Spiegel: Die Wiederentdeckung von Religion als Chance

  • Interview - 20.06.2017

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor, nimmt an der Jahrestagung Weltkirche und Mission teil. Mit dem Internetportal Weltkirche sprach er im Vorfeld über die Verbindung zwischen Religion und Entwicklung und die Chancen, die eine Wiederentdeckung der Religion in der Entwicklungspolitik mit sich bringt.

Frage: Monsignore Spiegel, das Thema der Jahrestagung Weltkirche und Mission ist „Religion und Entwicklung“ – mit Blick auf das weltkirchliche Engagement von Hilfswerken, Orden etc. besteht zwischen Religion und Entwicklung eine enge Verbindung. Können Sie diese Verbindung definieren und gibt es auch Bereiche, wo Religion und Entwicklung sich ausschließen bzw. ein Widerspruch sind?

Spiegel: Die religiöse Verankerung spielt eine zentrale Rolle für das Engagement der Werke der Entwicklungszusammenarbeit, diözesanen Partnerschaften, Hilfswerke, Orden, Eine-Welt-Kreise in den Pfarreien – so auch für Misereor. Auch andere Kirchen und Religionsgemeinschaften werden von ihren Glaubensgrundlagen her zum Einsatz für Entwicklung motiviert.

Misereor erhält seine Orientierung aus der Deutung und dem Hoffnungspotential des Lebens, Sterbens und Auferstehens Jesu. Diese führt zur Option für die Armen und Anderen, führt zur Solidarität, zu einer größeren Gerechtigkeit, zur Feindesliebe und zum Einsatz für den Schutz der Erde. In der Sprache der Enzyklia Laudato si´ ist christlicher Glaube Quelle für den Einsatz zugunsten einer „integralen Ökologie“. Christlicher Glaube führt Menschen hinter diesen Anliegen zusammen, motiviert sie zu handeln. So kann man „Entwicklung“ beschreiben.

Diese Deutung der eigenen biblischen Tradition ist aber nicht einfach immer schon da. Sie muss durch das Hören auf das Wort der Schrift, die Erfahrungen der Geschichte und die heutigen weltweiten Herausforderungen der Menschheit immer wieder neu erarbeitet werden. Sie kann auch verloren gehen oder gar nicht erst entdeckt werden. Die Geschichte des Christentums enthält leider Beispiele, wie das Evangelium für Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen wegen ihrer Kultur, ihres Geschlechts oder ihrer ethnischen Herkunft gebraucht wurde und wird.

„Es braucht unausweichlich den Dialog darüber, wie wir unseren Glauben jeweils verstehen und welche Art von Entwicklung daraus folgt.“

— Pirmin Spiegel, Misereor-Geschäftsführer

Schließen sich Religion und Entwicklung in manchen Bereichen aus? Ich stelle fest: Von „Religion“ allgemein zu sprechen ist schwierig. Es sind Gemeinschaften, Gruppen, die Glaubensvorstellungen konkret leben, fassbar werden lassen. Sie drücken ihre Vorstellung von dem, wie sie die Welt gestalten wollen, nicht nur in ihrem sozialen und individuellen Einsatz für andere, sondern auch in ihren Gebeten aus. Dieser oder jener Glaube führt zu einer Entwicklung, die ich will oder die ich nicht will, die Leben fördert oder im Extremfall zerstört.

Deswegen braucht es unausweichlich den Dialog darüber, wie wir unseren Glauben jeweils verstehen und welche Art von Entwicklung daraus folgt. Um etwas holzschnittartig zu sprechen: Es gibt viele Menschen in Europa, die überzeugt sind, dass unsere Art von Leben und Produzieren DAS Modell für den Planeten ist. Dabei ist längst klar: Wir sind Teil des Problems, zerstören damit das Klima, sind verwickelt in Kriege, zerstören unsere eigenen Seelen mit einem Immer-Mehr, Immer-Schneller haben wollen. Hier braucht es eine Umkehr, für die wir von anderen Kulturen lernen können.

