Kubas Kirche als Sammelbecken oppositioneller Gruppen

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  • Kuba - 22.08.2017

Auf Kuba herrscht Unzufriedenheit, doch Unmutsäußerungen sind nicht gern gesehen. Die Kirche hat ein Problem: Sie will Bedrängten Schutz bieten und zugleich das gespannte Verhältnis zu den Behörden nicht weiter belasten.

„Nein, mit der Presse rede ich nicht“. Der Rektor des katholischen Priesterseminars in Kubas Hauptstadt Havanna gibt sich zugeknöpft. Auch seinen Namen möchte er „auf keinen Fall“ in der Zeitung lesen. Man habe mit Journalisten „schlechte Erfahrungen“ gemacht, sagt er. Am Ende sei meist anderes geschrieben als gesagt worden und der Ärger mit den Behörden groß gewesen. So endet das Gespräch im Foyer des Priesterseminars in Havannas beschaulichem Diplomatenviertel Vedado bereits nach wenigen Minuten.

Der Grund für die abweisende Haltung des Rektors liegt auf der Hand: Mehr und mehr entwickelt sich die Kirche, teils gegen den Willen ihrer Leitungsorgane, zum Sammelbecken von Bürgern, die unzufrieden mit den seit 1959 diktatorisch regierenden Kommunisten sind. Allen voran die „Damen in Weiß“, Kubas wohl bekannteste Oppositionsgruppe, deren Mitglieder sich allsonntäglich den Segen für ihre Protestaktionen holen. Erst vor kurzem wurde die Aktivistin Jackeline Heredia Morales aus der Haft entlassen – die zweifache Mutter hatte öffentlich gegen die linke Diktatur in ihrem Land protestiert.

Die katholische Kirche auf Kuba sieht sich vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits will sie den Bedrängten Schutz vor Verfolgung bieten, andererseits das schwierige Verhältnis zu den Behörden nicht weiter strapazieren.

Die Unzufriedenheit der Bürger ist durchaus nachvollziehbar; der Alltag auf Kuba gleicht einem Überlebenskampf. Am schwierigsten ist die Lage für Mütter mit kleinen Kindern, da es an Milchprodukten fehlt. „Selbst für Grundnahrungsmittel müssen wir anstehen“, klagt der evangelische Pastor Manuel Alberto Morejon Soler, der regelmäßig Vorladungen von der Polizei erhält – immer dann, wenn er mit ausländischen Gästen gesichtet wurde. Die staatlichen Läden sind meist leer, und nur auf den wenigen teuren Privatmärkten gibt es Maniok, Mais und etwas Obst zu kaufen. Wer mit Euro oder US-Dollar zahlt, bekommt sein Wechselgeld in der faktisch wertlosen Landeswährung Peso Moneda Nacional zurück.

Menschen drängen sich um die Statue von Yemaya, der Heiligen Jungfrau von Regla, auch als schwarze Madonna bekannt, bei einer Prozession in Havanna am 8. September 2015.

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Umgerechnet knapp 24 Euro verdient ein kubanischer Lehrer im Monat, und das bei Preisen wie in Tokio oder Tel Aviv. „Nur mit Devisen kommt man hier über die Runden“, sagt Pastor Morejon. Eine Dose Limo oder etwas Hackfleisch zum Abendessen ist für die meisten Kubaner unerschwinglich. Ganz zu schweigen von Käse, einer Flasche Wein oder Salzgebäck.

Ohne Überweisungen von Verwandten und einträgliche Nebenjobs kämen nur wenige über die Runden, worunter bei Lehrern naturgemäß der Unterricht leidet. Und doch sind Privatschulen weiter verboten, was die Regierung als „Errungenschaft“ preist. Damit konterkariert sie zugleich den weltweit gehegten Glauben, Kuba sei in Sachen Bildung führend in Lateinamerika. Von freiem Internetzugang können kubanische Schüler nur träumen. Auch lesen dürfen sie nur das, was die Zensur erlaubt.

Auch religiöse Einrichtungen stehen unter Beobachtung. Die kommunistische Partei ist allgegenwärtig. An Straßenkreuzungen prangen ihre Parolen wie einst in der DDR, auch wenn dies seit dem Tod Fidel Castros deutlich abgenommen hat. Zur katholischen Kirche pflegt Pastor Morejon gute Beziehungen. Viele Mitglieder beider Gemeinden seien miteinander befreundet und engagierten sich sozial, sagt er.

In Rincon, eine halbe Autostunde von Havanna entfernt, betreibt die katholische Kirche ein Zentrum für Leprakranke. Französische Ordensschwestern verwalten das Zentrum und erhalten Spenden aus der Heimat. „Zurzeit haben wir kein fließendes Wasser“, berichtet Schwester Martha, die Leiterin. Das erschwere die Arbeit. Die Schwestern kümmern sich um die von Alter und Krankheit gezeichneten Männer, waschen und pflegen sie.

Auf dem Gelände stehen Obstbäume und zwei Bananenstauden. Sie dienen der Eigenversorgung, ohne die der Betrieb wohl binnen kurzem kollabieren würde. „Dabei könnte Kuba sogar Lebensmittel exportieren, würde der Staat nur endlich mehr Eigeninitiative erlauben“, sagt Pastor Morejon. Das Problem: Noch immer zählen Ideologie und Machterhalt auf der Karibikinsel mehr als ökonomischer Sachverstand.