„Brasilien hat uns verändert“

  • Bistum Passau/Brasilien - 19.09.2017

Encontrar e conhecer – compreender e aprender – Begegnen und (Kennen)Lernen, unter diesem Motto machte sich Bischof Dr. Stefan Oster mit einer kleinen Delegation auf den Weg nach Brasilien. Ziel der Reise war die Partnerdiözese Alagoinhas kennen zu lernen, nach Wegen für die zukünftige Gestaltung der Partnerschaft zu suchen, Weltkirche zu erleben. 2019 jährt sich die Partnerschaft der Bistümer Passau und Alagoinhas zum 50. Mal.

Die Reise führte in elf Tagen von Salvador da Bahia, in die Partnerdiözese Alagoinhas mit Abstechern nach Acajutiba und Conde und weiter nach São Paulo und Aparecida. Elf Tage sind wir in ein Brasilien jenseits von touristischen Hochglanzprospekten eingetaucht. Die Menschen, denen wir begegnet sind, haben uns in ihr Leben mitgenommen, haben sich uns geöffnet und an ihrer Lebensgeschichte teilhaben lassen mit all den Schwierigkeiten der politischen Situation Brasiliens, den gravierenden Kontrasten von arm und reich. Nie haben wir Resignation oder Verbitterung gespürt. Wir trafen auf Frauen und Männer voller Hoffnung, Vertrauen und lebendigem Glauben. Möglich wurden die persönlichen Einblicke nur, weil wir in Georg Pettinger einen hervorragenden Organisator und Reisebegleiter hatten. Der Passauer Diözesanpriester war fünf Jahre Pfarrer in der Diözese Alagoinhas und ist heute von der Deutschen Bischofskonferenz in die Pfarrei deutschsprachiger Katholiken St. Bonifatius in São Paulo entsandt.

Überall spürten wir Herzlichkeit, echtes Interesse und Freude über unseren Besuch. Wir fühlten uns bei Kardinal Odilo Scherer in São Paulo wohl; speisten bei der arbeitslosen, alleinerziehenden Donna Isabela in Conde zu Mittag wie in einer Großfamilie; spürten beim Pfarressen in der deutschen Gemeinde St. Bonifatius in São Paulo den Lebensgeschichten der deutschen Einwanderer nach; saßen in der Stadtgemeinde St. Magdalena in São Paulo beim Grillfest zusammen; probierten Kuchen und Bier aus eigener Herstellung im Kloster São Bento in São Paulo. Immer wieder versicherte Bischof Stefan Oster den Menschen: „Wir können viel von euch lernen. Ihr habt ein wunderbares Land.“

Pfarrer Georg Pettinger (l.) kennt Brasilien gut. Er ermöglichte Bischof Stefan Oster und der Gruppe aus dem Bistum Passau tiefe Einblicke in eine Welt voller Gegensätze.

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Besuch in der Partnerdiözese Alagoinhas

Das Kennenlernen der Partnerdiözese Alagoinhas war eingebettet in den Besuch von Salvador da Bahia und der Megalopole São Paulo. „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit“, hörten wir immer wieder, wenn wir uns wunderten, wieviel Zeit uns geschenkt wurde. Manchmal waren wir richtig beschämt über die Aufmerksamkeit, die uns geschenkt wurde und die wenige Zeit, die wir uns im straffen Programm für viele interessante Projekte nehmen konnten.

Ein beeindruckendes Projekt eines belgischen Priesters lernten wir im Hafenbezirk von Salvador kennen. Die Kirche „Da Santissima Trinidade“ dient Obdachlosen als Zuflucht, als Schlafplatz und Anker. Obdachlose Frauen und Männer sammeln Müll und gestalten Neues und verkaufen diese Dinge. Auf dem Gelände über dem Hafen entstehen kleine Häuser mit Wohnungen für diejenigen, die den Ausstieg vom Leben auf der Straße geschafft haben. Reichtum und Armut leben in Salvador da Bahia in direkter Nachbarschaft.

Nicht weniger faszinierte das Lebenswerk von Irma Dulce. Sie wird als Mutter Teresa Brasiliens verehrt. Im Hühnerstall ihres Klosters begann die kleine energische Nonne mit der Betreuung von Kranken und hat nach und nach ein Kinderheim und Krankenhaus für Obdachlose gegründet. 1992 starb sie, 2011 wurde sie selig gesprochen. Immer wieder begegnete uns ihr Bild während der Reise, so auch im Diözesanzentrum unserer Partnerdiözese Alagoinhas.