Frage: Die deutsche Entwicklungspolitik will enger mit Religionsgemeinschaften kooperieren, auch das Auswärtige Amt hat mit seiner Konferenz „Friedensverantwortung der Religionen“ vor Kurzem gezeigt: Religion gerät zunehmend ins Blickfeld der internationalen Politik. Erzbischof Schick sprach gar von einer Kehrtwende, bei der Religionen nicht mehr als Ursachen von Gewalt und Konflikten denn vielmehr als Friedensbotschafter gelten. Woher kommt Ihrer Meinung nach dieser neue Bedeutungszuwachs der Religion für die Politik?

Spiegel: Nun, Religionen bzw. religiös motivierte Akteure sind nach wie vor auch Teil des Ursachenbündels von gewaltsam ausgetragenen Konflikten. Das ist nicht vorbei und muss weiter bedacht werden.

Aber in der Politik wird zunehmend das Potential der Religionen erkannt, bei der Umsetzung der Agenda 2030 und des Pariser Klimaabkommens mitzuarbeiten. Denn Religionen können zum Beispiel das Umweltverständnis von Menschen beeinflussen: Dürfen wir die Schöpfung rücksichtlos zu unserem eigenen Nutzen jetzt ausbeuten oder sind wir als Teil der Schöpfung eingeladen, sie rücksichtsvoll zu gestalten und für kommende Generationen so zu hüten, dass das Leben lebenswert bleibt?

Bei der Betonung der Friedensfähigkeit bzw. des Beitrags von Religionen zur Entwicklung geht es vielmehr darum, die Ressourcen von Religionsgemeinschaften zu sehen, die sie für Entwicklungs- und Friedensprozesse mitbringen. Christlicher Glaube kann die Selbsthilfefähigkeit – heute oft unter dem Stichwort „Resilienz“ diskutiert – stärken, aber er kann auch zu Solidarität mit denen befähigen, die sich nicht selber helfen können. Religionen motivieren Menschen, geben Orientierung, öffnen Horizonte, vergemeinschaften und machen sie gesellschaftlich sichtbar. Religiös organisierte Menschen sind in Gegenden anzutreffen, in denen der Staat nicht mehr anzutreffen ist. In der katholischen Kirche haben die Orden hier einen besonderen Verdienst, und hierin nochmals besonders die Frauenorden.

„Die Wiederentdeckung von Religion bietet für kirchliche Akteure die Chance, ihr Bewusstsein für die religiöse Dimension der eigenen Arbeit zu stärken und zu reflektieren.“

— Pirmin Spiegel, Misereor-Geschäftsführer

Frage: Wie sollten wiederum die Religionsgemeinschaften, Orden, kirchlichen Hilfswerke auf diesen neuen Trend reagieren? Wo liegt hier die Chance?

Spiegel: Die Wiederentdeckung von Religion in diesen Zusammenhängen verunsichert nicht wenige in den Kirchen. Man freut sich über die Wertschätzung und merkt zugleich deutlicher, dass der Staat plural ist, und anders als früher Wertschätzung nicht nur dem christlichen Glauben, sondern allen Religionen entgegenbringt. Was geschieht da mit einem in einer solchen Situation erhöhter Aufmerksamkeit? Wird man als religiöser Akteur in der politischen Arena instrumentalisiert, oder andersherum: instrumentalisiert man selber die Politik?

Wesentlich ist, dass dieser Prozess Chancen für kirchliche Akteure bietet, ihr Bewusstsein für die religiöse Dimension der eigenen Arbeit zu stärken und zu reflektieren. Infolge von Säkularisierungsprozessen in der bundesdeutschen Gesellschaft wird das nach Außen bisweilen eher zurückgestellt. Mit anderen Worten: Es bietet auch die Chance, in der Zusammenarbeit die eigenen blinden Flecken besser zu entdecken. In Fragen der Geschlechtergerechtigkeit zum Beispiel ist das offensichtlich. In der konkreten Projektarbeit sehe ich den Impuls, noch stärker religionsverbindend, also interreligiös zusammen zu arbeiten, um Friedensprozesse wie etwa in Nigeria oder Burkina Faso voranzubringen.

