Tausende Südsudanesen wollen zurück in den Sudan

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  • Südsudan - 03.07.2017

Die offiziellen Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag an diesem Sonntag wurden abgesagt. Wenige Südsudanesen wollen in diesen Tagen ihr Land hochleben lassen – stattdessen blicken sie zum ehemaligen Unterdrücker.

Am 9. Juli 2011 besangen die Südsudanesen ihre hart erkämpfte Freiheit. Auf den Straßen Jubas feierten die Massen und schwangen die Flaggen des neuen Staates. Die religiöse und kulturelle Unterdrückung durch den islamischen Sudan hatte endlich ein Ende. Heute, sechs Jahre später, wollen viele von ihnen nur noch eins: Zurück in den früheren Unterdrückerstaat – weg vom Bürgerkrieg, der ihr Land seit vier Jahren stückweise auffrisst. Zwar sind die Flüchtlingscamps im Sudan überfüllt und es mangelt an Wasser und Lebensmitteln. Dennoch strömten allein dieses Jahr 155.000 Südsudanesen über die Grenze.

„Dass so viele Leute zurück in den Sudan wollen, verrät viel über die Realität vor Ort, wo es ums Überleben geht“, sagt Biel Boutros, Menschenrechtsanwalt aus Juba. Für viele seiner Landsleute sei der Sudan eine sicherere Heimat geworden, nachdem sich der jüngste Staat der Welt als „Patient der Region“ entpuppte. Knapp eine halbe Million Südsudanesen leben heute wieder im Sudan, berichtet die Ostafrika-Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Teresa Ongaro. Eine Ironie der politischen Entwicklung.

Die Gründe dahinter liegen für Ongaro auf der Hand: „Die Flüchtlingsbewegungen aus dem Südsudan zeigen Instabilität, Konflikt und Ernährungsunsicherheit in der betroffenen Region an. Als sich der Konflikt in den Bundesstaaten Equatoria und Jonglei ausbreitete, flüchteten die Menschen vermehrt nach Uganda beziehungsweise Äthiopien. Dasselbe gilt vermutlich für die Grenzregion beim Sudan.“

„Die Massenflucht unseres Volkes deutet darauf hin, dass der Südsudan als Staat gescheitert ist.“

— Biel Boutros, Menschenrechtsanwalt aus Juba, Südsudan

Zu dem bewaffneten Konflikt kommt die Dürre: Das Rote Kreuz geht davon aus, dass einer von drei Haushalten im Südsudan „dringend“ Hilfe benötigt. Nach dem jüngsten Anstieg an humanitärer Hilfe äußerte die UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) zwar leise Hoffnung. Laut der Regierung in Juba trifft auch die Definition einer Hungersnot nicht mehr zu, die Präsident Salva Kiir im Februar in Teilen des Landes ausrief. Dennoch seien weiterhin sechs Millionen Menschen täglich von Hunger betroffen – „die höchste Zahl, die der Südsudan je gesehen hat“, so die FAO.

Für die Helfer vor Ort steht die Ursache der Ernährungskrise fest: Die ostafrikanische Dürre, gemischt mit einem rücksichtslosen Kampf um Macht. „Nach drei Jahren Konflikt mussten knapp drei Millionen Menschen ihre Häuser verlassen. Und wer flieht, hat bald keine Kühe, Früchte oder Bargeld mehr“, berichtet James Elder vom Kinderhilfswerk Unicef in Nairobi. „Um zu überleben, verkauften die meisten ihren gesamten Besitz und kamen so über die Runden. Doch nach drei Jahren gehen ihnen einfach die Möglichkeiten aus.“

Wegen der bewaffneten Konflikte lebt knapp eine halbe Million Südsudanesen heute wieder im Sudan.

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Hunger und Konflikt führen zum „Braindrain“

Vertreibung, Hunger und Konflikt – das sind die Zutaten für den Giftcocktail, an dem der junge Staat zu ersticken droht. Mitte Juni hatten bewaffnete Milizen den Oberarzt eines Provinzkrankenhauses erschossen, zur gleichen Zeit zwangsrekrutierten sie 14 Lehrer und Gesundheitsarbeiter. Eine Klinik und zwei Schulen mussten schließen. Unvermeidbar: Der „Braindrain“, den fliehende Ärzte, Ingenieure und Lehrer auslösen, also die Abwanderung von Spezialwissen. Zu dem Vakuum an Fachkräften kommt eine verlorene Generation hinzu, der Großteil der Vertriebenen sind Kinder und Jugendliche.

Vier Millionen Südsudanesen fristen derzeit in den Lagern für Binnenvertriebene oder im Ausland ihr Dasein. Unter ihnen ist auch Anwalt Boutros, der heute in Ugandas Hauptstadt Kampala lebt. Er klagt, die Abspaltung vom Sudan vor sechs Jahren habe eine korrupte Elite im Südsudan unter Führung der regierenden Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM) geschaffen. Die rief zwar kürzlich zu einem „nationalen Dialog“ auf, doch die bewaffnete Opposition zweifelt an der Aufrichtigkeit des Friedensangebots.

Unterdessen fliehen täglich mehr als 800 Südsudanesen über die Grenze in den Sudan. „Wie ich wünscht sich die Mehrheit keine Wiedervereinigung mit dem Sudan und hofft weiterhin, dass der interne Konflikt friedlich beigelegt werden kann“, so Boutros. „Die Massenflucht unseres Volkes deutet aber darauf hin, dass der Südsudan als Staat gescheitert ist.“

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