnen den entscheidenden Grund lieferte, einer extremistischen Organisation beizutreten. Wenn die Regierung unverhältnismäßig harte Sicherheitsmaßnahmen ergreift, kann das die Rekrutierung terroristischer Gruppen begünstigen. Daher sollten sie energischer darauf pochen, dass die Sicherheitskräfte bei ihren Aktionen Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte stärker respektieren.

Frage: Sie sprachen mit knapp 500 Jugendlichen aus verschiedenen Terrororganisationen. Welche genau waren das, und wieso sprachen die Jugendlichen überhaupt mit Ihnen?

Yahya: Wir befragten ehemalige Kämpfer von Boko Haram aus Westafrika, Al-Shabaab in Ostafrika, des „Islamischen Staats“ in Nordafrika und kleinerer Gruppierungen. Etwa 200 lehnten ein Interview ab, andere sprachen offen mit uns. Wir knüpften Kontakt durch Regierungen und lokale Organisationen.

Frage: Nigerias früherer Staatspräsident Goodluck Jonathan sagte einst, man müsse religiösen Extremismus mit Schulen, Jobs und besserer Infrastruktur bekämpfen. Weil sein vermeintlich zu geringer Einsatz gegen Boko Haram bei Nigerianern schlecht ankam, wurde er abgewählt. Hatte er nicht eigentlich Recht?

Yahya: Unser Bericht hält fest, dass militarisierte Antworten und Sicherheitsinterventionen allein nicht die Lösung sind. Ohne Respekt für Menschenrechte und Entwicklungsbedürfnisse bewirken sie sogar das Gegenteil. Vor allem in entlegenen Regionen, wo der Extremismus blüht, ist es deshalb entscheidend, die Entwicklung zu fördern – das heißt, in wirtschaftliche Erneuerung investieren, die Infrastruktur fördern und Haushalte vor Ort unterstützen.