Ordensfrauen wollen in die Niniveh-Ebene zurück

  • Irak - 12.06.2017

Die Dominikanerschwestern Luma und Nazek hält es kaum noch in ihrem „Notkloster“, so nennen sie es. „Wir möchten sobald wie möglich nach Telskuf zurückkehren. Die Familien dort brauchen uns.“ Seit Sommer 2014 leben sie in Erbil im Nordirak. Mord, Zerstörung und Eroberungen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zwangen sie und ihre 70 Mitschwestern zur Flucht aus ihrem Kloster „Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“ in Telskuf, 30 Kilometer nördlich von Mossul.

So wie den Ordensfrauen ging es über 120.000 Christen aus der gesamten Niniveh-Ebene. Sie wurden zu Binnenflüchtlingen, fanden Obdach und Hilfe im kurdischen Teil des Irak – Hilfe, die vor allem von den christlichen Kirchen kommt. Die Dominikanerinnen waren von Anfang einbezogen: „Sofort nach unserer Flucht haben wir begonnen, Nahrungsmittel, Milch und Windeln zu verteilen“, erzählt Schwester Luma. „Wir wollten den geflohenen Christen so nahe wie möglich sein und ihnen dienen.“ Um das Klosterleben, vor allem das gemeinsame Gebet, fortsetzen zu können, hat ihre Gemeinschaft mehrere provisorische Niederlassungen eröffnet – zuerst im Flüchtlingslager, später in angemieteten Wohnungen, wo die Schwestern auf engstem Raum leben.

„Als sich abzuzeichnen begann, dass unser notgedrungener Aufenthalt länger dauern wird, haben wir zwei Schulen und einen Kindergarten für zusammen über 1.000 Kinder eröffnet“, erzählt Schwester Nazek. Das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hat diese Einrichtungen mitfinanziert. „Wir sind vollkommen abhängig von diesen Hilfen. Vom Staat haben wir keine Unterstützung erhalten“, ergänzt die Ordensfrau.

Kurdischer Peschmerga-Kämpfer vor einer Kirche in Telskuf nach der Rückeroberung vom IS.

Kirche in Not

Doch jetzt beginnen sich die Schulbänke zu lichten. „Die Zahl der Flüchtlinge rund um Erbil nimmt ab“, sagt Schwester Nazek. Sicher: Viele seien aufgrund der Misere und aus Angst vor weiteren Eroberungszügen des IS ins Ausland gegangen. Die Mehrheit der Flüchtlinge aber ist in ihrem Heimatland geblieben: Noch gut 90.000 Christen halten sich rund um Erbil auf. Sie harren aus – besonders, nachdem ihre Heimatorte in der Niniveh-Ebene vom IS befreit worden sind.

So auch Telskuf. „Dort ist es jetzt nicht mehr gefährlich“, ist Schwester Luma überzeugt. „Immer mehr Familien kehren heim – auch weil ,Kirche in Not' beim Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser hilft. Das gilt auch für unser Kloster.“ Die Menschen seien es leid, noch länger getrennt von ihrer Heimat zu leben, auch wenn der Neuanfang sehr schwer ist. „Insgesamt sind in der Niniveh-Ebene rund 13.000 Gebäude beschädigt oder komplett zerstört“, erklärt Andrzej Halemba, Nahost-Referent von „Kirche in Not“. Das sei das Ergebnis einer Untersuchung, die das Hilfswerk zusammen mit lokalen Kirchenvertretern initiiert habe.

Dominikanerschwestern besichtigen eine beschdigte Klosteranlage.

Kirche in Not

„Diese Erhebung war der erste Schritt hin zu einem ,Marshall-Plan' für den Wiederaufbau dieser jahrtausendealten christlichen Gebiete“, so Halemba. Da die Gesamtkosten auf über 250 Millionen US-Dollar geschätzt würden, sei eine gemeinsame Kraftanstrengung aller christlicher Kirchen nötig. Dazu hat „Kirche in Not“ zusammen mit der syrisch-orthodoxen, der syrisch-katholischen und der chaldäisch-katholischen Kirche ein Wiederaufbau-Komitee ins Leben gerufen. Halemba steht ihm derzeit vor. Auch die Ordensfrauen Luma und Nazek finden diese Zusammenarbeit gut: „Die Menschen nehmen wahr, dass die Christen zusammenhalten und die Entscheidungen allen gemeinsam zugutekommen.“

Christliche Flüchtlingsfamilie im Irak mit Lebensmittelpaket von Kirche in Not.

Kirche in Not

Halemba und seine Mitstreiter sind davon überzeugt, dass die Ortschaften der Niniveh-Ebene größtenteils von den kurdischen Peschmerga-Truppen kontrolliert würden. Dies sei eine Grundvoraussetzung, um die Sicherheit der Christen zu gewährleisten. „Neben der äußeren Sicherheit brauchen die Christen auch eine geistliche Heimat und tatkräftige Hilfe – so wie sie die Dominikanerinnen von Telskuf leisten.“ Halemba hofft, dass die Instandsetzung der Klosteranlage bald beginnen kann. Eine Hoffnung, die Schwester Luma und Schwester Nazek teilen: „Nicht nur die Menschen brauchen uns – auch wir haben Sehnsucht nach den Menschen in unserer Heimat. Bald werden wir wieder vereint sein.“

Von Daniele Piccini und Tobias Lehner, Kirche in Not