Frage: Noch immer sind viele Konflikte auf der Welt aber auch religiös bedingt, man denke an die Auseinandersetzungen in Nigeria oder in Syrien, Irak und jetzt vielleicht auch in den Golfstaaten. Findet da auch ein innerer Konflikt der Religionen – insbesondere des Islam – statt, wo sich die gemäßigten, friedensstiftenden Kräfte der Religionsgemeinschaft gegen die kriegerischen wehren müssen?

Spiegel: Denken Sie daran, wie lange wir Christen gebraucht haben, um ein überzeugtes Zusammenleben in Verschiedenheit einigermaßen zu erreichen. Die Entdämonisierung des und der Anderen musste gelernt werden. Nächstes Jahr in Münster beim Katholikentag gedenken wir des Beginns des Dreißigjährigen Krieges, an dessen Ende auch ein religionspolitischer Frieden stand. Für den Islam kann ich das nur von außen wahrnehmen.

Viele Muslime sagen, dass terroristische Gewalt nicht im Namen des Islams verübt werden kann, dass Krieg und Terror ein Missbrauch ihres Glaubens sind. In Deutschland wird die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam stark gefördert. Das ist Teil der demokratischen Kultur – die die Religionsfreiheit in den Grenzen des Grundgesetzes positiv fördert.

Bei der Misereor-Fastenaktion 2017 wurde die Kreativität der Kleinbauern in Burkina Faso herausgestellt.

Misereor

„Gute Ideen und Innovationen muss man wachsen lassen.“

— Pirmin Spiegel, Misereor-Geschäftsführer

Frage: Mit der Fastenaktion 2017 hat Misereor für einen neuen Blick auf Afrika geworben, der nicht nur die Krisen und Konflikte beleuchtet, sondern auch die Chancen und Hoffnungen des Kontinents sowie eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Inwiefern helfen da die religiösen Strukturen in Afrika aber auch in Deutschland ganz praktisch bei der Aneignung einer solchen neuen Haltung?

Spiegel: Mit unseren Partnern stellen wir im Dialog fest, wie stark ihre jeweiligen Kulturen die Arbeit in Entwicklungsprojekten prägen. In Burkina Faso sind etwa 23 Prozent Christen, 61 Prozent Muslime und 15 Prozent indigene Religionen. Das sind Zusammenhänge, die die Partnerorganisationen Misereors in ihren Projekten berücksichtigen und worin sie auch Potentiale erkennen müssen.

Und in Deutschland ergeben sich ja auch neue Sichtweisen und neue Bündnisse. Die Kirchen werden hier als wesentliche Akteure in Entwicklungsfragen wahrgenommen und genießen mit ihrer Expertise und ihren Partnernetzwerken große Anerkennung – dazu trägt auch die Fastenaktion von Misereor bei. Und mit der weltweiten Rezeption der Enzyklika Laudato si‘, in der ja grundlegende Fragen in Richtung eines neuen Verständnisses von Entwicklung diskutiert werden, steht diese Anerkennung auf einem breiten Fundament.

Ein weiterer Punkt: Aus den eigenen Stärken und Ressourcen kann Eigenes und Neues wachsen. Traditionelles Wissen und moderne Forschung können versuchen, sich gegenseitig zu bereichern.

Die Bäuerinnen und Bauern der Bibel haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Mit dem guten Samen wächst immer auch das Unkraut, das den Samen zerstört. Am Anfang sind diese oft nicht eindeutig zu unterscheiden. Jesus sagt: „Lass beides wachsen bis zur Ernte.“ Gute Ideen und Innovationen muss man wachsen lassen.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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