Nigeria: Radio gegen den Terror

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  • Nigeria - 30.06.2017

Auf Satellitenbildern macht Maiduguri einen beinahe geordneten Eindruck. Viele Viertel der Stadt im Nordosten Nigerias formen regelmäßige Rechtecke. Vielleicht ein Erbe der britischen Kolonialtruppen, die hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Stützpunkt errichteten. Heute leben offiziell rund zwei Millionen Menschen in Maiduguri, vielleicht sind es aber auch drei – so genau weiß das niemand. Denn viele in der Region sind auf der Flucht vor den Terrormilizen von Boko Haram. Ein irgendwie geordnetes Leben ist für sie so weit weg wie die Erde vom Mond. Faruk Dalhatu und seine 56 Mitarbeiter von Radio Dandal Kura wollen das ändern.

Frage: „Mister Dalhatu – wie würden Sie Boko Haram beschreiben?“

Dalhatu: „Das ist eine Gruppe von Terroristen, die vorgibt, islamisch zu sein. Aber alles, was sie bisher getan haben, läuft diesen Ansprüchen zuwider. Wer einen Sprengstoffgürtel um ein siebenjähriges Mädchen bindet, hat jeden Anspruch auf moralisches oder religiöses Handeln komplett verspielt.“

Mit Worten gegen Waffen und Gewalt. Das klingt zuerst einmal verrückt, oder lebensmüde. Oder beides. Doch Faruk Dalhatu hat einen Plan. Radio Dandal Kura ist nicht sein erstes Projekt. Landesweite Bekanntheit erlangte der heute 56-Jährige mit dem 2002 von ihm mit aufgebauten Sender Freedom Radio Nigeria in Kano, 600 Kilometer von Maiduguri entfernt – dort, wo auch Radio Dandal Kura 2015 erstmals auf Sendung ging. Dalhatu deckte damals einen millionenschweren Finanzskandal auf, in den staatliche Stellen verwickelt waren. Die Behörden versuchten, ihn mundtot zu machen. Das ist ihnen nicht gelungen.

Ein von Boko Haram zerstörtes Kirchengebäude in Marraraba im Norden des Bundesstaates Adamawa in Nigeria.
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Frage: „Was gab den Ausschlag für die Gründung von Radio Dandal Kura?“

Dalhatu: „Wir wollten dem islamistischen Terror etwas entgegensetzen, vor allem Fakten und die Wahrheit und dabei möglichst viele Menschen erreichen. Deswegen ist unsere Sendesprache Kanuri, die Sprache der meisten Anhänger von Boko Haram – und ihrer Opfer.“

Maiduguri ist die Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Borno und gehört ähnlich wie die angrenzenden Gebiete von Tschad, Niger und Kamerun geografisch zur Tschadsee-Region. Kanuri ist dort für rund zehn Millionen Menschen die wichtigste Verkehrssprache – und zugleich die Bezeichnung für ein stolzes Volk mit reicher Geschichte, das seit dem Mittelalter islamisch geprägt ist. Der Widerstand gegen die nigerianische Zentralregierung brachte viele Kanuri zu Boko Haram. Sie stellen die Mehrheit in der Terrorgruppe – zugleich leiden die Kanuri am meisten unter den Islamisten.

Frage: „Wie viele Anhänger hat Boko Haram aktuell?“

Dalhatu: „Üblicherweise heißt es vier- bis fünftausend. Vielleicht sind es mehr, vielleicht weniger.“

Zeitweilig kontrollierte Boko Haram ein Gebiet von der Größe Belgiens; seit die Gruppe sich 2009 radikalisierte, töteten die Anhänger allein in Nigeria schätzungsweise 20.000 Menschen und brachten Tausende Geiseln in ihre Gewalt. Der Terror schwappte auch auf die Nachbarstaaten über. Doch in den vergangenen Monaten nahm der militärische Druck zu. Boko Haram zog sich in unzugängliche Gebiete wie den Sambisa-Wald an der Grenze zu Kamerun zurück. Anführer Abubakar Shekau hat zudem die Kontrolle über Teile von Boko Haram verloren. Anschläge gibt es weiterhin – auch in Maiduguri. Vor wenigen Tagen erst sprengten sich insgesamt fünf Frauen in die Luft und rissen 16 Menschen in den Tod.

„Wir wollen die Sprachlosigkeit überwinden.“

— Faruk Dalhatu, Gründer von Radio Dandal Kura, Nigeria

Frage: „Sie sind Radiojournalist – aber fehlen einem bei solchen Grausamkeiten nicht die Worte?“

Dalhatu: „Wir wollen genau diese Sprachlosigkeit überwinden. Zum Beispiel mit Ratgeberprogrammen, in denen wir Hilfen und Trost für die betroffene Bevölkerung bieten. Dazu laden wir Psychoanalytiker oder Vertreter von Nichtregierungsorganisationen ein. Dann haben wir ein Format, bei dem Hörer nach ihren vermissten oder verschleppten Angehörigen suchen. Und wir bieten Talkshows zu aktuellen Problemen an, zu denen Zuhörer im Studio anrufen können.“

Dandal Kura bedeutet soviel wie „offene Arena“ oder „Marktplatz“. Zum Themenspektrum gehören neben religiösen Inhalten Gesundheits- und Bildungsprogramme. Boko Haram heißt frei übersetzt so viel wie „westliche Bildung ist Sünde“. Mit seinem Radiosender will Faruk Dalhatu vor allem Mädchen und Frauen eine Stimme geben. Sie hätten das Potenzial, Frieden zu stiften. Boko Haram dagegen wurde 2014 im Westen durch die Entführung der Chibok-Mädchen bekannt. Die mehr als 200 Schülerinnen einer christlichen Schule wurden wie Sklaven gehalten – und befinden sich teilweise immer noch in der Gewalt der Terroristen.

Frage: „Wie reagiert Boko Haram auf Radio Dandal Kura?“

Dalhatu: „Oh, da gibt es dieses Video, in dem uns Abubaker Shekau bedroht. Das hat uns einen gehörigen Schrecken eingejagt – aber war zugleich eine Auszeichnung für unsere Arbeit. Denn es gibt über 150 elektronische Medien in Nigeria. Und wenn er nur unsere Station nennt, dann habe wir wohl was richtig gemacht.“

Das Video, das Dalhatu sogleich per Whatsapp weiterleitet, stammt vom vergangenen März. Es zeigt einen finster dreinblickenden Shekau vor der Flagge des „Islamischen Staates“, flankiert von zwei vermummten Kämpfern mit Maschinengewehren. An das Team von Radio Dandal Kura gerichtet sagt er: „Möge Allah Euch verfluchen!“

Frage: „Haben Sie persönlich keine Angst?“

Dalhatu: „Wenn Du in Maiduguri lebst, wo der Ausnahmezustand immer noch gilt, dann ist alles irgendwie beängstigend, weil alles Mögliche zu jeder Zeit passieren kann, da gibt es kein Muster. Du kannst ins Geschäft gehen, zum Markt oder zur Moschee, ganz normale Dingen eben, und sie können Dich dabei in die Luft jagen. Das wird und darf uns aber nicht von unserer Arbeit abhalten.“

Das Interview führte Joachim Heinz (KNA)

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