„Wir verlieren unsere Bevölkerung“

  • Litauen

Jeden Tag entsteht eine Schlange am Schalter vom Vilniuser Flughafen. Viele junge Leute sind darunter, die nach London wollen. Viele haben nur ein One-Way-Ticket, denn die wenigsten wollen dort Urlaub machen. Die meisten fliegen zur Arbeit.

Auch Edgaras Kruminas stand vor drei Jahren in dieser Schlange. Der 26-Jährige hatte Schwierigkeiten an der Uni, und Jobs für Studienabbrecher gab es keine. Als ihm ein Freund über Facebook davon schrieb, dass es in London „viele Jobs für gutes Geld“ gibt, ging es schnell. „Ich habe mich von der Uni abgemeldet und keine Woche später war ich in London“, sagt Edgaras. In England fand er gleich Arbeit auf dem Bau, später in einer Sicherheitsfirma.

Jeder 15. Litauer lebt in Großbritannien

Rund 200.000 Litauer leben in Großbritannien. Verglichen mit Litauens Gesamtbevölkerung eine große Zahl: Gleich nach der Unabhängigkeit 1990 zählte Litauen fast vier Millionen Einwohner. Heute hat das Land, das nicht ganz so groß ist wie Bayern, knapp drei Millionen Einwohner. Jeder 15. Litauer lebt statistisch in Großbritannien. Und auch in anderen Ländern wie Irland oder Norwegen wächst die litauische Bevölkerung, denn weiterhin wandern viele aus der baltischen Republik ab.

Von einst 3,7 Millionen Einwohnern leben derzeit in Litauen keine drei Millionen mehr. Auch aus der Kleinstadt Pabradė, eine Stunde mit dem Bus von Vilnius, wandern viele aus und zurück bleiben alte Menschen.

Markus Nowak

Zwischen dem EU-Beitritt 2004 und der Finanzkrise 2009 waren es im Durchschnitt „nur“ 16.000 Menschen jährlich. 2010 schoss die Zahl auf 84.000 Menschen im Jahr. Und selbst 2015 waren es weitere 38.000 Litauer, die ihr Glück im Ausland suchten. Experten wie Audra Sipavičienė von der Hilfsorganisation „Internationale Organisation für Migration“ (IOM) sprechen von einem der größten Probleme des Landes. „In Zahlen gesprochen ist unser Land in den letzten Jahren um fast ein Viertel geschrumpft“, konstatiert Sipavičienė. „Wir verlieren unsere Bevölkerung.“

Experten sind sich über die Ursachen für die hohe Abwanderung einig. „Die Leute wollen vor allem höhere Gehälter“, sagt die Vilniuser Journalistin Vytenė Stašaitytė. Der europäischen Statistikbehörde „Eurostat“ zufolge betrug das litauische Durchschnittseinkommen im Jahr 2014 706 Euro im Monat, zur gleichen Zeit lag es in Deutschland bei über 3.000 Euro brutto. „Auch Menschen mit guter Ausbildung wie Lehrer emigrieren und verdienen selbst in unterqualifi-zierten Berufen dort mehr Geld als Zuhause“, beobachtet Stašaitytė.

Ieva Čičelytė arbeitet für ein Willkommenszentrum der Caritas und macht Sprachkurse für Flüchtlinge.

Markus Nowak

Auch Ieva Čičelytė stand nach ihrem Studium in Sozialarbeit einst vor der Frage: „Auswandern oder nicht?“ Ein Jahr war sie als Freiwillige in Deutschland, „aber ich spürte, dass das nicht mein Land ist.“ 2004 war das. „Ich bin eine Patriotin“, sagt sie und kehrte zurück.

Heute arbeitet sie selbst daran, dass die wenigen Menschen, die nach Litauen einwandern wollen, auch eine Zukunft haben. Als Leiterin eines Caritas-Willkommenszentrums berät Čičelytė Flüchtlinge und Migranten aus der benachbarten Unterkunft für Asylwerber in Pabradė, etwa eine Stunde mit dem Bus von Vilnius entfernt.

Zwar sei Litauen für die meisten Flüchtlinge nur ein Transitland, stellt die Sozialarbeiterin fest. Doch die Flüchtlinge als „Ausgleich“ für den Rückgang der eigenen Bevölkerung sehen nur die wenigsten Litauer.

Linas Stankus ist litauischer Unternehmer und will Litauer wieder aus dem Ausland ins Land zurückholen.

Markus Nowak

Rückhol-Initiative „Zurück nach Litauen“

Es entstehen nun Initiativen, die eigene Bevölkerung zur Rückkehr zu animieren. Linas Stankus etwa hat eine Internetseite gegründet und bereist Länder mit vielen litauischen Auswanderern. „Back to LT“ nennt er seine Initiative. „Ich will unsere Leute aus dem Ausland zurückholen“, sagt der Businessman. Viele seien durch ihr Leben im Ausland an Erfahrungen reicher, die auch in Litauen benötigt werden, ist sich Stankus sicher. Auch für Edgaras Kruminas ist das Leben in London eine neue Erfahrung.

Nach zwei Jahren in England ging jedoch seine Beziehung zu Bruch und er fasste den Entschluss zur Rückkehr. „Ich hatte genug“, erinnert er sich. Heute hat er sein Studium wieder aufgenommen; ins Ausland würde er nur für ein Semester nach Spanien gehen. Wenn er sich wieder in eine Flughafenschlange einreiht, dann nur mit Rückflugticket.

Von Markus Nowak

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