Schick: Christlich-muslimischer Dialog geht trotz Terror weiter

  • Philippinen - 12.06.2017

Der Bamberger katholische Erzbischof Ludwig Schick kritisiert das oft rücksichtslose Vorgehen der philippinischen Regierung gegen den Drogenhandel. Er rief dazu auf, die Kirche vor Ort besser zu unterstützen. Sie sei die einzige Institution, die die zahlreichen Probleme im Land angehe, betonte der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz am Samstag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Bis Sonntag hielt sich Schick in der Krisenregion Mindanao auf, wo nach den jüngsten Anschlägen das Kriegsrecht verhängt wurde.

Frage: Erzbischof Schick, wie erleben Sie die angespannte Lage im Land?

Schick: Anders als etwa in der Hauptstadt Manila spürt man auf Mindanao schon sehr deutlich, dass hier das Kriegsrecht gilt. Abends herrscht Ausgangssperre, es gibt viele Kontrollen auf allen Straßen und viele schwer bewaffnete Soldaten.

Frage: Wie viel Angst gibt es unter den Christen? Viele haben sicher das Video der Islamisten gesehen, in dem sie in der Kathedrale von Marawi Heiligenstatuen zertreten, Kruzifixe zu Boden werfen und Papstbilder zerreißen.

Schick: Solche Filme sind – wie fast immer – Mittel der Propaganda, um Menschen zu ängstigen. Aber mir haben viele gesagt, dass sie keine Angst haben und dass sie sich vor allem nicht von ihrem Weg zum Frieden abhalten lassen werden. Und dazu gehören auch Dialog und konkrete Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen...

Gespräch mit Al-Haj Ibrahim Murad, dem Vorsitzenden der „Moro Islamic Liberation Front“, die der Gewalt abgeschworen und sich dem Friedensprozess in Mindanao verpflichtet hat. Vlnr: Kardinal Quevedo, Al-Haj Murad, Erzbischof Schick.

DBK/Mussinghoff

Frage: ... die jetzt auf Eis liegen?

Schick: Eben nicht! Ich habe gerade heute noch Gruppen getroffen, die trotz allem weiter eng zusammenarbeiten – Christen, Muslime und indigene Bevölkerungsgruppen. Hier auf Mindanao gibt es auch viele kirchliche Schulen und die katholische Universität, wo Christen und Muslime zusammen leben und lernen.

Es gibt auch viele andere Aktionen, die zu mehr Frieden erziehen und das friedliche Zusammenleben voranbringen. Wie an vielen anderen Stellen im Land merkt man auch hier sehr deutlich, welche entscheidende Rolle die Kirche spielt, wenn es darum geht, die Lage der Menschen zu verbessern.

 

Frage: Gilt das auch auf dem Feld der Drogenpolitik? Hier führt ja Präsident Duterte einen „Krieg gegen die Drogen“, wie er es selbst formuliert, der schon viele Opfer gekostet hat.

Schick: Auch hier meldet sich die Kirche immer wieder kritisch zu Wort. Wenn man mit den Menschen redet, fällt auf, dass im Prinzip alle dafür sind, sehr entschieden gegen Drogenkonsum und Drogenhandel vorzugehen. Aber entscheidend sind die Methoden: Recht, Gesetz und Menschenwürde müssen immer beachtet werden – und nicht mit Füßen getreten, wie es zurzeit leider passiert. Etwa wenn die Strafmündigkeit stark herabgesetzt werden soll, sodass schon neunjährige Kinder mit aller Härte bestraft werden können. Das Drogenproblem kann man nicht mit drastischen Strafen lösen. Darauf weist die Kirche immer wieder hin.

Erzbischof Schick traf bei seiner Reise auch Kardinal Luis Antonio Tagle.

DBK/Mussinghoff

Frage: Was erwarten sie stattdessen von Duterte und seiner Regierung?

Schick: Mehr Engagement für eine bessere Bildung – auch für die Kinder und Jugendlichen aus den armen Schichten. Das hält vom Dealen und Drogenkonsum ab. Mehr Einsatz gegen Armut und Arbeitslosigkeit sowie die Stärkung der Familien – das sind wirksame Hilfen gegen Kriminalität und Drogenprobleme. Auch hier tut die Kirche derzeit sehr viel.

Frage: Gilt das auch beim Kampf gegen den Klimawandel? Die Philippinen liegen auf der Skala für die Wahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen durch den Klimawandel an dritter Stelle weltweit.

Schick: Auch hier ist die Zivilgesellschaft aktiver als der Staat. Die Kirche hat zum Beispiel viele Programme zum Schutz des Klimas und zum Schutz der Wälder aufgelegt. Sie kämpft gegen neue Bergwerke, wenn die Bodenschätze dort so abgebaut werden, dass die Umwelt zerstört wird und die Bevölkerung, vor allem die Arbeiter, darunter gesundheitlich leidet. Sie pflanzt neue Wälder an und hilft den Bauern aus der Armut, etwa durch Schulungen für Kleinlandwirtschaft oder sogenanntes family farming. Das ist sehr wichtig in einem Land, in dem viele Menschen in extremer Armut leben.

Nach dem Gottesdienst in Baseco.

DBK/Mussinghoff

Frage: Sie haben sich die Situation vor Ort auch angesehen, um nach Wegen zu suchen, den Menschen auf den Philippinen zu helfen. Wie kann das von hier aus am besten gehen?

Schick: Wir haben immer drei Säulen bei unserer weltkirchlichen Arbeit: Erstens das Gebet: „Betet für uns, das hilft uns!“, sagen mir die Menschen immer wieder bei meinen Reisen. Wie wichtig ihnen das ist, können wir uns hier oft gar nicht vorstellen. Das Zweite ist, die Situation wahrzunehmen und zu analysieren, anstatt die Augen zu verschließen. Und das dritte ist die aktive Solidarität – etwa durch unsere Spenden an Hilfswerke wie Misereor oder Missio, die hier sehr viele Projekte unterstützen. In dem Zusammenhang fand ich es auch sehr beeindruckend, zu erleben, wie lebendig auf den Philippinen der Glaube gelebt wird. Gerade aus dieser Lebendigkeit heraus entsteht das große Engagement der Kirche, das vor allem von den Laien getragen wird – auch weit über den eigenen Kirchturm hinaus.

© KNA