China plant neue Megacity

  • China - 04.07.2017

Chinas neue Sonderwirtschaftszone ist eine Kleinstadt. Eine typisch chinesische Kleinstadt, in der das größte und modernste Gebäude das Regierungsgebäude ist. Davor ein Park, in dem nachmittags die Frauen zu Musik tanzen, die aus tragbaren CD-Spielern scheppert. Schräg gegenüber hat die Bank of China ihren Sitz. In zehn Minuten hat der Besucher Xiongxian mit dem Auto einmal durchquert; wie überall in China sind die Hauptstraßen groß und breit.

Parallel zur Fahrstraße verläuft beidseitig ein Fahrradweg und Bürgersteig, im Erdgeschoss der Gebäude, die meist nicht höher als zwei Stockwerke sind, reihen sich kleine Geschäfte aneinander. Ein Friseur, eine Apotheke, ein Schuhladen; ein Restaurant, das Eselfleisch serviert. „Das schmeckt wie Rindfleisch“, sagt Liu, ein Reiseführer aus Peking. Im Supermarkt sind nur wenige bekannte Marken zu finden. Dafür Produkte lokaler Hersteller, Kekse, in Plastik verschweißte Würstchen, Hühnerfüße in Gelee.

Mehr oder weniger aus dem Nichts soll hier, 120 Kilometer südwestlich von Peking, eine neue Mega-City entstehen. Flächenmäßig soll sie eines Tages dreimal so groß sein wie New York. Chinas Hauptstadt Peking, wo schon jetzt mehr als 20 Millionen Menschen leben, platzt aus allen Nähten. Staus gehören zum Alltag, die hohe Luftverschmutzung ist Dauerthema. Die neue Metropole soll dagegen grün, modern und umweltfreundlich sein. Chinas Präsident Xi Jinping sprach im April, als er völlig überraschend das Projekt der „Xiongxian New Area“ verkündete, von einer „historischen und strategischen“ Entscheidung.

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Was sie von Plänen der kommunistischen Zentralregierung in ihrer Stadt halte, fragt Liu die Verkäuferin. „Momentan passiert erst mal gar nichts. Niemand darf mehr ein Apartment oder ein Stück Land pachten. Wir dürfen unser Geschäft weder renovieren noch aufstocken. Wer heiratet und mit seinem Mann zusammenzieht, darf sich offiziell nicht mehr am neuen Wohnort anmelden“, erzählt die Frau.

Auf der anderen Straßenseite betreibt ein junges Paar ein Restaurant: ein dunkler Raum, in dem ein paar Hocker und Tische stehen. Davor, auf dem Bürgersteig, wird in verbeulten Töpfen auf offenem Feuer gekocht. „Vielleicht kommen ja ein paar internationale Firmen hierher – aber was haben wir davon?“, fragt der Mann. Er und seine Frau könnten allenfalls als Hilfskräfte arbeiten. „Die gut bezahlten Jobs gehen an die Leute von auswärts, die besser ausgebildet sind.“

Das Ehepaar wird eines Tages nicht mehr hier leben. Sie werden mit ihren verbeulten Töpfen umgesiedelt – nach weit draußen in neue, namenlose Wohnblocks. Allzu häufig müssen in China Menschen Großprojekten weichen. Beim Bau des umstrittenen Drei-Schluchten-Staudamms mussten Hunderttausende in Zentralchina ihre Dörfer verlassen. In Peking wurden vor Jahren im Zeichen der Modernisierung die traditionellen Wohnviertel abgerissen. Von den 6.000 historischen Hutongs sind nur 600 übrig geblieben.

Zehn Kilometer außerhalb von Xiongxian liegt Baiyangdian, eines der größten Feuchtgebiete Chinas. Pekinger kommen oft am Wochenende hierher, um sich mit roten Holzschiffen auf schmalen Wasserwegen umherfahren zu lassen. „Dort drüben“, sagt Liu und zeigt auf die Felder, die sich hinter dem Schilf erstrecken, „werden in einigen Jahren Bürotürme und Apartmenthäuser stehen.“

Ein Mann auf einem Boot im Schilf in der Nähe der chinesischen Stadt Xiongxian am 14. Juni 2017. Hier sollen bald Bürotürme entstehen.

KNA

Ob das neue Xiongxian ein ökonomischer Erfolg wird wie etwa Shenzhen, das einstige Fischerdorf im Süden des Landes, das jetzt eine der wichtigsten Metropolen des Landes ist, bezweifeln allerdings manche. Der Wachstumsboom hat sich deutlich abgeschwächt. Der Umbau der chinesischen Wirtschaft in Richtung Innovation, Technik und Service stockt.

Experten befürchten zudem, dass der Zuzug von Hunderttausenden Menschen die Wasserknappheit in der bislang eher spärlich besiedelten Region verschärfen wird. Weil kleine Fabriken und Privathaushalte ihre Abwässer ungeklärt in die Flüsse leiten, ist das Feuchtgebiet stellenweise derart verschmutzt, dass das Wasser selbst für landwirtschaftliche Nutzung ungeeignet ist. „Bevor sie anfangen zu bauen, sollten sie erst mal die Wasserqualität verbessern“, sagt Zhang, Vorsteher eines Dorfes in Anxin.

Goldgräberstimmung hat sich trotzdem breitgemacht. Nur einen Tag nach der Verkündung der Pläne standen schon viele Autos mit Pekinger Kennzeichen in den Straßen von Xiongxian. Schnäppchenjäger in der Hoffnung auf billige Wohnungen, die sie später, wenn die Stadt womöglich boomt, mit fetter Rendite wieder verkaufen wollen.

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