China will neue Seidenstraße

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  • China - 15.05.2017

China plant eine neue Seidenstraße. Ein riesiges Handelsnetz zwischen Asien und Europa soll den weltpolitischen Einfluss Pekings erhöhen. Schon vor Jahrhunderten wurden auf der Seidenstraße Waren und Ideen verbreitet.

Die Seidenstraße – ein beinahe mythischer Begriff wird derzeit modernisiert. Europäer denken an Marco Polo, Schätze des Ostens und geheimnisvolle Welten – ex oriente lux. Chinas Staatsführung hat da ganz andere Assoziationen: Mit dem Megaprojekt „Neue Seidenstraße“ will Peking ein neues Handelsnetzwerk zwischen Asien und Europa spannen. Mit einem Volumen von rund 900 Milliarden Dollar ist es das größte Investitionsprogramm seit dem Marshallplan von 1948.

Ein neuer Globalisierungsschub: Es geht um Pipelines und Kraftwerke, ein Netzwerk aus Straßen, Eisenbahnen, Häfen und Flughäfen zwischen Asien und Europa. Und es geht um Chinas Ruhm und Einfluss. Vertreter von rund 130 Ländern nahmen am Wochenende am Seidenstraßen-Gipfel in Peking teil, darunter 29 Staats- und Regierungschefs von Putin bis Duterte.

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Das Machtverhältnis im weltweiten Handel ist ungerecht verteilt – zumeist sind es Großkonzerne, die die Bedingungen des Handels bestimmen. Kleinbauern haben indes kaum eine Chance, im weltweiten Wettbewerb zu bestehen.


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Es war der britische Historiker Peter Frankopan, der im Herbst 2016 mit seinem Buch „Licht aus dem Osten“ (im Original „The Silk Roads“, Die Seidenstraßen) für einen Perspektivwechsel im europäischen Denken warb. „In unserer Welt kommen Licht und Aufklärung immer aus dem Westen und nichts Gutes aus dem Osten“, kritisierte er mit Blick auf gegenwärtige Krisen im Nahen Osten und eine Jahrhunderte währende technologische und wissenschaftliche Überlegenheit Europas.

Der Leiter des Zentrums für Byzantinistik an der Universität Oxford verweist darauf, dass auf vielen mittelalterlichen Karten die Mitte der Welt im Osten lag, in Jerusalem. Luxusgüter, Ideen und Religionen wanderten über die Seidenstraßen von China bis nach Venedig, Amsterdam und London.

Europa – ein Wurmfortsatz Asiens

Europa war Jahrhunderte ein unterentwickelter Flecken Erde, Peripherie, ein Wurmfortsatz Asiens. „Bis 1500 oder 1600 lebten Intellektualität, Forschergeist und Neugier im östlichen Teil der Welt. Dass Europa zum Motor von Wissenschaft, Entdeckungen und Kultur wurde, ist relativ neu, wenn man das große Ganze betrachtet“, schreibt Frankopan.

Er beginnt seine Zeitreise mit dem Perserreich, das vom 6. Jahrhundert vor Christus an ein Gebiet beherrschte, das von den Küsten der Ägäis bis zum Himalaja reichte. Die Welt sei damals schon globalisiert gewesen, betont er. Auch China expandierte nach Westen und handelte mit den Nomaden der Steppe – Pferde gegen Seide. „China hatte ein Tor zu einem transkontinentalen Netzwerk aufgestoßen – das war die Geburtsstunde der Seidenstraße“, schreibt der Historiker.

Ihre Verzweigungen sind für Frankopan die Adern, die Europa und Asien immer enger miteinander verbanden. Mit dem Handel wurden nicht nur Waren, sondern auch Ideen und Kenntnisse ausgetauscht. Auch für Rom war nördlich der Alpen kaum etwas zu holen. Reichtum und Gewinn kamen aus dem Osten. Glas, Silber, Gold und Korallen sowie Weihrauch aus Arabien gelangten ans Mittelmeer.

Austausch der Religionen und Werte

Auch die Ausbreitung von Buddhismus, Christentum, Islam und Zoroastrismus vollzog sich auf diesen Handelsrouten. Dazu gehörten auch die arabische und jüdische Gelehrsamkeit, die Weiterführung griechischen Wissens durch arabische Autoren und die Verbreitung islamischer Architektur von Samarkand bis Spanien. Genau so verbreitete sich die Pest im 14. Jahrhundert: In Pelzen und Fellen, die auf der Seidenstraße gehandelt wurden, gelangte der Floh, der das Pestbakterium überträgt, nach Europa.

Erst im Zeitalter des Kolonialismus rückte Europa von der Peripherie in die Mitte: Niederländische, britische und französische Kaufleute und Militärs brachten seit dem 15. Jahrhundert auch große Teile Asiens unter Kontrolle. Antriebsmittel, so der Historiker, waren nicht zuletzt die gegenseitige Konkurrenz der verfeindeten europäischen Mächte und Beutegier. Derzeit, so zeigt sich Frankopan überzeugt, zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab: „Das Zeitalter des Westens ist an einem Scheideweg angelangt – wenn nicht gar an seinem Ende.“

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