Kraft der Versöhnung in einer zerrissenen Welt

  • Weltkirche - 05.07.2017

Eine.Welt.Kirche – 50 Jahre weltkirchliche Solidarität: Unter diesem Motto hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart vom 30. Juni bis zum 2. Juli in der schwäbischen Bischofsstadt Rottenburg am Neckar aus Anlass des 50-jährigen Bestehens ihrer Hauptabteilung Weltkirche gemeinsam mit rund 170 geladenen Gästen aus aller Welt und weiteren etwa 300 Teilnehmern aus Deutschland und aus der Diözese selbst ein Fest gefeiert. Am 1. Juli 1967 hatte Bischof Carl Joseph Leiprecht im Bischöflichen Ordinariat ein Referat „Weltkirche“ gegründet und seinen langjährigen Sekretär, den späteren Prälaten und Generalvikar Eberhard Mühlbacher zu dessen Leiter bestellt.

Beide hatten von Anfang bis Ende am Konzil teilgenommen und wie die anderen Konzilsteilnehmer die Kirche erstmals als Weltkirche erlebt. Der „pfingstliche Geist des Konzils“, so Bischof Gebhard Fürst, habe ein neues Bewusstsein bewirkt: Weltkirche sei „nicht im Ausland, sondern überall dort, wo Menschen an Jesus Christus glauben, auf ihn hoffen, in seinem Namen ihr Leben gestalten“. Jede Ortskirche sei Weltkirche, und sie sei nur so lebendig, wie die ganze Vielfalt von Kulturen, Traditionen, Ethnien, Lebensgeschichten und –schicksalen in ihr lebendig sei. Weltkirche sei in der Welt, also bei den Menschen mit ihrer Freude und ihrer Hoffnung, ihrer Trauer und ihrer Angst und besonders bei den Armen und Bedrängten aller Art, zitierte der Bischof die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Konzils.

Bischof Bischof Vicente Bokalić Iglić, heute Bischof in der ersten Partnerschaftsdiözese der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Santiago del Estero, Argentinien, überreicht Bischof Gebhard Fürst ein Gastgeschenk.

Thomas Broch, Diözese Rottenburg-Stuttgart

Bereits auf dem Konzil ist eine erste Partnerschaft zwischen dem schwäbischen Bistum und der argentinischen Diözese Santiago del Estero entstanden – lebendig bis heute. Daraus hat sich ein Netzwerk partnerschaftlicher Verbundenheit mit Diözesen, Ordensgemeinschaften und Organisationen in 90 Ländern weltweit entwickelt.

Über 500 der über 1.000 Kirchengemeinden in der Diözese unterhalten partnerschaftliche Kontakte – insgesamt fast 1.000 an der Zahl. Rund eine Milliarde Euro weist die Bilanz der Hilfen aus, die in einem halben Jahrhundert allein über die Diözese geleistet wurden – wobei der Reichtum an missionarischem Leben von Ordensleuten, Priestern und Laien und nicht zuletzt jugendlicher Freiwilliger und die ehrenamtlichen Initiativen in der Diözese selbst gar nicht in Zahlen aufgerechnet werden kann.

Mit der Vernissage eines „Flucht-Kreuzwegs“ des Stuttgarter Künstlers Joachim Sauter wurde das Jubiläum am 30. Juni eröffnet. Der Jubiläumstag selbst, der 1. Juli, wurde mit einem internationalen Partnerschaftstag begangen, mit einem Vortrag des chaldäischen Erzbischofs von Erbil im Nordirak, Baschar Matta Warda CSsR über die Situation der verfolgten Christen im Vorderen Orient.

„Ohne Ihre Solidarität hätten wir nicht überlebt.“

— Baschar Matta Warda, Erzbischof von Erbil, Nordirak

„Ohne Ihre Solidarität hätten wir nicht überlebt“, sagte der Erzbischof. Er warb zugleich dafür, das Leben der alten christlichen Kirchen Mesopotamiens dadurch zu unterstützen, dass den Menschen in ihrer Heimat neue Lebens- und Hoffnungsperspektiven eröffnet werden. „Schickt junge Menschen als Freiwillige zu uns“, ermunterte er seine Zuhörer.

Workshops zu Themen wie „Lebendige Partnerschaft“, „Dialog – interkulturell, interreligiös“, „Menschenrechte“ luden die Gäste zum Austausch ein. Der Nachmittag war der Präsentation partnerschaftlicher Initiativen in den Kirchengemeinden, Orden und Verbänden gewidmet. Ein Abendgottesdienst im chaldäischen Ritus mit Erzbischof Warda wurde mit vielen Christen der diözesanen chaldäischen Gemeinde und ebenso vielen Festgästen und Rottenburger Christen gefeiert.

Bischof Gebhard Fürst feierte am Sonntag, 2. Juli, im Rottenburger St.-Martins-Dom in internationalem Ambiente den Festgottesdienst und reflektierte im anschließenden Festakt die Bedeutung des Mottos „Eine.Welt.Kirche“: „Als Eine Kirche, als Weltkirche, in der Einen Welt, die sich immer mehr globalisiert, präsent sein mit unserem Zeugnis des Glaubens und des Handelns – im Dienst von Menschlichkeit und Menschenwürde, im Dienst von Freiheit und Gerechtigkeit, im Dienst eines umfassenden Schalom, nach dem sich die Menschen so sehr sehnen.“ Er verortete diese Positionierung im Glaubensbekenntnis. Wir sind heute viele Kirchen, betonte er. Und das sei nicht nur Defizit, sondern Reichtum und Vielfalt.

„Aber eine Kirche als Aussage unseres Glaubensbekenntnisses bedeutet, dass die Kirche bereits sehr früh, ja bereits seit Paulus, eine Vision entwickelt hat, dass Menschen jedweden Hintergrunds in einem Geist vereinigt werden könnten. Ja, dies ist sogar immer auch schon Wirklichkeit, wenn Christen in verschiedenen Ländern und Erdteilen oder verschiedenen Milieus und trotz allem, was sie voneinander trennt, in Jesus Christus, seinem Wort und seinem Wirken einen gemeinsamen Orientierungspunkt gefunden haben. Eine Kraft der Versöhnung in dieser so furchtbar zerrissenen Welt zu sein, das wird uns durch diesen einheitsstiftenden Geist Jesu Christi aufgetragen und zugemutet.“

Von Dr. Thomas Broch, Diözese Rottenburg-Stuttgart

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