„Die Verzweiflung verbirgt sich“

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Gestern hat Eduard Shevchenko in den Wäldern Pilze gesammelt, heute bringt er seiner Frau Oksana einen schweren Kürbis mit nach Hause. Wie eine Trophäe, die das Überleben erleichtert. Wobei der Begriff von einem Zuhause falsche Vorstellungen weckt. Zu oft haben die Shevchenkos mit ihren zwei Kindern seit ihrer Flucht die Wohnung wechseln müssen. Fünf Mal in achtzehn Monaten. Um zu erklären, weshalb ihre Familie den Osten der Ukraine verlassen hat, braucht Oksana keine Worte.

Oksana Shevchenko vor ihrem Computerbildschirm. Die Schrecken und Erinnerungen an den Krieg hat sie miterlebt. Auf Fotos zeigt sie die Zerstörung in ihrer Heimatstadt.

Rolf Bauerdick

Sie zeigt verstörende Bilder, die sie mit ihrem Handy in Donezk geknipst hat: Ruinen, Schutthalden, Trümmerlandschaften. Die nackte Fassade ihres Wohnblocks, der verwüstete Marktplatz ihres Viertels, der ausgebrannte Kiosk um die Ecke. „Den Krieg haben wir hinter uns gelassen“, sagt die 42-Jährige, „aber die Angst und die Unsicherheit blieben.“ Auch im beschaulichen Truskawez, einem Karpatenstädtchen im Westen der Ukraine. „Wir waren froh, endlich eine gute Wohnung gefunden zu haben, in der Nähe der Schule unserer behinderten Tochter Tanja. Aber die Vermieterin, eine Migrantin, die in Italien gearbeitet hat, kehrt zurück. Nun müssen wir das Appartement wieder räumen.“

Camilla, die Tochter, der Familie Bekirov macht ihren Eltern viel Freude. Sie spielt alte tatarische Volksweisen auf der Geige. Die Bekirovs wurden von der Krim nach Drohobytsch vertrieben.

Rolf Bauerdick

Auch die Tatarenfamilie Bekirov lebt heute in der westukrainischen Stadt Drohobytsch. Um ihr die Heimat auf der Krim zu nehmen, bedurfte es keiner Bomben. Ein politischer Machtwechsel reichte aus. Noch immer spricht Amet Bekirov laut und klar, so wie er es aus seinem früheren Leben als Lehrer gewohnt ist. Er unterrichtete Englisch und führte in seiner Freizeit Touristen aus aller Welt durch die geschichtsmächtige Palaststadt Bachtschyssaraj.

Bis die Schwarzmeerhalbinsel im März 2014 nach einem umstrittenen Referendum von der Ukraine entkoppelt und von Russland annektiert wurde. „Nur wenige Wochen später war das Schulwesen umgekrempelt“, so Bekirov. „Vor den Gebäuden wehten russische Flaggen. In den Klassenzimmern hingen die Porträts Putins, die Schulbücher waren propagandistisch umgeschrieben.“ Nach der herrschenden Geschichtsdeutung gelten die muslimischen Krimtataren, die schon unter Stalin deportiert wurden, nunmehr als Feinde Russlands.

Zwischen 20.000 und 30.000 von ihnen haben die Krim bereits verlassen. „Unter den Russen wurde uns als Lehrern das doppelte Gehalt versprochen“, sagt Amets Ehefrau, die Informatiklehrerin Dilyara. „Aber wir konnten doch nicht unsere Identität verkaufen!“ Um im Exil die eigene Kultur zu bewahren, haben die Eltern ihrer Tochter Camilla eine Geige geschenkt. Darauf erlernt die Siebenjährige alte tatarische Volksweisen.