Voller Spannung machten wir uns nach zwei Tagen Salvador auf den Weg nach Alagoinhas. Schnell wechselte das Bild von einer Stadt mit unzähligen Hochhäusern zu einer üppigen Landschaft, in der Rinder weideten, Eselskarren als Transportmittel dienten, die Autos plötzlich nicht mehr so neu aussahen, die Straßen mehr Schlaglöcher hatten und immer wieder entdeckten wir Häuser mit der Aufschrift „jesus meu senhor“ (Jesus – mein Herr). Und dann wartete bei der Ankunft in Alagoinhas eine Überraschung. Norbert Penzkofer ist gebürtiger Passauer, lebt seit 47 Jahren in Brasilien und bekleidet das Amt des Generalvikars in der Diözese Palmeras. Er hatte neun Stunden Fahrt auf sich genommen, um seinen Heimatbischof Stefan Oster zu treffen.

Die Freude war groß, die Umarmungen herzlich, als Rosmarie Obermaier-Santos während der Heiligen Messe in der Kapelle von Dom Paulo zu uns stieß. Sie stammt aus dem Bistum Passau und lebt mit ihrem Mann Francisco Santos seit Jahren in Acajutiba. Sie ist derzeit die einzige vor Ort lebende aus der Diözese Passau. Bei ihr ist unter anderem das Projekt des Katholischen Deutschen Frauenbundes „pingi pongi“ angesiedelt.

Zu Gast bei Rosmarie Obermaier-Santos und ihrem Mann Francisco Santos.

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„Ich danke Gott für das Wirken der Passauer Priester.“

— Dom Jaime, Altbischof von Alagoinhas

In Alagoinhas begegneten wir dem Wirken der Passauer Missionare auf Schritt und Tritt. Die Schwestern vom guten Hirten leben im ehemaligen Pfarrhaus, das die Passauer Brasilienteams errichtet haben. Die fröhliche Gemeinschaft der Schwestern widmet sich als kontemplativer Orden dem Gebet vor allem für alle Ausgegrenzten, immer auch für das Passauer Bistum. Beim Gottesdienst in der Kathedrale von Alagoinhas traf Bischof Stefan Oster auch auf den Altbischof von Alagoinhas Dom Jaime. Der 92-Jährige versicherte: „Ich danke Gott für das Wirken der Passauer Priester und Missionare in meiner Diözese. Sie waren wahre Erbauer und der Samen, den sie gesät haben, trägt reiche Frucht.“

Die Diözese Passau unterstützt die Partnerdiözese finanziell, aktuell unter anderem für den Neubau der Kurie im Diözesanzentrum in Alagoinhas und das Priesterseminar in Salvador da Bahia. Ein Teil der Kurie war eingestürzt, ein Neubau musste errichtet werden. Bis zur letzten Minute wurde gewerkelt, dass die Segnung in unserem Beisein stattfinden konnte. Gemeinsam mit Dom Paulo enthüllte Bischof Stefan Oster eine Erinnerungstafel am Eingang zur Kurie. Am späten Nachmittag reisten wir im VW-Bus nach Acajutiba zu Rosmarie Obermaier-Santos weiter.

Rosmarie zeigte, wie im vom Frauenbund unterstützten Projekt „pingi pongi“ Frauen mit psycho-sozialen Problemen Papier schöpfen. Mit Rosmarie und Francisco reflektierten wir das bisher Erlebte, versuchten das Widersprüchliche einzuordnen, überlegten, welche Formen der Gegenseitigkeit für die Partnerschaft mit Alagoinhas gefunden werden können.

Im Marienheiligtum Nossa Senohra do Monte-Conde brandete bei der Messfeier wieder das brasilianische Temperament auf. Klatschen und Winken begleiteten die Gebete und Gesänge. Mädchen mit rot geschminkten Lippen, Buben in FlipFlops ministrierten. Nach dem Gottesdienst schossen die Kirchenbesucher Selfies am Altar.

Gemeinsam mit Kardinal Odilo Scherer feierte Bischof Oster den Sonntagsgottesdienst mit der deutschsprachige Gemeinde Sankt Bonifatius in Sao Paulo.

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Frauen und Männer der Laiengremien kamen extra aus den Landgemeinden, um mit Bischof Oster zu sprechen. Er wollte verstehen, wie Basisgemeinden funktionieren. Ganz klar konnten wir diese Gemeinden noch immer nicht umfassen. Die Mitglieder der Landgemeinden bedauerten, dass durch die zunehmende Klerikalisierung die Laien nicht mehr gebraucht werden. Laientreffen finden nicht mehr statt. Wir hätten  mehr Zeit gebraucht, um Gemeindearbeit zu erleben.

Und dann hieß es Abschied nehmen von der Diözese Alagoinhas. Wir flogen weiter nach São Paulo. Vor der Landung auf dem Stadtflughafen Congonhas zog ein Meer von Hochhäusern vorbei. Hier war alles größer, höher, weiter – eine Stadt der Superlative. 22 Millionen Menschen leben auf rund 900 Quadratkilometern. Die Armut hatte hier ein anderes Gesicht. Rund um die Kathedrale der Erzdiözese São Paulo mussten wir aufpassen, nicht über die Obdachlosen zu stolpern. Die wenigen Grünflächen waren von Obdachlosen besiedelt. Kardinal Odilo Scherer erklärte, dass es sich hauptsächlich um Drogen- und Alkoholabhängige handelt – Männer wie Frauen. In der Erzdiözese gibt es ein eigenes Bischofsvikariat für das „Volk auf der Straße“.

