„Menschen im Osten brauchen Perspektiven“

  • Osteuropa - 11.05.2017

Ein Mehrfamilienhaus im Hintergrund, davor ein Balkon, auf dem sich eine Familie für ein Gruppenfoto aufgestellt hat. Die Mutter lächelt freundlich in die Kamera, die siebenjährige Tochter Alina tut es ihr gleich. Doch etwas stimmt an dieser Familienidylle nicht – der Vater fehlt. Er umfasst zwar die Schultern seines Kindes, doch zu sehen ist nur sein Umriss. Sein Platz bleibt unausgefüllt, weil er im Ausland ist, um Geld für die Familie zu verdienen.

Mit diesem Plakat wirbt das katholische Osteuropahilfswerk Renovabis für seine Pfingstaktion 2017. „Bleiben oder Gehen? – Menschen im Osten Europas brauchen Perspektiven“ lautet das Motto. Denn immer mehr Osteuropäer kehren aus wirtschaftlichen Gründen ihrer Heimat den Rücken. Zurückbleiben die Alten, Kranken – und die Kinder. Seit Jahren schon dauert diese Arbeits- und Armutsmigration von Ost nach West innerhalb Europas an. Die Probleme sind gewaltig, wie Renovabis-Hauptgeschäftsführer Christian Hartl erinnert. Das gelte in sozialer Hinsicht für die auseinandergerissenen Familien, aber auch in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder.

Durchschnittseinkommen von 706 Euro

Ein Beispiel ist Litauen. Knapp drei Millionen Einwohner zählt die baltische Republik. Doch statistisch gesehen lebt jeder 15. Litauer in Großbritannien. Auch in Irland oder Norwegen wächst die litauische Bevölkerung. Seit dem EU-Beitritt 2004 wandern vor allem junge Leute aus ihrer Heimat ab, um ihr Glück im Ausland zu versuchen. Experten zufolge sind es höhere Gehälter, die die Menschen locken. Denn das litauische Durchschnittseinkommen betrug laut der europäischen Statistikbehörde „Eurostat“ 2014 gerade mal 706 Euro im Monat.

Dossier

„Bleiben oder Gehen?“ lautet das Motto der diesjährigen Renovabis-Pfingstaktion. Das katholische Osteuropawerk wirbt um Solidarität und Unterstützung für Arbeitsmigranten und ihre Familien.


Zum Dossier

Auch Menschen mit guter Ausbildung wie Lehrer emigrierten und verdienten selbst in unterqualifizierten Berufen im Ausland mehr Geld als Zuhause, weiß die in Vilnius lebende Journalistin Vytene Stasaityte. In Rumänien geht es den Menschen nicht anders. Vom Land kommend versuchen viele erst einmal in der Hauptstadt Bukarest einen Job zu finden, ein Großteil aber geht gleich in den Westen. Ganze Gebiete verwaisen so und mit ihnen die Kinder. „Euro-Waisen“ werden sie genannt, wenn ein Elternteil oder gar beide im Ausland arbeiten.

Im Caritas-Zentrum „Maria Stein“ in Petrosani kümmern sich die Betreuerinnen um solche Mädchen und Jungen. Vom Ruhm und Glanz der „Stadt der Kohle“ im sogenannten Ruhrgebiet Rumäniens ist nur noch wenig über. Über 100.000 Minenarbeiter gab es einst im Tal, heute leben nach Informationen von Renovabis gerade einmal 6.000 Menschen vom Bergbau, die letzten Zechen sollen 2018 schließen. Von knapp 70.000 Einwohnern Ende der 1980er Jahre seien heute nur noch gut die Hälfte übrig geblieben.

Spielzeuge schicken die Eltern per Post

Ramona Bulzan ist Psychologin in dem kirchlichen Familienzentrum. Sie weiß, dass die Kinder ihre Eltern vermissten. Computer, Spielsachen oder andere teuere Geschenke, die diese ihnen nach Hause schickten, machten sie nicht glücklich. „Aus psychologischer Sicht ist Migration für Familien nichts Gutes“, sagt Bulzan. Kinder bräuchten ihre Eltern.

In Litauen sind inzwischen Leute wie Linas Stankus dabei, die Menschen wieder zur Rückkehr zu bewegen. Dafür hat der Businessman eigens die Internetseite „Back to LT“ gegründet. Zudem reist er ins Ausland, um seine Landsleute zu motivieren, doch ihre gewonnenen Erfahrungen für ihre Heimat zu nutzen. Auch Renovabis-Hauptgeschäftführer Hartl will mit den Partnern in Osteuropa Projekte realisieren, um den Betroffenen Perspektiven zu bieten. Niemand sollte gehen müssen, sondern in seiner Heimat bleiben können und dort eine Zukunft haben, so seine Überzeugung.

Das Hilfswerk fordert aber auch einen fairen Umgang mit Zuwanderern aus Osteuropa hierzulande. Die Migranten befänden sich oft in prekären Situationen. „Sie müssen vor Ausbeutung durch Arbeitgeber oder Vermieter, aber auch vor Gewalt geschützt werden“, so der Renovabis-Hauptgeschäftsführer. Renovabis selbst leistet seinen Teil dazu. Das Hilfswerk mit Sitz in Freising hat seit 1993 in gut 22.600 Projekte knapp 697 Millionen Euro investiert.

© KNA