Andrij Berkos Schreinerei in Luhansk ist in den Kriegswirren in der Ostukraine zerstört worden. Immerhin brachte er seine Familie in Sicherheit: „Ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Zukunft.“

Rolf Bauerdick

Früher besaß Andrij Berko eine Schreinerei und beschäftigte sechs Angestellte. Heute passt der Besitz des 55-Jährigen in eine Reisetasche. Seine Werkstatt lag in der Oblast Luhansk, dem östlichsten Verwaltungsbezirk der Ukraine, der 2014 von prorussischen Separatisten zur autonomen Volksrepublik ausgerufen wurde. „Als die Front näher rückte, hoffte ich, die Firma würde vom Krieg verschont bleiben. Aber die Granaten durchschlugen das Dach und zerstörten alle Maschinen.“ Berko brachte seine Familie in Sicherheit. Um den Preis eines Lebens aus dem Koffer. „Ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Zukunft.“

2015 gelangten seine Frau, der Sohn und die Tochter nach Süddeutschland und beantragten Asyl. Während die Kinder heute in Bayern zur Schule gehen, blieb Andrij Berko in Drohobytsch zurück. Ein Zimmer im Migrantenheim der Caritas bewahrt ihn vor der Obdachlosigkeit. Zur Ruhe kommt er nicht. „Das Verdammt-sein zur Untätigkeit macht mich krank, die Trennung von Frau und Kindern schmerzt.“

Der Bürgerkrieg hat die soziale Misere in der Ukraine nicht geschaffen, aber er hat sie dramatisch verschärft. Um die Situation der Menschen zu beschreiben, benutzt Natalia Holynska den von Karl Marx geprägten Begriff des „Lumpenproletariats“. Die Verwahrlosung und Verelendung großer Bevölkerungsgruppen nimmt zu, eine Folge auch der extrem niedrigen Löhne im Mittelstand, selbst unter Akademikern. Natalia Holynskas Ehemann verdient als Kinderarzt 100 Euro im Monat. Gelernte Pflegekräfte müssen sich mit 70 Euro begnügen. Wenn überhaupt. Im Hospital der Kleinstadt Stebnyc hat der Staat dem Klinikpersonal seit drei Monaten kein Gehalt ausgezahlt. Die ersten Krankenschwestern haben sich bereits nach Tschechien abgesetzt.

Auch der Schreiner Andrij Berko hat sich ein Arbeitsvisum besorgt. Es erlaubt ihm, für ein halbes Jahr nach Polen zu gehen. Dort will er sich als Waldarbeiter verdingen, für niedrigsten Lohn. „Ich nehme jede Arbeit an“, sagt der ehemalige Unternehmer, „wenn ich nur wieder mit meiner Frau und meinen Kindern zusammenkommen kann.“

Igor geht zu den Pfadfindern und möchte unbedingt Messdiener werden. Danelo findet es in dem Karpatendorf gut: „Ich gehe nie mehr zurück nach Luhansk. Hier ist es gut.“

Rolf Bauerdick

Gehen oder bleiben? Nicht immer fällt die Entscheidung der Flüchtlinge gegen die ukrainische Heimat aus. Vor allem dann nicht, wenn sich die Menschen nicht allein gelassen fühlen. Die Brüder Igor und Danelo, 13 und 16 Jahre alt, haben jedenfalls mit ihrer Großmutter Natalia und Mutter Irena in dem weltfernen Dorf Mayi Nynzi ihr neues Zuhause gefunden. „Wir vermissen das alte städtische Leben in Luhansk nicht“, meint Irena. Auch wenn sie in dem Karpatenweiler auf jeden Alltagskomfort verzichten muss.

Die Wäsche wird von Hand gewaschen, frisches Wasser muss aus dem Ziehbrunnen geschöpft werden und die Notdurft verrichtet man in einem Bretterhäuschen im Garten. „Aber die Caritas hat uns mit Hilfsgütern unterstützt, und wir wurden in die Gemeinschaft der griechisch-katholischen Gemeinde aufgenommen“, sagt Natalia. Ihr Enkel Igor geht regelmäßig zu den Pfadfindern und möchte unbedingt Messdiener werden. Und Danelo, der die elfte Klasse besucht, erklärt entschieden: „Ich gehe nie mehr zurück nach Luhansk. Hier ist es gut. Hier habe ich meine Freunde gefunden.“ Das einzige, was Danelo in seinem neuen Leben vermisst, ist sein Computer. „Den musste ich bei der Flucht zurücklassen.“

Von Rolf Bauerdick

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