Inmitten der Stadt gibt es mit St. Bonifatius eine Pfarrei für deutschsprachige Katholiken. Pfarrer Georg Pettinger steht der Liturgie vor, geleitet wird die Pfarrei von einem Verein. Hier engagieren sich auch eine Hand voll Frauen, sie nennen sich Frauenkreis, organisieren Weihnachts-, Secondhandbasare, um mit den eingenommenen Geldern eine Kindertagesstätte in einer Favela am Stadtrand von São Paulo zu finanzieren.

Mit acht Millionen Pilgern ist Aparecida der bedeutendste Wallfahrtsort Brasiliens.

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In São Paulo ist Stille Luxus

Stille ist in São Paulo Luxus. Menschen saßen in der Kathedrale, beteten, manche schliefen. „Sie genießen die Ruhe vor dem Herrn“, meinte Bischof Stefan Oster. Umgeben von futuristischen Wolkenkratzern, bildete die erhabene Klosterkirche São Bento einen krassen Kontrast zur gehetzten Megametropole. Sie ist nicht nur ein beeindruckender Sakralbau, sondern auch eine Oase der Hingabe und Zuflucht zu Gott. 

Einer der anstrengendsten, aber auch ein Tag zum Staunen war die Fahrt von São Paulo ins etwa 200 km entfernte Aparecida und der Besuch von „Canção Nova – ein neues Lied“, einer Gemeinschaft, die Neuevangelisierung macht. Mit acht Millionen Pilgern ist Aparecida der bedeutendste Wallfahrtsort Brasiliens. In diesem Jahr wird das 300. Jubiläum der Wallfahrt gefeiert.

In Aparecida wird das leidende Gesicht Brasiliens sichtbar. Viele Gläubige vertrauen ihre Not der Gottesmutter an. Aus einer kleinen Kapelle wurden immer größere Kirchen gebaut, um die Pilgerströme aufnehmen zu können. Heute gibt es Tage, an denen mehrere Hunderttausend Pilger kommen. Zwischenzeitlich steht hier die zweitgrößte Kirche der Welt. Gemeinsam feierten wir mit Kardinal Odilo Scherer die letzte Heilige Messe unserer gemeinsamen Reise in einer Kapelle, die hinter dem Gnadenbild erbaut wurde.

Redaktionsbesuch bei „Canção Nova“.

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„Die frohe Botschaft kommt durch Euch zu den Menschen nach Hause.“

— Kardinal Odilo Scherer zu katholischen Journalisten.

„Canção Nova“ war für die Passauer Gruppe eine der letzten Stationen auf der Brasilienreise. Die Gemeinschaft hat einen Fernsehsender, eine Radiostation und ist auch in den neuen Medien unterwegs. Die Internetseite hat ein bis zwei Millionen Zugriffe im Monat. „Die frohe Botschaft kommt durch Euch zu den Menschen nach Hause“, lobte Kardinal Odilo Scherer die Arbeit der katholischen Journalisten. Die Medien sind aber nur eine Aufgabe, daneben gibt es einen Kindergarten und Schulen mit insgesamt 1.200 Kindern, Obdachlose werden versorgt, Jugendtreffen organisiert und selbstverständlich wird gemeinsam Gottesdienst gefeiert. Dazu gibt es die Kirche „Vater der Barmherzigkeit“ und eine Arena, in der 50.000 Menschen Platz finden. Vor 40 Jahren wurde die Gemeinschaft von einem Salesianerpater, Father Jonas Abib, gegründet. Bis heute trägt er die Arbeit der weltweit wachsenden Gemeinschaft mit.

„Brasilien wird euch verändern“, gaben uns Josef und Marlies Thalhammer und Pfarrer Josef Göppinger bei den beiden Vorbereitungstreffen auf die Brasilienreise mit auf den Weg. Brasilien hat uns verändert. Es wurde deutlich, dass eine Partnerschaft von Menschen lebt, die sich kennen, verstehen und vertrauen. Es gilt jetzt, Möglichkeiten auszuloten, wie die Zukunft der Partnerschaft mit Alagoinhas gestaltet werden kann.

Bischof Oster fasste ein erstes Resümee der Reise: „Die vielen Begegnungen verändern auch uns selber und machen den Horizont auf. Es freut mich, dass die Passauer Missionare Spuren gelegt und hinterlassen haben, sie sind präsent in den Herzen der Gläubigen.“

Von Bärbel Benkenstein-Matschiner, KDFB-Diözesanvorsitzende Passau

Der Artikel erscheint am 24. September im Passauer Bistumsblatt.

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